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Ältere MitarbeiterMit 55 Jahren plötzlich gefragt

Gunter Irmler, vom 23.06.2012 16:27 Uhr
„Wenn man genug Erfahrung gesammelt hat, ist man zu alt, um sie auszunutzen“ – ein Zitat des englischen Schriftstellers William Somerset Maugham. Von Unternehmen wird ein Umdenken in Bezug auf ältere Mitarbeiter gefordert. Foto: Rosenfeld/Lage
„Wenn man genug Erfahrung gesammelt hat, ist man zu alt, um sie auszunutzen“ – ein Zitat des englischen Schriftstellers William Somerset Maugham. Von Unternehmen wird ein Umdenken in Bezug auf ältere Mitarbeiter gefordert.Foto: Rosenfeld/Lage

Stuttgart - Keine Chance auf den Jobeinstieg? Vielen qualifizierten und hoch qualifizierten Menschen, die älter als 50 und arbeitslos sind, wird er verweigert. Doch einige Unternehmen setzen ganz bewusst auf die Älteren als Leistungsträger.

Wie das Ingenieurbüro Fahrion Engineering in Kornwestheim am Rand von Stuttgart. In einem Besprechungszimmer trifft sich dort ein 20-köpfiges Team von Ingenieuren, Technikern und Konstrukteuren. Projektleiter im Team ist der 62-jährige Helmut Grollmuss. „Wir entwickeln gerade eine neue und zusätzliche Produktionsstätte für einen Solaranlagenhersteller in Kanada”, erläutert Grollmuss. Heute plant er den Bau großer Fabriken - zuvor war er über ein Jahr verzweifelt auf Stellensuche. Er hatte 50 Bewerbungen geschrieben. „Oft hatten mir die Firmen nicht einmal geantwortet”, erinnert sich Grollmuss. Kurze Zeit war er arbeitslos. Die Wende kam erst, als ihn mit 57 sein jetziger Arbeitgeber mit offenen Armen aufnahm.

Was hat den Inhaber Otmar Fahrion, 71, dazu bewogen, Grollmuss und viele andere Ältere einzustellen? Mit 85 Ingenieuren und Technikern entwickelt der Ingenieurdienstleister Produktionsstätten für Audi und Bosch, für Luftfahrtunternehmen, Werften und Solartechnik. Vor allem in Deutschland, aber auch in Südamerika und den USA, in Kanada und in Slowenien. Die Hälfte der Mitarbeiter ist über 50 Jahre alt.

Fahrion hatte beim Ringen um die gefragten Ingenieure vor Jahren zuerst einmal das Nachsehen. Ein Job bei Porsche oder Daimler schien bei jungen Hochschulabsolventen, auch wegen des Gehalts, einfach begehrter als bei Betrieben mittlerer Größe.

Gesundheit wird vermehrt zum Thema

Der Ingenieurdienstleister änderte seine Strategie. Mit einer provozierenden und plakativen Stellenanzeige. „Mit 45 zu alt, mit 55 überflüssig? Wir suchen Ingenieure, Techniker und Meister bis 65.” Das schlug ein: Über 500 Bewerbungen stapelten sich auf dem Schreibtisch des Firmenchefs.

„Unter den Bewerbern waren 180 motivierte und hoch qualifizierte Ingenieure”, erinnert sich Fahrion. Auch nach der letzten Wirtschaftskrise hat er zehn neue Mitarbeiter eingestellt - darunter wieder die Hälfte über 50-Jährige. Der Ingenieurmangel: eine Legende im Zeitalter des Jugendwahns?

„Ein zuvor arbeitsloser erfahrener Ingenieur übernimmt bei uns bald nach der Einarbeitung die Projektleitung”, sagt Fahrion. „Der über 50-Jährige kennt die komplexen Werkstrukturen und wirkt aus der Sicht unseres Kunden vor Ort in den Projekten glaubwürdiger als ein junger Ingenieur.” Ein Job für Generalisten, die weltweit mobil und flexibel sind. Heute ist eine Werkzeugmaschinenfabrik das Thema, morgen geht es um eine Werft. Und aller Vorurteile zum Trotz ist der Krankenstand nicht höher als im Durchschnitt aller Firmen.

Das Potenzial der „Oldies” ist auch bei Katjes Fassin gefragt. Das Werk Potsdam-Babelsberg stellt Lakritz- und Fruchtbonbons her. Dort tragen Fachkräfte und Produktionsmitarbeiter weiße Hauben, weiße T-Shirts und grüne Hosen. „Rund die Hälfte unserer 78 Mitarbeiter ist über 50 Jahre alt”, berichtet Werkleiter Manfred Kappler, 62. Fast alle von ihnen waren zuvor lange Zeit arbeitslos. Umsatz wie Produktion steigen Jahr für Jahr stetig an. „Die Älteren haben ihr Können hier optimal umgesetzt”, sagt Kappler.

Für die Eingliederung älterer Langzeitarbeitsloser gibt es einen staatlichen Zuschuss: ein Anreiz für Arbeitgeber. „Die besondere Erfahrung und Zuverlässigkeit der Mitarbeiter waren aber der Hauptgrund für die Einstellungen”, sagt Kappler. Und wer bei Katjes Fassin arbeite, bleibe fast immer bis zum Eintritt ins Rentenalter.

Für die Gesundheit an den Arbeitsplätzen hat das Katjes-Management etwas getan. So haben jetzt Experten der örtlichen Ortskrankenkasse die Arbeitsabläufe analysiert: zum Beispiel beim Bestücken der Paletten. Sie haben Empfehlungen ausgesprochen für ergonomisch angemessene Arbeitshaltungen. „Kleine Hebebühnen entlasten nun die Mitarbeiter, wenn sie ihre Kisten mit den Bonbons heben”, sagt Kappler. Auch einen Gesundheitstag und eine Rückenschule über zehn Tage im Jahr bietet das Unternehmen seinen Beschäftigten.

Stereotype und rückenschädigende Arbeitsabläufe, zum Beispiel langes Arbeiten im Sitzen im Büro, sind auch Firmeninhaber Otmar Fahrion ein Dorn im Auge. Orthopädische Bürostühle sind im Einsatz. „Unsere Mitarbeiter können ihre Arbeit auch am Stehpult verrichten”, sagt Fahrion. Gesundheit findet in Besprechungen mit den Mitarbeitern einen höheren Stellenwert als früher. Und wer in der Umgebung wohne, fahre, sofern möglich, mit dem Fahrrad zur Arbeit, sagt der Inhaber.

Die Älteren sind motiviert - Betriebe mit altersmäßig gemischten Teams haben im Vergleich bessere Ergebnisse.

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