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Alfdorf Bilder & Video: Vom Rennrad in die Rennflunder

Alfdorf. Ewig schraubt er an ihr herum, poliert, schleift und erträgt all ihre Zicken. Es ist die Liebe zu einer ganz besonderen Lady: Jürgen Clauss, selbstständiger Profilschleifer im Alfdorfer Weiler Brech, sammelt und restauriert Alpine-Rennautos, alte französische Rennflundern.

Alpine A110 1800 Gr. IV Paint Shop - Quelle: Youtube

„Meine Allererste“, sagt Jürgen Clauss, „hab ich mir damals als junger Kerle zugelegt.“ Die Rede ist von der 1300er Alpine, einer Straßenversion. Gerade frisch zum Bund gekommen, tauschte er seinen alten Golf GTI gegen einen der flachen, blauen Straßenflitzer ein. „Damals, Anfang der 70er Jahre, haben die Autos eine große Rolle im Rennsport gespielt. Ich habe mir damit einen Traum erfüllt.“

Einen Traum, den selbst sein Vater nicht nachvollziehen konnte. Die Männer der Familie Clauss waren bis dato nicht besonders motorsportbegeistert. „Eigentlich waren wir alles Radrennsportler.“ Auch Jürgen Clauss wähnte bis dahin als Gefährt unter seinen Hintern lieber ein unmotorisiertes Zweirad, statt einer Alpine mit Heckmotor und den typischen vier Hauptscheinwerfern. Doch bei den vielen Trainingsfahrten in und rund um den Welzheimer Wald kam er auf den Geschmack. Er verliebte sich in die wendigen kleinen Autos.

Der Fahrspaß an dem alpinblauen Franzosen hielt rund 18 Jahre. In der Zeit hat Clauss immer wieder an seinem Auto herumgebastelt, restauriert und optimiert. „Irgendwann ging mir dann die Unzuverlässigkeit des Autos auf die Nerven.“ Heißt: tolle Autos für den Fahrspaß, als Alltagsfahrzeuge eher ungeeignet. „Mit Glück bringt man eine Kiste Sprudel in den Innenraum.“ Grund genug, mit seiner Alpine jemand anderen glücklich zu machen. Im Zuge dessen lernte er einen Schweizer kennen, der in ihm eine neue Begeisterung für die Alpine weckte. Diesmal aber für die Motorsportversionen des Autos, die S-Versionen. Mittlerweile hat er vier davon, alle mit Rennhistorie, in seiner Halle stehen. Wettbewerbsfahrzeuge also, die schon von namhaften Piloten gelenkt und bei diversen Rennen über die Ziellinie fuhren.

Ein Fünftes, das momentan nur aus Einzelteilen und einer weißen so typischen Fieberglaskarosserie besteht, schleift er sich gerade zu einer Rennflunder heran. Seit November bastelt er schon an ihr. „Das wird noch dauern, bis sie fertig ist.“ Insgesamt kann er schon mal an die 3000 Arbeitsstunden in ein Fahrzeug investieren. Und das, obwohl Clauss nahezu ein Experte auf dem Gebiet dieser speziellen Restaurierung ist. Anleitungen, wie man die Rennversionen der Autos, in ihren Originalzustand zurückversetzen kann, gibt es nicht. Es sei eben nicht wie ein Porsche, über den könne man viele Handbücher finden. Er mag diese Autos auch, aber das hier zu erlernen habe viele Jahre und Mühe gekostet, so der Alfdorfer.

Kein Auto, das am Reißbrett konstruiert wurde

„Eine Alpine ist kein Porsche, kein Großserienauto. Das wurde als Serie gefertigt, da wird ein Kotflügel gepresst oder eine Motorhaube, die passt an jedes Auto genau.“ Alpines sind in Handarbeit gefertigt, so Clauss, und unterliegen dementsprechend Toleranzen und Abweichungen. „Man kann keine Motorhaube von einem auf das andere Fahrzeug übertragen. Jedes Teil muss speziell auf das Auto zugeschnitten werden, kein Ersatzteil, das man bekommt, passt. Das ist manchmal nervenaufreibend und mühsam.“ Die Alpine-Jungs, erklärt er, seien zwar wie eine Familie gewesen, ein kleines Werk, in dem jeder mit der Marke so gut wie verheiratet war. Die Qualitätsansprüche aber seien auch nicht die eines Porsches gewesen.

„Man kann aber heute bei der Restauration einiges optimieren und besser machen. Aber sie ist eben nicht am Reißbrett konstruiert, sondern ein improvisiertes Fahrzeug.“ Trotz der Tatsache, dass die Marke zu Renault gehört, hört man diesen Markennamen nicht in Clauss’ Erzählungen. „Alpine wurde als selbstständiges Werk gegründet, die Anfangsjahre war es eigenständig. Deshalb nenne ich die Alpines nicht Renault.“

Die Begeisterung funkelt in seinen Augen und man erkennt, jede Arbeitsstunde, jede Anstrengung hat sich gelohnt. Mittlerweile hat er sogar eine eigene, recht professionell aussehende Plattform im Internet geschaffen, auf der Freunde des alten Rennautos sich austauschen, Nachrichten hinterlassen oder sich Fotos und Videos anschauen können.

Einige Zeit später flitzt Clauss mit seiner 1973er Werksalpine, A 110 1800 Gr IV durch den Welzheimer Wald. Überall das satte Grün der hügeligen Wiesen, dazwischen taucht ganz geduckt seine glänzende blaue Rennflunder auf und fegt über den Weg. Eigentlich ist Clauss selbst nicht mehr oft hinter dem Steuer der Autos unterwegs. „Sie sind nicht ganz zuverlässig, die Gefahr, dass man liegenbleiben könnte, ist zu groß. Selbst wenn ich nur zur Langenburg Historic, einer Oldtimerveranstaltung im Hohenlohischen fahre, eine Veranstaltung für Oldtimerfreunde, benutzt er einen Hänger.“ Zudem sind die Flitzer auch nicht gerade komfortabel.

Der Wert eines solchen Autos? Darüber redet Clauss nicht gerne. „Schreiben Sie einfach, so eine Alpine ist vergleichbar mit einem entsprechenden 1973er Porsche Carrera 911 RS.“ Die Autos seien eigentlich kaum zu bekommen, schon gar nicht in dem Zustand, zu dem er sie hin aufgepäppelt hat. Der Zustand spiele aber beim Kaufpreis auch eine Rolle, welche Rennen es gewonnen hat und welche namhafte Fahrer die Flundern gesteuert haben.

Rob Glenn, einen Ex-Safari-Rennfahrer, hat er in Nairobi ausfindig gemacht. „Der besucht mich im Mai“, sagt Clauss lächelnd. Auch sonst hat der Hobbysammler einige Namen zu bieten: Nein, Walter Röhrl, der deutsche Rallyfahrer des Millenniums, war es nicht, aber die Rennfahrer Jean Pierre Nicolas und Jean-Luc Thérier genießen in Frankreich einen ähnlichen Bekanntheitsgrad.

Für seine Gattin muss Clauss eine Lanze brechen

Die Welt ist eben gar nicht so klein im Weiler Brech. Schließlich kommt Clauss viel herum. Oft war er im Ausland, um Autos oder Teile zu holen, andere Alpine-Liebhaber zu treffen oder um auf Rallyes und Ausstellungen zu gehen. Die französische Sprache beherrscht er allerdings noch nicht ganz. „Nur einige Technikausdrücke.“ Da das Schicksal aber ein glückliches Händchen für Clauss hat, gab es auch dafür eine Lösung: „Meine Frau hat französische Wurzeln, spricht perfekt die Sprache.“ Und so war es für ihn auch kein Problem mit den Schöpfern der alpinblauen Rennflunder in Kontakt zu kommen, den Franzosen.

„Ohne meine Frau hätte ich das Tor nach Frankreich nie geöffnet“, so Clauss. Und auch wenn sie nicht die einzige Frau in seinem Leben ist – „die Alpine ist eine Lady, man muss sie so behandeln, sie hat aber auch ihre Zicken“ – für seine Gattin muss er eine Lanze brechen: „Sie hat mein Hobby immer unterstützt, ich brauche keine Erlaubnis einholen, wie andere, wenn ich mal auf eine Rallye fahre. Es stimmt einfach alles.“ Ganz genauso eben wie bei Jürgen Clauss und seinen alpinblauen Ladys.

Die Marke Alpine

1955 gründete Jean Rédélé die Marke Alpine. Er baute das Auto in der Renault-Werkstatt seines Vaters und befüllte es mit Technikteilen von Renault. Dennoch war das Unternehmen eigenständig.

Renault kaufte 1973 die Aktienmehrheit des Unternehmens Alpine.

1978 übernahm Renault das Werk komplett.

Jürgen Clauss hat eine Homepage für Alpine-Liebhaber ins Leben gerufen: www.alpinelab.de

 

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