Das Urteil ist angemessen, die Begründung tut seelengut, so sahen es gestern alle – nein, fast alle

Winnenden/Stuttgart. Es bleibt dabei, auch wenn das Gericht gestern im zweiten Amokprozess das Strafmaß um drei Monate auf anderthalb Jahre zur Bewährung gesenkt hat: Indem Jörg K. Waffe und Munition heillos schlampig aufbewahrte, hat er sich der fahrlässigen Tötung in 15 Fällen schuldig gemacht.

Alle? Fast alle

Die Stimmung danach


Danach: Erschöpfung, Erleichterung, Dankbarkeit, all das spiegelt sich in den Gesichtern der Hinterbliebenen.

„Der Richter hat mir aus der Seele gesprochen“, sagt Herbert Abele, Vater der erschossenen Lehrerin Michaela Köhler, „das ist ein Rechtsspruch, mit dem ich leben kann.“

„Die Begründung des Richters fand ich richtig klasse“, sagt Birgit Schweizer, Tochter der erschossenen Schülerin Selina; jetzt, da dieser zweite Prozess zu Ende ist, der sie alle noch einmal so wuchtig zurück in die Vergangenheit gestoßen und mühsam angelaufene Verarbeitungsprozesse unterbrochen hat, jetzt „kann ich endlich anfangen zu trauern.“

„Die Urteilsbegründung war ganz wichtig für uns“, sagt Doris Kleisch, Mutter der erschossenen Schülerin Steffi, „uns ist es nicht darauf angekommen, dass eine möglichst hohe Strafe rauskommt, uns ist wichtig, dass Herr K. Verantwortung übernimmt.“

Drei Monate Bewährungsstrafe mehr oder weniger, das ist „völlig irrelevant“, sagt Gisela Mayer, Mutter der erschossenen Referendarin Nina, wichtig ist das „deutliche Signal an alle Waffenbesitzer“.

Es geht, als die Entscheidung gefallen ist, ruhig zu vor dem Gerichtsgebäude, trotz des heftigen Gedränges aus Presseschreibern, Fotografen, Kameraleuten. Etwas Besonderes ist geschehen an diesem Tag: Diese Prozess-Neuauflage, die über viele Tage hinweg nur geeignet schien, alte Wunden nicht verheilen zu lassen und neue aufzureißen, hat ein erlösendes Ende gefunden, fast wirkt es, als seien alle geeint im selben Gefühlsgemisch aus Erschöpfung, Erleichterung, Dankbarkeit: Gut, dass das Gericht auf fahrlässige Tötung und nicht auf bloßen Verstoß gegen das Waffenrecht entschieden hat. Gut, dass der Richter sowohl menschlich als auch juristisch derart beeindruckend argumentiert hat.

Gut, dass es vorbei ist.

Moment, nein. Die Urteilsbegründung „ist natürlich zum Großteil falsch“ – Hubert Gorka, der Anwalt von Jörg K., nennt die Entscheidung „schlicht rechtlich fehlerhaft“, findet die „Vorwürfe zu weiten Teilen völlig unbegründet“ und schließt: „Ich werde Herrn K. raten, in Revision zu gehen.“

Im falschen Saal

Ein Richter wird deutlich


Leise hat Richter Ulrich Polachowski durch all diese Verhandlungstage geführt, so behutsam, dass manche Journalisten bisweilen auf dem Flur grummelten: Mann, der könnte auch mal ein bisschen schneller reden – so werden wir hier ja nie fertig. Mit Wertungen hat Polachowski sich konsequent zurückgehalten, wenn die Wogen hochschlugen im Saal bei strittigen Fragen, hat er so gelassen moderiert, als wolle er den Zorn förmlich in den Schlaf wiegen.

Und nun, an diesem letzten Tag, offenbart sich: Der Mann verfügt nicht nur über die Tugend der Geduld, sondern auch über die Gabe des deutlichen Wortes.

Er habe es bedauert, sagt der Richter, dass Jörg K. schwieg und schwieg in diesem Prozess; dass „wir nicht miteinander reden konnten“ und das Gericht ohne diesen Austausch „über eine wichtige Frage in Ihrem Leben entscheiden“ musste. Nun gut, er könne „nachvollziehen“, wenn ein Angeklagter finde: „Bevor ich was Falsches sage, das gegen mich verwendet wird, schweige ich lieber und überlasse das meinen Anwälten, die das besser können, die das gelernt haben. Nur: War das wirklich so? Haben Ihre Verteidiger das besser gemacht, als Sie es selber gekonnt hätten?“

Es ist eine außerordentliche Frage, die Journalisten schauen einander an: Hoppla, das nimmt ja eine interessante Wendung.

Hubert Gorka hatte nicht nur die Entscheidung aus dem ersten Prozess als „Unrechtsurteil“ bezeichnet – er sprach auch noch „mit unheilschwangerer Stimme von Menschenrechtsverletzungen. In diesem Moment“, sagt Polachowski, „habe ich gedacht, ich bin im falschen Saal“. Nebenan wurde wegen Völkermordverbrechen in Ruanda verhandelt, es ging um Massenvergewaltigungen und Folter. „In tiefere Fettnäpfchen“, wendet sich Polachowski direkt an Jörg K., „hätten Sie ja auch nicht treten können.“

Manchen Opfer-Angehörigen kommen fast die Tränen, während sie zuhören: Derart verletzt hatten sie sich gefühlt von Gorkas anmaßend schroffer Konfrontations-Verteidigung, dermaßen gewühlt hatte es ihnen, dass sie da zwischen den Zeilen als unbarmherzige Hetzmeute dargestellt wurden, die eine „Hexenjagd“ auf ein armes Opfer veranstaltet und ein Gericht zum „Unrechts“-Spruch drängt, dass es jetzt wie Balsam wirken muss, wenn endlich ein Richter das grotesk Verdrehte gerade rückt.

Schlicht schlampig

Waffen sind gefährlich


Mit großer Fairness begegnet Polachowski dem Angeklagten: Keinen Zweifel lässt der Richter daran, dass dieser Mann mehrfach schlimme Schläge einstecken musste – vor Jahren erkrankte die Frau an Krebs; der Sohn starb; und kurz darauf auch Jörg K.s gramgebrochene Mutter. Da ist das Leben einer ganzen Familie entsetzlich aus dem Gleis gesprungen, wer wollte das verkennen?

Anderthalb Jahre auf Bewährung, drei Monate weniger als im ersten Prozess – Polachowski erklärt, warum: Es sei nicht zu belegen, dass Jörg K. von den Tötungsphantasien wusste, die sein Sohn 2008 in der Weinsberger Psychiatrie offenbarte. Der Richter begründet das dreifach.

Erstens: Jörg K. war in den ersten Polizeivernehmungen nach dem Amoklauf vorbildlich kooperativ und offen. Zum Beispiel erzählte er selbst den Beamten von der offen heurmliegenden Beretta. Das spricht für seine Ehrlichkeit in dieser frühen Phase der Ermittlungen – und dafür, dass er auch die Wahrheit gesagt haben könnte, als er damals erklärte, er sei nicht über Tims Mordgedanken informiert worden.

Zweitens: Die Weinsberger Therapeuten haben jede Aussage zu dieser Frage verweigert und den Angeklagten nicht belastet.

Drittens: Die „unselige“ Kriseninterventionshelferin, die im ersten Prozess zunächst gesagt hatte, ja, die Eltern hätten von den Tötungsphantasien gewusst, ist „eine Katastrophe als Zeugin“: Sie widerrief ihre Aussage, „widerrief dann den Widerruf“ und flüchtete schließlich in angebliche „Gedächtnislücken“.

Aber all das wäscht Jörg K. nicht von Schuld rein. Er war bei der Waffen-Aufbewahrung „schlicht schlampig“. Allein schon die „vielen, vielen hundert Patronen“, die man nach dem Amoklauf im Keller hanebüchen offen herumliegen fand, „sprechen ihre eigene Sprache“.

Dass Jörg K. wegen fahrlässiger Tötung zu verurteilen ist, das ist „für mich völlig glasklar“ – auch wenn Hubert Gorka das „zu vernebeln“ versuche und seinem Mandanten etwas anderes „weismachen“ wolle. Es komme nicht darauf an, ob der Vater die „Tatgeneigtheit“ seines Sohnes „konkret“ hätte erkennen können – es genüge der „abstrakte Gefährlichkeitsverdacht“.

Das ist eine wichtige Klarstellung; sie besagt, dass jeder Waffenbesitzer – jeder! – sich klar – vollkommen klar! – darüber sein muss: Wenn ich mit mörderischem Werkzeug dermaßen achtlos umgehe, kann Entsetzliches geschehen.

Die Chance

Ein Rat für Jörg K.


Eine Urteilsbegründung? Ja. Und mehr: Am Ende ist Richter Polachowskis Vortrag fast ein Plädoyer, eine Seelen-Ansprache. Jörg K. möge bitte gut überlegen, ob er wirklich immer so weitermachen, von Instanz zu Instanz ziehen, die Verantwortung von sich weisen will. „Dieses Verfahren hat auch eine Wirkung auf Ihre Frau und Ihre Tochter.“ Für das Mädchen werde es eines Tages wichtig werden, „wie Sie mit der Ihnen zugewiesenen Schuld umgehen“. Er möge dieses Urteil „als Chance“ begreifen, „Sie können jetzt aus eigenem Antrieb sagen: Gut, und jetzt akzeptiere ich das und stelle mich dieser Schuld.“ Er möge bitte „einfach mal sehen, was Sie sich, Ihrer Familie und den Angehörigen der Opfer von Tim antun, wenn dieses Verfahren in die nächste und nächste und weiß der Kuckuck wievielte Runde geht.“

Danach: Erschöpfung, Erleichterung, Dankbarkeit. Das hat wohlgetan, dass der Richter zum Kurs der Verteidigung „ein deutliches Wort gesagt hat“, findet Herbert Abele.

„Er hat Herrn K. klar gemacht: Jetzt ist es endlich mal gut . . . Das sollte er sacken lassen“, hofft Birgit Schweitzer.

„Das Urteil ist absolut in Ordnung – aber ganz wichtig war die Begründung“, sagt Doris Kleisch.

Solch ein klares Signal „hatte ich mir gewünscht von diesem Prozess“, sagt Gisela Mayer. „Es ist schön, dass dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist.“