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Aus Hamburg Mohna – Glücksfall für den Pop

Gunther Reinhardt, vom 22.02.2012 13:10 Uhr
  Foto: Promo
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Hamburg - Sie versucht Ordnung in die Dinge zu bringen, reiht Früchte auf dem Wohnzimmertisch aneinander, stapelt den Krimskrams, der sich im Lauf der Zeit ansammelt, zu einem einsturzgefährdeten Turm der Erinnerungen auf dem Wohnzimmerteppich an, probiert Pullover aus, die mal ihre Lieblingspullover gewesen sein könnten, vertreibt sich die Zeit in lustvoller Wehmut und singt dazu im trotzig-kindlichen Tonfall: „This is my time/Don’t you dare to take a second out of my brain“ – diese Zeit gehört mir, wage es ja nicht, mir eine Sekunde aus meiner Erinnerung zu stehlen.

Alles ist wertvoll, nichts darf verloren gehen in diesem Song namens „To Do“, in dem in einem sensiblen Rezitativ der Stand der Dinge protokolliert wird. Das Video dazu darf als eine kleine Einführung in die Welt von Mohna gelten, deren Album „The Idea Of It“ (Sunday Service/Indigo) am Freitag erschienen ist – eine Platte, die einen minimalistischen Musikkosmos voller Songkostbarkeiten bereithält, die eher an Stillleben denn an Pop erinnern. Es sind sensible, überempfindliche Stücke, intim, verletzlich und von einer großen Offenheit geprägt, die Mohna, die eigentlich Mona Steinwidder heißt, auf dem Album vor ihren Zuhörern ausbreitet.

Mohna singt schon seit Jahren bei Me Succeeds

Man könnte meinen, diese 26-jährige Künstlerin komme aus dem Nichts. Nicht einmal das sonst doch allwissende Weltgedächtnis namens Wikipedia hat bisher Notiz von ihr genommen. Und das obwohl die Frau aus Hamburg schon seit einigen Jahren in der Band Me Succeeds singt, die sich mit minimalistischen Elektropopversionen von Songs wie „Pump Up The Jam“ hervorgetan hat. Obwohl sie als freischaffende Künstlerin zum Beispiel unter dem Titel „Super Massive Black Hole“ 40 Zeichnungen über das Verschwinden in gebundener Form veröffentlicht hat, die in ihrer Strichführung und im Umgang mit weiß bleibenden Flächen wie eine Übersetzung ihrer Musik erscheinen.

Und obwohl sie schon vor drei Jahren mit „1985 – 1994“ ein unerhört gutes Debüt abgeliefert hat. Nicht nur in den kunstvoll verknappten musikalischen Inszenierungen betörten Kompositionen wie „On The Quiet“, sondern auch durch die Konzeption – schließlich hatte es Mohna gewagt, auf der Platte in mit Klavier, Klarinette, Kontrabass, Geige und Percussion verzierten Momentaufnahmen ihre ersten zehn Lebensjahre zu vertonen, die Kindheit kammermusikalisch nachzuempfinden, die Langsamkeit wiederzuentdecken und für den Pop Minimal Music und Eric Satie neu zu erschließen.

Dunkle Moll-Akkorde verwirren die Sinne

Wie schon das Debüt entstand „The Idea Of It“ in Eigenregie. Die Autodidaktin hat die Songs zum einen auf dem E-Klavier in der Geborgenheit der eigenen vier Wände, zum anderen nach Ladenschluss auf einem Steinway-Flügel im halböffentlichen Raum komponiert. Entstanden sind aus dieser Spannung heraus künstlerische Entwürfe von einer berückenden Klarheit. Lieder wie „Crafts“, das man für einen Moment auch für ein Kinderlied halten könnte. Doch dann beginnen einem die dunklen Moll-Akkorde, die Mohna auf dem Klavier spielt, die Sinne zu verwirren. Aus allen Richtungen scheint ihre Stimme zu kommen, legt sich in immer neuen Tonspuren übereinander. Während sie zu den unruhigen Oktaven in „Ideas“ versucht herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält, sucht sie im bedrohlichen Staccato von „He, She, It“ mit der mädchenhaften, aber angekratzten Stimme, die einmal mehr an Björk erinnert, nach Halt.

Und immer wieder geht es in dieser Musik darum, die kostbare Ordnung der Dinge wiederherzustellen, Verstand und Gefühl wieder zusammenfinden zu lassen. Und selten gelang das besser als auf dem Album „The Idea Of It“, das sich als Glücksfall für den Pop aus Deutschland erweist.

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