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Bad ReichenhallFriede auf Erden den Menschen

Franz Feyder, Franziska Molitor, vom 24.12.2012 09:00 Uhr
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  Foto: Rosi Fürmann
 Foto: Rosi Fürmann

Bad Reichenhall - Dieses Lamm sorgt für Unruhe. Erst bückst es den Hirten aus, die sich im roten Schein eines Lagerfeuers die Hände reiben. Dann mischt es die erwachsenen Artgenossen auf, dass die kleinen schwarzen Ohren nur so schlackern. Dem einen Schaf tänzelt es durch die Beine. Einem anderen stößt es den Kopf gegen die Brust. Blökend unterbrechen die Damen der Schafwelt ihr Abendmahl. Einer fällt gar die Maulvoll Stroh wieder auf den Boden.

Das namenlose Böckchen stört die Ungemach nicht. Es steckt sein Köpfchen ins Ende einer monströsen Holztrompete, mit der sich ein Alphornbläser vor einer Blockhütte postiert hat. Das weiße Teufelchen mit den schwarzen Ohren programmiert Chaos an der Krippe. Schon bevor diese wundersame Sache mit Maria und Josef, Ochs und Esel und Königen überhaupt anfängt.

Drüben im Stall von Bad Reichenhall. Anders als in Bethlehem weist hier im oberbayrischen nicht der Stern den Weg zur Geburtsstätte Jesu. An der Grenze zu Österreich folgen Besucher schlicht den Hin-weisschildern „Stallweihnacht“, die aus der 17 500 Seelen zählenden Stadt in die Reithalle der Hochstaufen-Kaserne führen. Zum Krippenspiel des Einsatz- und Ausbildungszentrums für Gebirgstragtierwesen 230 (EAZ).

54 Maultiere und Haflinger tun bei den Mulis Dienst – einer Einheit, um die Armeen rund um den Globus die Bundeswehr beneiden. Weil die Soldaten und Tiere in Afghanistan und im Kosovo überall dorthin Waffen, Munition, Verpflegung und Verwundete tragen, wo Hubschrauber nicht mehr landen können. Und weil die von den Soldaten liebevoll „Viecher“ genannten Tiere seit 51 Jahren in der Region die Weihnachtszeit beginnen lassen: am dritten Adventswochenende. Fünf Vorstellungen für je 800 Besucher. Ausverkaufte Aufführungen.

In denen liest der Hauptfeldwebel K. die Weihnachtsgeschichte im Licht einer Stalllaterne. So, wie sie der Evangelist Lukas aufgeschrieben hat:

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war.

Tagelang haben die Soldaten gerackert, um Bethlehem in ihre Reithalle zu holen. Wo sonst die „Jager“ lernen, wie sie ihre Mulis durchs Hochgebirge führen oder ihre Haflinger traben lassen, verstellt jetzt ein Tannenwald den Parcours. Förster haben den Gebirgsjägern dutzende Nadelbäume gespendet. Inmitten des Tanns zwei Almhütten aus hellen Stämmen. Jesu Geburtsort sieht hier aus wie eine Alm auf dem 1771 Meter hohen Hohenstaufen, der der Kaserne ihren Namen gab.

In der haben sich mehr als 50 Volksmusikanten aus der Umgebung eingesungen, ihre Harfen, Zittern, Gitarren und Flöten gestimmt. „Ohne die ginge nichts“, sagt Oberfeldveterinär Franz von Rennenkampff, Oberster EAZler. Das gemeinsame Krippenspiel von zivilen Musikern und den militärischen Schauspielern zeige ihm, „wie intensiv gerade hier in der Region Menschen und Bundeswehr miteinander verbunden sind“.

Zu bayrischen Adventsliedern wandert so eine Soldatin mit ihrem Kameraden herbergssuchend durch den Reichenhaller Reithallenwald. Weiße Wölkchen bilden sich beim Atmen vor ihrem Mund. Und die erfahrenen Besucher der Stallweihnacht mummeln sich in die mitgebrachten Decken und schütten den sich einen Glühwein aus den mit gebrachten Thermoskannen. Im Schein einer Laterne weist der Wirt eines Alpengasthauses der Schwangeren und ihrem Verlobten die Tür und den Weg zu einem Stall. Böckchen Namenlos beäugt Marias strahlenblaues Gewand. Einer der Hirtenjungen klemmt sich das zwei Monate alte Lamm unter den Arm. Erst als der Bub den tierischen Nachwuchs ins Stroh setzt, hört der auf zu zappeln. Der Hauptfeldwebel K. liest das Lukasevangelium:

Auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ward schwanger Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, da sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Dass Maria den Stall überhaupt erreicht, ist der Verdienst von Alice. Frisch gestriegelt glänzt das Maultier vom Maul bis zum Schweif, während es die Hochschwangere vorbei an Hunderten „Ahs!“ und „Ohs!“ durch den Weihnachtswald zum Stall trägt. Eine Aufgabe, für die das Muli erst wie in einer Talentshow gecastet wurde: Bevor es die Gottesmutter auf seinen Rücken lassen durfte, musste Alice an lärmenden und klatschenden Soldaten vorbeitrotten. Ein falscher Schritt, ein Zucken – und Tragtierchef von Rennenkampff hätte sich für ein anderes Maulttiertalent entschieden.

Die Tests aber hat Alice „mit Bravour gemeistert“. Wenn ihr auch langweilig wird, als Josef sie im Stall neben dem Ochsen Max einquartiert. Für die Sorgen eines Vaters bei der Geburt hat das Muli kein Verständnis. Es knabbert am Umhang des Zimmermanns. Es stößt ihm seinen Kopf in den Rücken. Immer wieder. Manchmal so heftig, dass sich der frisch gebackene Vater auf seinen Stab stützen muss. Sonst würde er seinem Sohn Jesus in die Krippe fallen. Die Zuschauer juchzen und lachen vor Entzücken. „Was das wohl gibt, wenn das Lämmchen zur Krippe kommt“, gluckst eine Zuschauerin im Lodenmantel. Der Hauptfeldwebel K. liest mit der sanften Stimme eines Märchenerzählers weiter den Lukas:

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Für seinen Auftritt vor dem Jesuskind muss Namenlos erst eingefangen werden. Das Böckchen hat sich unter dem Tisch verkrochen, auf dem die Humpen der Hirten stehen. Und der Schinken, von dem sie sich in Seelenruhe Scheiben mit ihren Taschenmessern runtersäbelten. Während aus Maria und Josef eine Heilige Familie wurde. Und die Musikanten vom sinnlichen Moll des Advents zum Halleluja-Dur der Weihnacht wechselten.

Aufgeregt wieselt Namenlos der Schafherde voran. Begutachtet für drei, vier Lidschläge den Inspekteur des Heeres und die militärischen Würdenträger in der ersten Reihe der Zuschauer. Weil da aber nicht wirklich ein tierischer Streich lockt, wendet sich das Unruhelamm dem Geschehen im Stall zu. Das Stroh dort scheint ihm besser zu schmecken als auf dem Weideplatz. Besonders dann, wenn es aus der Krippe zu zupfen ist. Wäre da nicht ein stämmiger Hirte mit seinen muskulösen Oberschenkeln, Namenlos würde den Stall schon erkunden. Zu verlockend erscheinen ihm offenbar Maultier Alice und Ochse Max.

Der scharrt mit seinem linken Vorderhuf im Stroh. Die Hirten fallen auf die Knie vor dem Erlöserbaby. Namenlos wird in kraftvolle Hirtengewahrsam genommen. Max schiebt Kopf unter die Stange ins Gehege von Eseldarstellerin Alice. Die schubst den Josef wieder einmal Richtung Krippe: Der steht fest mit eiserner Miene. Und Marias Mund umspielt ein Lächeln. Der Hauptfeldwebel K. liest die Lukas-Geschichte:

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Frieden hat für die Reichenhaller Gebirgsjäger in den vergangenen Monaten eine besondere Bedeutung bekommen. In Österreich haben sie im Sommer Hochgebirgsstellungen feindlicher Kräfte angegriffen. In Sachsen-Anhalt auf dem Truppenübungsplatz Letzlinger-Heide haben sie Häuser gestürmt, in denen Taliban Bomben bauten. Sie haben verwundete Kameraden aus Panzern gezogen, die die „Übungstruppe feindliche Kräfte“ beschossen hatte. „Die Frauen und Männer müssen fit sein, wenn sie nach Afghanistan gehen“, sagt Generalmajor Erhard Bühler, während er beobachtet, wie ein im Manöver Verletzter in einen Hubschrauber getragen wird.

Typische Szenen aus dem Alltag in Afghanistan sollen die maximal 4400 Soldaten so kennenlernen. Der dortige Alltag hat wenig mit dem weihnachtlichen Frieden zu tun: Gefechte mit Aufständischen, Selbstmordattentäter, Schießereien mit Taliban, die unerkannt in den Reihen der afghanischen Polizisten und Soldaten auf Mordbefehle warten.

Am selben Tag, an dem in Bad Reichenhall der Engel den Frieden verkündet, entschieden die Abgeordneten des Bundestages, im kommenden Jahr bis zu 4400 Soldaten in den Krieg am Hindukusch zu schicken. Längst sind sich bei diesen Marschbefehlen die meisten Parlamentarier einig. In derselben Sitzung schickten sie auch deutsche Soldaten in die Türkei. Dort sollen die Deutschen mit Patriot-Raketen auf syrische Flugzeuge feuern, sollten die in den Luftraum des Nato-Partners eindringen. Dessen Bitte könne man „nicht leichtfertig vom Tisch wischen“, wusste Grünen Fraktionschef Jürgen Trittin.

Ob da angesichts der Spekulationen über den Einsatz chemischer Waffen nicht etwas herbeigeredet werden solle, fragte der Chef des Deutschen Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch. Zu viele Fragen seien offen, findet der oberste Soldatengewerkschaftler. Es gebe keine Exit-Strategie – und was die Nato für den Fall plane, dass Syrien die „rote Linie überschreitet und tatsächlich Chemiewaffen einsetzt“, sei ebenfalls unbekannt. Erstaunlich: Politisch wird der Türkei-Einsatz fast einhellig durchgewinkt, kritische Fragen kommen aus der Bundeswehr.

Einige der von Bühlers kommandierten Soldaten der zwischen Sigmaringen und Reichenhall stationierten 10. Panzerdivision feiern Weihnachten bereits in Kunduz und Mazar-i-Sharif. „Es ist schwer für viele unsere Soldaten, Weihnachten und die Adventszeit zu genießen“, sagt Tragtierchef Franz von Rennenkampff. Im Januar werden viele Jager der Gebirgsjägerbrigade 23 für sechs Monate an den Hindukusch fliegen. In den Krieg. Weil die Familien der in Afghanistan eingesetzten Soldaten immer wieder im sicher geglaubten Deutschland bedroht werden, nennen die Bundeswehrler nur den ersten Buchstaben ihres Familiennamens. Der Hauptfeldwebel K. liest weiter den Lukas:

Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen.

An den Wonnepropen in der Futterkrippe will Namenlos heran. Oder besser an das Stroh, auf dem die Babypuppe liegt. So zupft der kleine Bock am Hut seines Hirten. Zappelt in seinen Armen. Und knabbert an seinem Ohr. Ochse Max stößt seinen Kopf inzwischen vehement gegen das Seil, mit dem er an einen Pfosten des Stalles gebunden ist. Das Tau hat sich zwischen den beiden Zehen seines Vorderhufes verfangen. Alice irritiert das Scharren des Rindviehs. Namenlos blökt gegen die Musikanten an: Unruhe in der Krippenidylle.

Dem setzt ein Hirte ein Ende. Herbeigerufen durch einen Augenaufschlag Josefs schreitet der Schäfer in den Stall. Kniet sich dem Ochsen, dem er leise Worte ins Ohr flüstert und zwischen den Augen krault. Dann löst er das Tau. Das Rind reibt seinen Kopf an Soldaten-Hirten. Der hebt Bein des etwa 1000 Kilo schweren Tiers und fingert das Seil aus den Zehen. Der Hauptfeldwebel K. erzählt derweil weiter, was Lukas zur Heiligen Nacht aufschrieb :

Da sie es gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

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