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Berlin-MoabitDem Freddy Leck sein Waschsalon

Petra Holler, vom 02.12.2012 13:43 Uhr
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Dirk Martens (Mitte) mit zwei Mitarbeitern in seinem Waschsalon in Moabit. Foto: pa
Dirk Martens (Mitte) mit zwei Mitarbeitern in seinem Waschsalon in Moabit.Foto: pa

Berlin - Das Einzige, was in „Freddy Leck sein Waschsalon“ an einen Waschsalon erinnert, sind die Waschmaschinen. Der erste Blick fällt auf eine Madonnenfigur und einen riesigen Kronleuchter. An der Wand hängen Fotos von Ernest Hemingway und Nelson Mandela. Ein großer Holztisch mitten im Raum, gemusterte Tapeten aus den 60er Jahren an den Wänden und dazu klassische Musik: All das sieht eher aus wie ein aus der Zeit gefallenes Kaffeehaus. Hier wartet man nicht einfach, bis die Wäsche fertig ist, hier wird Zeitung gelesen, Kaffee getrunken, ferngesehen und geschwatzt.

Warum Dirk Martens heute keine Currywurstbude in Dubai betreibt, sondern unter dem Künstlernamen Freddy Leck einen Waschsalon in Berlin-Moabit, hat einen einfachen Grund: die Liebe. Im Juli 2002 verliebte sich Martens Knall auf Fall in einen Mann. Als sie sich begegneten, sei sein erster Gedanke gewesen: „Mit dem würde ich sogar eine Würstchenbude in der Wüste eröffnen.“ Martens träumte aber von einem Waschsalon mit Kaffeebar. Im Herbst 2003 eröffneten sie das Cleanicum in Köln. Die Liebe gestaltete sich als schwierig. „Ich habe während dieser Zeit ungefähr jeden zweiten Tag an Selbstmord gedacht“, sagt Martens heute. Die Beziehung zerbrach, Martens verkaufte das Cleanicum und zog nach Berlin. Die Idee „Waschsalon“ aber hat ihn nicht mehr losgelassen.

Konservatives Elternhaus

Es ist eine Geschichte, wie sie typischer für Berlin kaum sein könnte. Martens, Jahrgang 1964, geboren in Mühlheim an der Ruhr, war damals bereits ein erfolgreicher Film- und Theaterschauspieler. Er spielte unter anderem im „Tatort“ mit, in der Anwaltsserie „Edel und Starck“ und etlichen anderen Fernsehproduktionen. Aufgewachsen ist er in einem konservativen Elternhaus, erzogen wurde er mit dem Anspruch, „etwas Bleibendes schaffen“ zu müssen. Trost über die Trennung der Eltern fand er – ganz Kind der 70er Jahre – in der Musik. Schlager und die ZDF-„Hitparade“ haben ihn geprägt. Sein Vater sei völlig entsetzt gewesen, als er seinem Sohn während eines Krankenhausaufenthalts Post vom Cindy-und- Bert-Fanclub mitbringen musste, erzählt er. Seine größte Heldin aber war Mireille Mathieu. In den 80er Jahren rief Martens einmal in ihrem Hotel an und gab sich bei der Rezeption mit französischem Akzent als ihr Manager Johnny Stark aus, um an ihre Zimmernummer zu kommen. Dann setzte er sich mit Blumen vor Mathieus Suite und wartete auf den Spatz aus Avignon. „Mein Traum war, die Hits für sie zu schreiben“, sagt er lächelnd. Daraus wurde aber leider nichts. Anfang 2008 setzte sich Martens dann in das Schaufenster eines leerstehenden Ladens in der Gotzkowsky-straße und zählte Passanten. „Etliche Leute dachten, ich schreibe hier Falschparker auf.“ Aber er betrieb Marktforschung. Nach zwei Tagen unterschrieb er einen Mietvertrag und eröffnete „Freddy Leck sein Waschsalon“. Er hatte, nach den Erfahrungen in Köln, immer daran geglaubt, dass Waschsalons eine Zukunft haben.

Aber er überschätzte seine Kraft. Ein schlechter Delegierer sei er. Jemand, der am liebsten alles selber mache. Wenn er wegen Dreharbeiten längere Zeit unterwegs ist, unterdrückt er den Impuls, ständig im Salon anzurufen und nachzufragen, ob alles in Ordnung ist. „Meine Mitarbeiter denken sicher manchmal, ich würde ihnen zu wenig zutrauen. Aber es soll eben alles perfekt sein. Wenn es ein Dienstleistungsgen gibt, dann habe ich das.“ Das hört man schon am Telefon, wenn Martens sich meldet: „Hier ist Freddy Leck sein Waschsalon. Mein Name ist Freddy Leck. Was kann ich heute, morgen oder übermorgen für Sie tun?“

Die Kundschaft im Salon ist, es klingt klischeehaft, ein Querschnitt der Gesellschaft

Berlin-Moabit ist nicht sexy. Es ist das, was gerne als Arbeiterbezirk bezeichnet wird. Inzwischen lebt Martens auch hier. Dabei hatte er sich immer wieder anhören müssen: „Da wohnt man doch nicht.“ Die Kundschaft im Salon ist, es klingt klischeehaft, ein Querschnitt der Gesellschaft. Professoren, Rentner und Hartz-IV-Empfänger gehören genauso dazu wie Bundestagsabgeordnete, Touristen und schwer einzuordnende Junggesellen. Die meisten sind Stammkunden. Wirtschaftskrise im Waschsalon? Fehlanzeige. Martens hat viele lustige und traurige Lebensgeschichten gehört, manche sogar miterlebt. Zum Beispiel die von der alten Dame, die bis zum Ladenschluss im Salon saß, weil sie an diesem Tag ihre Wohnung verloren hatte. Martens rief bei der Caritas an und besorgte ein Notquartier. „Ein bisschen Sozialstation und Familienersatz sind wir hier schon.“

Martens ist zufrieden mit seinen zwei Leben. Zuletzt spielte er im Kinofilm „White Tiger“, der als russischer Beitrag ins Rennen um die Oscars geht. Gleichzeitig vertreibt er Waschpulver und Zubehör über seine Internetseite www.freddy-leck-sein-waschsalon.de, die Lizenz hat er inzwischen auch nach Japan verkauft. „Der Geruch von frisch gewaschener Wäsche, der Moment, in dem man die Trommel öffnet – das ist nach wie vor das Größte für mich“, sagt Martens zum Abschied.

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