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Bridget Breiner„Ich bin der Menschen wegen hier“

Hartmut Regitz, vom 28.12.2012 16:47 Uhr
Bridget Breiner Foto: © die arge lola, Kai Loges + Andreas Langen
Bridget BreinerFoto: © die arge lola, Kai Loges + Andreas Langen

Stuttgart - Gelsenkirchen, wo Bridget Breiner seit dieser Spielzeit die Ballettsparte des Theaters im Revier leitet, ist weit weg von Stuttgart. Im Interview erzählt die Ex-Solistin des Stuttgarter Balletts, was sie an diesem Ort und ihrer neuen Aufgabe reizt und wie sie Stars wie Kusha Alexi dafür begeistern konnte.


Frau Breiner, als Direktoren sind wir alle Amateure, hat sinngemäß Jirí Kylián einmal in einem Interview gesagt. Sie machen keine Ausnahme. Warum stellen Sie sich der Herausforderung, dem Ballett im Revier eine neue Richtung zu geben?
Ich habe diese Position nicht gesucht, dachte eher an später. Aber irgendwie kam alles zusammen: das Ende meines Stuttgarter Engagements und das Bewusstsein, weiter tanzen und choreografieren zu wollen. Am besten lässt sich beides unter einen Hut bringen, wenn man alle Energie auf eine Sache konzentriert, an einem Ort arbeitet, für eine Kompanie. Das Gefühl, gemeinsam mit einer Gruppe von Menschen etwas zu bewirken, bringt mir viel, wie ich in der kurzen Zeit gemerkt habe.

Vertraute Menschen um sich zu haben . . .
Das ist es. Ich habe immer gern gastiert, aber das Gastieren hat mir erst dann Spaß gemacht, wenn ich wirklich angekommen bin an dem Ort, an dem ich war. Gemeinsam etwas zu entwickeln, das finde ich toll.

Was braucht es, um eine gute Chefin zu sein? Gibt es jemanden, der Ihnen als Beispiel dient?
Lustigerweise mein Vater, mit dem ich mich oft darüber unterhalten habe. Lange Zeit freischaffender Journalist, ist er irgendwann Herausgeber einer kleinen Zeitung geworden und stand auf einmal vor der schwierigen Aufgabe, seine Mitarbeiter motivieren zu müssen. Als Tänzerin habe ich von den gegensätzlichsten Leuten gelernt und dabei auch zu meinem Leidwesen erfahren, wie wichtig Kommunikation sein kann. Oft verstehen die Tänzer nicht, was von ihnen erwartet wird. Da kann nur ein gemeinsames Gespräch weiterhelfen, so wie das Reid Anderson wiederholt getan hat. Ich fand seine Offenheit immer bemerkenswert. Wirklich beeindruckt hat mich aber, dass er sich und uns seine Fehler eingestand. Ich denke, gerade in einer solchen Situation ist es wichtig, dass der Chef Respekt gegenüber seinen Tänzern bezeugt. Sonst kann man die ­Umkehrung vergessen. Respekt ist keine Einbahnstraße.

Von Stuttgart aus gesehen, wo Sie zuletzt als ständiger Gast unter Vertrag gewesen sind, liegt das Revier etwas abseits. Wie kommen ausgerechnet Sie nach Gelsenkirchen?
Ehrlich gesagt: Das Musiktheater im Revier war mir bis dahin unbekannt. Durch die Entscheidung Bernd Schindowskis, nicht zuletzt deshalb ein Jahr früher aufzuhören, um die Sparte Tanz im Vorfeld eines Intendantenwechsels nicht zu gefährden, kam der neue Intendant Michael Schulz in Zugzwang. Er musste über kurz oder lang einen Nachfolger finden. Mich kannte er als Choreografin aufgrund einiger DVDs, die er sich angeschaut hat. Daraufhin hat er mich per Mail gefragt, ob ich nicht Lust hätte, in Gelsenkirchen ein „Großstadt-Triptychon“ zu übernehmen, eine Idee des Hauses. Und überhaupt, ob ich mir vorstellen könnte, eine Kompanie zu leiten.

Und?
Ich habe damals die Mail nicht ganz ernstgenommen. So toll ich den Vorschlag fand: Er besaß für mich seinerzeit keine Realität. Das „Großstadt“-Projekt indes interessierte mich so, dass ich zumindest die Leute mal kennenlernen wollte, die mich angeschrieben haben. Irgendwann hat es einmal mit uns, das heißt mit Schulz und seiner Chefdramaturgin Anna Melcher, dann in Berlin geklappt – und ich hatte den Eindruck, dass die beiden nicht so über den Tanz gedacht haben, wie das viele tun an größeren oder kleineren Häusern, wo die Sparte Tanz wie das fünfte Rad am Wagen behandelt wird. Ganz klar gesagt: Ich bin der Menschen wegen nach Gelsenkirchen gegangen.

Sie haben nicht einfach eine Kompanie ­übernommen, sondern nach eigenen Vor­stellungen ein Ensemble zusammengestellt, dem unter anderem eine so namhafte Tänzerin wie Kusha Alexi, aber auch ein Wieslaw Dudek aus Berlin angehört.
Letzterer als Gast, der im Frühjahr bei uns als Ballettmeister und Tänzer arbeitet. Er teilt sich seine Position mit Ivan Gil Ortega und Alexander Zaitsev, die ich noch aus Stuttgart kenne. Während der Arbeit am „Großstadt-Triptychon“ habe ich gemerkt, dass ich einen choreografischen Assistenten gut gebrauchen könnte, und die Erfahrung mit Ivan Gil Ortega hat mich darin bestärkt, die Ballettmeisterposition unter drei Gästen aufzuteilen, die zwar noch tanzen, selbst aber auf dem Sprung sind, etwas Neues zu versuchen.

Doch wie kann man eine Kusha Alexi über­zeugen, nach Gelsenkirchen zu wechseln?
Kusha kenne ich noch aus meiner Zeit während meiner Ausbildung an der Münchner Bosl-Stiftung; wir wohnten zusammen im Internat. Zwischenzeitlich hatten wir uns ganz aus den Augen verloren. Irgendwann hörte ich, dass sie sich, inzwischen Mutter und freischaffend, wieder in ein kleineres Ensemble einbringen wollte. Ich fragte sie und war total überrascht über ihre Zusage. Kusha kann die Kompanie mitreißen, so wie das Bojana Nenadovic tut, die ich ebenfalls noch aus meiner Bosl-Zeit. Ebenso wie ihren Mann Jas Otrin, unser Company-Manager. Auch wenn unser Zusammentreffen manchem Zufall geschuldet ist, habe ich sofort wieder das Gefühl gehabt: Mit diesen Leuten kann man was machen. Es wird eine bestimmte Qualität haben.

Welche Spielplanpolitik verfolgen Sie, und wie können Sie sich von vergleichbaren ­Ballettensembles wie in Dortmund und­ ­Düsseldorf absetzen?
Von Düsseldorf insofern, als wir uns mit dem Handlungsballett auseinandersetzen; das macht Martin Schläpfer überhaupt nicht. Dortmund pflegt unter Xin Peng Wang einen anderen, wenn auch neoklassischen Stil. Am meisten unterscheiden wir uns durch die Tänzer. Bei zwölf Positionen kommen ihre Persönlichkeiten eher zum Tragen als innerhalb einer großen Kompanie. Wir haben eigentlich nur Solisten.

Für Handlungsballette sind Sie zuständig?
Nicht nur, obwohl ich jetzt erst mal „Ruß“ mache, ein Aschenbrödel-Ballett. Im Mai folgt mit „Spieglein, Spieglein“ ein Stück für Kinder, inszeniert von Sebastian Schwab, den man aus Stuttgart als Schauspieler kennt. Schwab hat sich schon immer für Ballett begeistert und mit mir und Marco Goecke gearbeitet. Den Abschluss macht im Juni ein Strawinsky-Abend mit der „Geschichte vom Soldaten“ und „Orpheus“, choreografiert von Jirí Bubenícek und Douglas Lee.

Beides Künstler, denen Sie in Dresden und Stuttgart begegnet sind. Greifen Sie auch ­künftig auf „alte Bekannte“ zurück?
Nein, für „Der erste Gang“ kamen Vorschläge auch direkt aus der Kompanie. Bojana Nenadovic hat ein Solo von Edward Clug mitgebracht, Jonior Demitri eins von Luiz Fernando Bongiovanni. Raimondo Rebeck wiederum hat mit Alina Köppen und Joseph Bunn gearbeitet, die er unabhängig voneinander kannte, und Cayetano Soto war für uns alle eine neue Erfahrung.

Auffällig im Spielplan sind Produktionen wie „Spieglein, Spieglein“ und „Move“, die sich vor allem an ein junges Publikum wenden. ­Das ist sicher kein Zufall und hängt womöglich auch mit Ihrer Geschichte zusammen.
Nicht alles ist meine Erfindung. Bei „Move“ greifen wir beispielsweise auf eine Tradition zurück, die Schindowski begründet hat, auch wenn wir vieles anders machen. So wollen wir unter Anleitung von Marika ­Carena verschiedene Improvisationstechniken erproben, um den Jugendlichen das ­Gefühl zu geben, dass sie nicht irgendetwas nachahmen, sondern dass der eigene Körper gewissermaßen ihren Tanz erfindet.

Apropos Tanz: Wie steht es mit der Tänzerin Bridget Breiner? Vermutlich wird sie ihre ­Ballettschuhe nicht so schnell an den ­berühmten Nagel hängen?
Nein, ich habe noch viele Schuhe, und die Tänzerin ist noch ganz dabei. Ich brenne noch mehr für die Choreografie und Kompanie, wenn ich selber tanzen kann.
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