Cizre/Silvan, Südost-Anatolien „Die Politiker reden alle nur, man muss helfen“

Thomas Milz, 05.01.2016 00:00 Uhr
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Aygül Aras vor ihrem Geburtshaus in einem inzwischen verlassenen Gebirgsdörfchen bei Dersim. Foto: Milz / ZVW
Aygül Aras vor ihrem Geburtshaus in einem inzwischen verlassenen Gebirgsdörfchen bei Dersim.Foto: Milz / ZVW

Cizre/Silvan, Südost-Anatolien. Weit über 10 000 Euro waren bei den Spendenaktionen des Waiblinger Vereins „Freunde helfen Freunden“ bis Anfang Dezember zusammengekommen. Wie immer sollten die Spenden als direkte Hilfe vor Ort den Bedürftigen zukommen. Wegen der aktuellen Krisensituation in den kurdischen Gebieten war das für Aygül Aras diesmal nicht ungefährlich. Aus der Stadt Cizre musste sie überstürzt sogar fliehen.

Eigentlich begann dieser Sonntag in Cizre sehr vielversprechend. Und er war es auch. Bis kurz nach Mittag. Wir hatten ein volles Programm vor uns. Doch dann kam alles anders. Es war auch der einzige Tag unserer Reise, an dem es aus grauem Himmel nieselte. Ansonsten immer strahlend blau mit Sonnenschein. Schon der Abend zuvor hatte allerdings etwas Beklemmendes. So gut wie niemand war in der Stadt mit fast 200 000 Einwohnern auf den sonst südlich belebten Straßen unterwegs. „Die Leute haben Angst vor Scharfschützen“, wurde uns erklärt. Das Viertel, in dem wir wohnten, galt als „selbstverwaltet“. In den Gassen türmten sich Barrikaden aus Sandsäcken. „Die Polizei“, hieß es nicht ohne Stolz, „traut sich hier nicht herein.“

Tränengas, Schüsse und die Flucht aus Cizre

Im Hinterzimmer eines kleinen Parteigebäudes waren wir zu einem dubiosen Gespräch geladen. Etwas zwischen Prüfung, Willkommen und zugenickter Aufenthaltserlaubnis. Wir wollten ein paar Tage hierbleiben. Außer den Hilfsaktionen noch Gespräche mit der gerade von der Regierung abgesetzten deutschstämmigen Co-Bürgermeisterin führen, ein Flüchtlingslager besuchen, einen Abstecher über die nahe irakische Grenze ins dortige autonome Kurdengebiet machen. Und auch das Grab von Noah besuchen. Nach muslimischem Glauben landete seine Arche nicht am Ararat, sondern auf dem hiesigen Berg Cudi (11. Sure, 44). Nach dem Erscheinen des Regenbogens soll er hier die Stadt Cizre gegründet haben.

Nachdem Aygül Aras zusammen mit Ilknur Cetinkaya, der jungen Lehrerin, die uns hier die Kontakte zu den Schulen vermittelte, morgens in den Läden noch in aller Ruhe zusätzliche Kleidungsstücke und vor allem Schulsachen für die Kinder gekauft hatte, fuhren wir ins etwa 20 Kilometer außerhalb liegende Dorf Inci. Hier leben in einigen heruntergekommenen Häuschen 250 Menschen. Arme Leute. Darunter 50 Kinder, die zur Schule gehen. Mehmedi ist hier einer von den beiden Lehrern. Er hat ein langes Gebäude zum Schulhaus renoviert. Zwei Zimmer für die ersten vier Klassen. Hoch über dem Lehrerpult hängt ein Porträt Atatürks. Ein Böllerofen soll Wärme spenden. Nicht nur heute blieb er kalt.

Die Kinder standen schon erwartungsvoll im Schulhof. Drinnen dann, im Klassenzimmer, stellten sich die Kinder in eine Reihe. Die großen Kartons wurden geöffnet und jedes Kind erhielt ein neues, wärmendes Winterjäckchen übergezogen. Dazu die Schulsachen in die Hand gedrückt. Man muss gesehen haben, wie vorsichtig und ungläubig die Kids in die Mäntel schlüpften. Im Hof erschienen ein paar neugierige Mütter und schauten erstaunt, wie ihre Kinder ihnen aus dem Klassenzimmer freudig entgegenhüpften.

Nach einem Gang durchs Dorf – es steht malerisch dicht an den Ufern des Tigris, auf der anderen Seite liegt Syrien – war auf dem Teppichboden eines der Häuser ein so bescheidenes wie üppiges Gastmahl bereitet. Da erhält Mehmedi eine Nachricht auf seinem Handy. Die Regierung fordert die Beamten und Lehrer in Cizre auf, die Stadt zu verlassen! Alle wissen, was das bedeutet. Schon einmal, erst im September, war eine totale Ausgangssperre über der Stadt verhängt worden. Stille. Die freudige Stimmung kippt in Sekundenschnelle. Das Essen wird nicht mehr angerührt. Wir brechen auf, zurück in die Stadt.

Dort ist die träge Vormittagsstimmung längst einer unheimlichen Hektik gewichen. Vor allem viele junge Menschen eilen durch die Straßen und ziehen ihr Kofferwägelchen hinter sich her. Überall Kleinbusse, in die sich ganze Familienclans mit ihrem Hab und Gut drücken. Fast jeder hat sein Handy am Ohr. Besorgte Mienen. „Was macht ihr? Wo seid ihr? Wie kommt ihr raus?“ Mütter rennen aus den Lebensmittelmärkten, neben sich ihre Kinder, die sich mit schweren Reissäcken und großen Ölkanistern abschleppen. Vorrat. Für wer weiß wie lange?

Dann fallen Schüsse auf der Einkaufsstraße. Die Leute drängen sich in Gebäudenischen, während die Ladenbesitzer eilig ihre Waren einholen und zu Hunderten die Rollläden runterlassen. Aygüls Gesicht ist tränenüberströmt. Sie schluchzt: „Es hat so schön angefangen. Ich möchte eine Zigarette rauchen und nur noch ins Bett.“ Ilknur nimmt sie in den Arm.

Kein Regenbogen über Kurdistan

Auf dem raschen Weg in unsere Unterkunft plötzlich ein stechender Schmerz in Augen und Lunge. Wir sind in eine Tränengaswolke geraten. Die Augen brennen, eine Stichflamme scheint in den offenen Körper zu fahren. In Ilknurs Wohnung dann ein Moment der Ruhe am Fenster. Über den Bergen bricht für einen Augenblick die untergehende Sonne durch die Regenwolken. Das führt, normalerweise, zu einem Regenbogen. Auch ich warte in Noahs Stadt auf dieses Zeichen, das Gott, wie es geschrieben steht, den Menschen einst zum neuen Bündnis gesendet hatte. Aber nichts. Kein Regenbogen über Kurdistan. Nach ein paar Telefonaten der Entschluss: „Wir flüchten!“ Und wir flüchteten. Mit Tausenden anderen. Aus einer modernen Großstadt. Wir flüchteten. Aus Angst.

Seit zwei Wochen schon steht seither die gebliebene Bevölkerung der Stadt unter Gewehr- und Raketenbeschuss von Regierungskräften. Es soll inzwischen weit über 200 Tote gegeben haben. Ilknur macht sich Sorgen um ihre Schüler. Sie schämt sich, dass sie sie allein gelassen hat. „Mit welchen Blicken werden sie mich empfangen, wenn ich wieder zurückkomme?“

Wir kommen nachts, gerade mal nach 24 Stunden, wieder in Diyarbakir an. Auf der Straße ein seltsamer Lärm. Im ganzen Viertel stehen die Menschen an den Fenstern der achtstöckigen Hochhäuser und schlagen einen monotonen Rhythmus auf ihrem Kochgeschirr oder den Balkongeländern. Klage, Protest und Solidarität moderner Stadtbewohner. Archaisch, drohend und unheimlich – tröstend.

Silvan liegt etwa 80 Kilometer nordöstlich von Diyabarkir. Auf der vierspurigen Schnellstraße kaum Verkehr. Auch diese Stadt mit insgesamt 86 000 Einwohnern, einst Zentrum großer Reiche, war im Herbst einer totalen Ausgangssperre und Bombardierungen ausgesetzt. Unser Ziel ist ein Kindergarten. Zuvor werden wir im Rathaus empfangen. Dort begrüßt uns Zuhal Tekiner. Sie bedauert, dass wir mit ihr vorliebnehmen müssten. „Der Bürgermeister sitzt gerade im Gefängnis und die Co-Bürgermeisterin ist untergetaucht.“

Die herbschöne Frau in schwarzen Jeans und schwarzem Pulli betrachtet uns ruhig aus offenen, ernsten Augen und wendet sich an Aygül Aras: „Es ist schön, dass Sie in diesen schweren Tagen an uns denken. Ob die Hilfe groß ist oder klein, ist nicht so wichtig. Für uns ist das schon eine Medizin, dass Menschen überhaupt hierherkommen und schauen.“

Sie berichtet, dass in der Stadt bis zu 1000 Wohnungen unbewohnbar geschossen wurden. Über 700 Scharfschützen wären in der Stadt gewesen, es habe insgesamt sechsmal Ausgangssperren gegeben. „Es sieht schwarz aus“, sagt sie über die Perspektiven einer friedlichen Lösung und sie sollte Tage später schon recht bekommen. „Wir können nichts planen. Ich denke, dass es schlimmer wird.“ Die Gemeinde muss, um den Betrieb aufrechtzuerhalten und Häuser wieder herzurichten, Schulden machen. Bei wem? „Wir kaufen, ohne zu zahlen“, erklärt sie und zieht an einer Zigarette.

Uns gegenüber, ist das nun eine Terroristin? Oder sitzt da eine vielleicht verzweifelte, aber besonnene Patriotin, bedächtig und ohne Eifer, in Sorge um ihre Leute? „Erdogan will, dass die Menschen die kleinen Städte verlassen“, sagt sie und gibt sich als einstige Kollegin zu erkennen. Als kritische Journalistin war sie lange im Gefängnis. „Jetzt mache ich Gemeinderätin“, sagt sie müde lächelnd und stellt nun uns Fragen. Nach Europa. „Wie kann eine Regierung in Ankara so mit ihren Bürgern umgehen? Europa muss sagen: Stopp!“

Man erklärt ihr, wie die Furcht vor noch mehr Flüchtlingen die deutsche Gesellschaft zu spalten droht. Sie sagt: „Ich verstehe schon, dass Europa wegen der Flüchtlinge und der Wirtschaftsbeziehungen keinen Streit mit Erdogan sucht. Aber man kann auch nicht die Augen zumachen.“

Nur wenig später steht sie inmitten der Wuselköpfe im Kindergarten, in dem gerade die Kleinen mit Kleidern und Süßigkeiten beschenkt wurden, und singt zum Dank kurdische Lieder mit ihnen. Fast ausgelassen. Und auch Aygül Aras ist auf der ganzen Reise nicht wieder so glücklich zu sehen wie inmitten dieser Kinder. So wenig es am Ende ist. Es zählt die Geste. Jemand – aus Deutschland –, der schaut. Stellvertretend für viele andere, wie etwa im Verein „Freunde helfen Freunden“.

Die letzte Station unserer Reise war Dersim. Wir fuhren in das verlassene Bergdorf, in dem Aygül Aras 1959 geboren wurde. Es ist völlig verlassen. Es ist wunderschön. Man hört die große Stille. Man meint zu ahnen, woher diese Frau ihre Kraft hat.

Sie sagt: „Die Politiker reden alle nur, man muss helfen.“

Freunde helfen Freunden

Der Verein „Freunde helfen Freunden“ wurde im November 2011 nach dem schweren Erdbeben in der Gegend des Van-Sees im Osten der Türkei von engagierten Waiblinger Bürgerinnen und Bürgern gegründet. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, direkt vor Ort unbürokratisch und effektiv zu helfen. Das gilt inzwischen vor allem Kindern der Region und den vielen Flüchtlingen, die Opfer der Kriege in Syrien und im Irak geworden sind und in die Türkei flüchten mussten.

Vor Ort wird mit Ehrenamtlichen und Behörden besprochen, was fehlt, und günstig eingekauft. So geht kein Spenden-Geld verloren.

Kontakt: ayguel.aras@gmail.com

Spenden: Volksbank Stuttgart, BLZ 600 901 00 Konto-Nr. 155 881 000 IBAN DE 5060 0901 5588 1000

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