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FamilienforumDie große Medienverwahrlosung

Pia Eckstein, vom 15.10.2012 17:49 Uhr
Ein Kind in der Sprachtherapie: Hier werden medizinisch-logopädische Probleme behandelt. Pädagogischer Sprachförderbedarf sollte an anderer Stelle, etwa zu Hause oder im Kindergarten, gedeckt werden. Foto: Fotolia
Ein Kind in der Sprachtherapie: Hier werden medizinisch-logopädische Probleme behandelt. Pädagogischer Sprachförderbedarf sollte an anderer Stelle, etwa zu Hause oder im Kindergarten, gedeckt werden.Foto: Fotolia

Waiblingen. Die Kosten, die die Krankenkassen für Logopädie zu zahlen haben, steigen stetig. Denn immer mehr Kinder haben immer größere Sprachprobleme. Doch diese seien selten medizinisch bedingt, sagt die Kinderärztin Dr. Annette Weimann. Sie und Dr. Marianne Reuter vom Gesundheitsamt sprechen eher von „Medienverwahrlosung“.

Die menschliche Sprachentwicklung

Die Sprachentwicklung von Kindern läuft nicht immer gleich. Es gibt einen weiten Toleranzbereich.

Die frühestmögliche Bildung des Lautes „sch“ beispielsweise setzt die Wissenschaft bei etwa 3,5 Jahren an. Die Norm liegt bei etwa vier Jahren, die Toleranz geht bis 5,5 Jahre. Erst wenn dann „sch“ noch immer nicht gesprochen wird, sollte über eine Therapie nachgedacht werden.

Auch die Laute „W“ und „F“ werden erst ab etwa 3,5 Jahren gebildet. Hier allerdings sollte der Laut bis spätestens 4,5 Jahre gesprochen werden.

Recht bald, nämlich ab dem Alter von drei Jahren, können Kinder „S“, „Z“, „R“ und „Ch“ bilden. Doch auch bei diesen Lauten können sie sich Zeit bis zum Alter von fünf Jahren lassen.

Freilich, es ist ein krasser Fall, doch die Waiblinger Kinderärztin Dr. Annette Weimann hatte ihn in ihrer Praxis und er sei, sagt sie, das Top-Beispiel für den allgemeinen Trend. Da freute sich eine Mutter über die erwachende Neugier ihres etwa einjährigen Nachwuchses, der ja allem nachgucke, was sich bewege. Der wollte jetzt schon immer Fernsehen gucken, wie das große Geschwisterle. Wie lang er denn gucke? Ja, der Kleine so etwa drei Stunden am Tag, das große Kind rund fünf Stunden.

Annette Weimann und Dr. Marianne Reuter vom Gesundheitsamt sprechen von „Medienverwahrlosung“. Immer mehr Kinder hätten immer größere Sprachprobleme. Und das nicht, weil das Sprachzentrum des Hirns unter evolutionärem Schwund leidet, sondern weil mit den Kindern immer weniger gesprochen wird. Sei’s, weil die Eltern nicht die Zeit oder die Fähigkeit dazu hätten und der Fernseher die Regie in der Familie übernommen hätte, sei’s, weil ein Migrationshintergrund zu Hause die Kommunikation in der deutschen Sprache für die Kinder unmöglich mache.

Die Folge: Logopädie-Verordnungen sind sprunghaft gestiegen. Entweder, weil die Eltern diese Behandlung selbst für ihre Kinder forderten, oder weil den Eltern in den Kindergärten gesagt würde, dass das Kind dringend Logopädie brauche.

Doch Annette Weimann wehrt sich. Sie ist der Meinung: Kinderärzte sollten nicht für soziale Probleme zahlen müssen. In den wenigsten Fällen finde sie ein medizinisch-logopädisches Problem vor, die meisten Kinder bräuchten keine Therapie, sondern einfach Förderung. Sie bräuchten jemanden, der mit ihnen spricht.

In den Kindergärten gibt es solche Sprachförderung – oder auch nicht. Es gibt keine Standards, kein flächendeckendes Angebot. Doch aus sprachlosen Kindern können keine guten Schüler werden. Der Pisa-Schock hat zumindest beim Gesundheitsamt zu Maßnahmen geführt. Die Einschulungsuntersuchung findet inzwischen schon im vorletzten Kindergartenjahr statt, damit dort festgestellte Probleme noch rechtzeitig angegangen werden können. Kinder müssen Wörter richtig hören, richtig sprechen, sich Sätze merken und Anweisungen ausführen können. Wenn das nicht geht, braucht das Kind Unterstützung. Fürs kommende erste Schuljahr hat das Gesundheitsamt beispielsweise 3561 Kinder in der Einschulungsuntersuchung gehabt. Bei 1189 wurde ein intensiver Sprachförderbedarf festgestellt.

Aber: „Das Gesundheitsamt sagt nie, dass das Kind Logopädie braucht“, sagt Marianne Reuter. Das Gesundheitsamt schickt die Etlern mit ihrem Kind nochmals zum Kinderarzt. Der hat das Kind oftmals schon lang nicht mehr gesehen. Denn werden die Regeluntersuchungen kurz nach der Geburt noch gut wahrgenommen, sinkt die Bereitschaft, die Kinder zur U 7, 8 oder 9 zu bringen, stark. Und so kommt’s, dass Probleme beim Sprechen nicht erkannt werden, sich einschleifen und irgendwann dann tatsächlich nur noch mit professioneller Hilfe geknackt werden können. Dabei hätte es – rechtzeitig begonnen – ganz banales häufiges Reden getan.

„Eltern, geht davon aus, dass der Kinderarzt weiß, was das Kind braucht“, sagt Marianne Reuter. Und Annette Weimann sagt: „Eltern sollten sich darauf besinnen, dass schon alles okay ist.“ Ein Kind mit zwei müsse nicht perfekt sprechen können. Ein Kind mit fünf braucht nur dann Logopädie, wenn es völlig unverständlich artikuliert oder wenn nur Kauderwelsch aus dem Mund kommt. Lispeln müsse erst angegangen werden, wenn es nach dem Zahnwechsel noch immer nicht verschwunden ist. „In einem Jahr tut sich viel in der Sprachentwicklung eines Kindes“, sagt Annette Weimann. Beruhigend – aber auch immerhin: Sprache braucht Zeit. Eltern müssen ihren Kindern diese Zeit geben und sie sich für ihre Kinder auch nehmen.

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