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FamilienforumEltern, bleibt ganz locker

Petra Neef, vom 20.11.2012 00:00 Uhr
Gelassenheit hilft in der Erziehung. Foto: ZVW
Gelassenheit hilft in der Erziehung.Foto: ZVW

Schorndorf. Der Kinder- und Jugendarzt Dr. Ralf Brügel plädiert für mehr Gelassenheit der Eltern. Er rät, bei der Kindererziehung weniger auf schlaue Bücher und Ratgeber zu hören und stattdessen mehr seinem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen.

Rund hundertfünfzig Personen kamen kürzlich zu einem Vortrag Dr. Brügels – das Thema bewegt Menschen, die mit Kindern leben. „Gelassene Eltern, starke Kinder“, so hatte Dr. Brügel seinen Vortrag überschrieben. Der Referent ist selbst Vater von drei Kindern.

Der aktuell „empfohlene“ Erziehungsstil nennt sich autoritative Erziehung, was so viel bedeutet wie: Wir sollen unsere Kinder als gleichwertige Menschen, aber nicht als gleichrangig betrachten. Gleichwertig bedeutet, wir sollten mit unseren Kindern so umgehen, wie wir es uns auch für uns wünschen. Gleichrangig behandeln würde bedeuteten, die Kinder dürfen genauso frei entscheiden wie die Eltern: „Wenn die Eltern ihr vierjähriges Kind fragen, ob es heute geimpft werden will oder nicht, wird es wohl kaum sagen, ich will unbedingt eine Spritze. Ein Kind ist noch nicht in der Lage, bestimmte Konsequenzen abzuschätzen. Deshalb sollten die Eltern einen Weg vorgeben.“

Kinder müssen lernen, mit Zorn umzugehen

Eltern fällt es heute immer schwerer Zorn und Frust ihrer Kinder auszuhalten und sind dazu geneigt, öfters nachzugeben. Aber Kinder müssen lernen, mit diesen Gefühlen umzugehen.

Kinder haben ein gutes Gespür dafür, ob Eltern authentisch und sich sicher sind, was sie mit ihrer Erziehungsmaßnahme erreichen wollen. Beispiel Fernsehen: Die Kinder sitzen schon lange vor dem Fernseher und die Eltern sind der Meinung, es reicht. Wenn Eltern ihren Kindern das sagen, aber selbst im Hinterkopf haben, dass es ganz praktisch wäre, wenn die Kinder noch schauen, bis die Spülmaschine ausgeräumt ist, dann spüren die Kinder sofort: Es besteht noch Verhandlungsspielraum.

Eine weitere Kernaussage Brügels: „Gute Elternschaft gelingt nur, wenn man auch nach sich selbst schaut. Nur dann hat man genügend Energie und Nerven für eine gute Erziehung.“ Der Mediziner plädiert dafür, sich im Familienalltag Unterstützung zu holen, bei Bedarf auch außerhalb der Familie. Sei es wegen des Geschwisterkindes, das regelmäßig den kleineren Bruder schlägt, oder wegen eines Kindes, das nicht hören will, auch wenn es sich in Gefahr bringt, zum Beispiel einfach auf die Straße läuft. In solchen Fällen helfe oft ein Blick von außen. Fachleute der Erziehungs- und Familienberatungsstellen können Probleme analysieren und Eltern unterstützen. Frühberatungsstellen helfen weiter.

Bei nicht ganz so gravierenden Problemen hilft manchmal mehr Gelassenheit, so Brügel. Eltern machten sich oft zu viel Gedanken, was die Gewohnheiten ihrer Kinder angeht oder was deren Entwicklungsstand betrifft. Ralf Brügel erzählt, dass sich Eltern mit drei- bis vierjährigen Kindern immer wieder um die sprachliche Entwicklung ihres Kindes sorgen, weil es zum Beispiel nicht Kindergarten, sondern Dindergarten sagt. Laut dem Kinderarzt gibt sich das meist von selbst. Sollte das Kind später immer noch das Problem haben, können Eltern eine Therapie in Erwägung ziehen – „aber doch bitte nicht mit drei oder vier Jahren.“

Viele Eltern neigen nach Brügels Erfahrung dazu, Dinge zu überschätzen. „Ein Kind bekommt keinen Schaden fürs Leben, nur weil man es bei einem Wutanfall mal brüllen lässt.“ Beispiel: Das Kindergartenkind beschließt morgens bei Minusgraden, es will heute ein T-Shirt anziehen. Es kann einfach nicht verstehen, dass die Eltern etwas gegen diese Idee haben und bricht in Tränen aus. Das Ganze steigert sich nach einiger Zeit zu einem regelrechten Wutanfall. Eltern könnten das Kind ins Zimmer schicken, vor seiner Tür warten und immer wieder ein Gesprächsangebot machen. Irgendwann wird die Wut vielleicht in Verzweiflung umschlagen und das Kind möchte gerne getröstet werden. In diesem Fall sollten die Eltern für ihr Kind da sein und es in den Arm nehmen. Auch wenn es nur schwer vorstellbar ist, aber für das Kindergartenkind ist die Geschichte mit dem T-Shirt ein echtes Problem, für das in gewisser Weise auch Verständnis da sein sollte.

Eine andere Variante ist Ablenkung: Eltern können ihr Kind mit einer spontanen Aktion verblüffen. Laut dem Kinderarzt ist es wichtig, das Kind aus seiner „Wutanfall-Dauerschleife“ zu holen, weil es dazu selbst noch nicht in der Lage ist. Einige Kinder haben eine Phase, in der sie andere Kinder beißen, schlagen oder schubsen. In diesem Fall sollten die Eltern das eigene Kind von dem anderen Kind wegnehmen, erklären, dass das Verhalten falsch war und dann die volle Aufmerksamkeit dem anderen Kind widmen und es trösten.

Ein anderes „Erziehungsmittel“ ist das „Erpressungs- oder „Belohnungsprinzip“. Das kann klappen, allerdings muss bei kleinen Kindern Strafe oder Belohnung sofort folgen. Viele Eltern praktizieren auch die „Sternchen-Sammel-Methode“. Für Wohlverhalten erhält das Kind ein Sternchen und bei vier Sternchen eine Belohnung. Zu beachten ist laut Brügel, dass negative Dinge, die das Sternchen-Thema betreffen, nicht sanktioniert werden dürfen. Außerdem sollten sich Eltern für ein Thema entscheiden, für das sie diese Methode anwenden.

Eines sollten sich alle Eltern immer wieder in Erinnerung rufen. Ein kritischer Blick nicht nur auf die Kinder, sondern auch auf sich selbst, nützt in jedem Fall. Oder um es mit Karl Valentin zu sagen: „Erziehung ist zwecklos, die Kinder machen den Eltern sowieso alles nach.“

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