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FamilienforumEltern können erziehen!

Pia Eckstein, vom 02.07.2012 18:24 Uhr
Volker Groschwitz, Erziehungsberater beim Kreisjugendamt. Foto: ZVW
Volker Groschwitz, Erziehungsberater beim Kreisjugendamt.Foto: ZVW

Backnang. Kann man den heutigen Eltern noch die Erziehung ihrer Kinder überlassen? Oder sollten sich besser Fachleute um den verqueren Nachwuchs kümmern, damit unsere Gesellschaft nicht den Bach runtergeht? Vielleicht könnte aber auch ein Kurs, so wie der Führerschein fürs Autofahren, der allgegenwärtigen Erziehungsmisere abhelfen? Ein Gespräch mit Volker Groschwitz, Erziehungsberater beim Kreisjugendamt.

Herr Groschwitz, darf man Eltern heutzutage denn noch die Erziehung überlassen?

Ja, natürlich. Wem denn sonst? Niemand sonst kann das!

Tatsächlich? Wo die Zeitungen doch schon fast täglich voll sind mit Geschichten von vernachlässigten Kindern bis hin zu einem verdursteten Zweijährigen, wo die Jugendlichen sich ins Koma saufen, Halbstarke in S-Bahn-Stationen Leute tottreten und alles kaputt machen und normales – nennen wir es anständiges – Benehmen überhaupt nicht mehr zur täglichen Übung zu gehören scheint?

Nun, das eine sind Extreme. Sie sind furchtbar, trotz aller Medienpräsenz nicht das Alltägliche und es gab sie sicher schon immer. Das andere, das normale, anständige, alltägliche Benehmen ist es, das heute sicher Eltern – und Kinder – herausfordert.

Warum?


Das normale Benehmen per se gibt es heute nicht mehr. Eltern leben heute mit einer großen Beliebigkeit. Es gibt bei uns, in unserer Gesellschaft, weniger gültige Normen. Das heißt, dass Eltern selbst festlegen müssen, was sie wollen und was nicht. Und das müssen sie dann auch noch mit ihren Kindern ausmachen, die natürlich – sie sehen bei Freunden anderes – die Regeln der Familie diskutieren, angreifen werden. Das war früher nicht so und ist in anderen Kulturen nicht so. Da galten und gelten bestimmte Regeln, und die werden nicht hinterfragt. Da heißt’s: Es isch halt so.

Beispiel?


Nehmen wir traditionell-südliche Länder. Da gibt’s (noch) klare Regeln: Was darf ein Mädchen, was darf es nicht? Wir empfinden das als unfrei. Die Frauen hier würden rebellieren, müssten sie sich diesen Normen unterwerfen. Hier aber müssen Eltern mit ihren Töchtern Regeln festlegen. Darf die Tochter ausgehen? Wohin darf sie gehen? Wann muss sie wieder zu Hause sein? Und sie müssen dann für das, was sie wollen und festlegen, auch geradestehen.

Wissen, was man will, ist das eine. Aber das auch durchsetzen? Oft scheinen Eltern ja völlig hilflos und überfordert und sagen dann beispielsweise: Liebe Schule, ich werd’ mit dem Kind nicht fertig, aber Erziehung ist ja eh deine Aufgabe, richte du doch bitte das Problem?

Ja, Hilflosigkeit, das trifft zu: Eltern haben heute oft eine reduzierte Vorbereitung auf Kinder. Ich meine damit nicht irgendeinen Erziehungsführerschein oder Kursangebote, mit denen man die Eltern flutet. Ich meine, dass Kinder früher von klein an schon lernten, wie Erziehung geht. Sie hatten kleine Geschwister, sie hatten kleine Cousins und Cousinen, in der Nachbarschaft waren überall Kleine. Die hatten die Kinder dann auch auf dem Arm und lernten, wie man ein Baby beruhigt, wie man Quatsch macht, wann es mit dem Quatschmachen auch genug ist. Heute können Menschen aufwachsen und haben nur Erwachsene um sich rum. Und auf einen Schlag halten sie dann ihr eigenes Baby auf dem Arm. Eine völlig neue Anforderung.

Und warum haben Sie dann was gegen den Erziehungsführerschein?

Das ist widersinnig. Kinder sind keine Automaten. Wir können Eltern keine Bedienungsanleitung mitgeben. Elternschaft heißt: Lernen. Und zwar täglich und immer neu, mit den Kindern und durch die Kinder. Und wenn’s gar nicht geht, wenn der Gedanke sich festsetzt: Ich weiß nicht weiter – dann die Hilfe von Professionellen suchen. Das ist kein Armutszeugnis, sondern vernünftig. Aber diese ganzen Rezepte, die’s auf dem Markt gibt, diese ganzen Erziehungsratgeber, auf die ist kein Verlass, auch wenn Eltern ganz offenbar ein großes Bedürfnis danach haben. Aber die Vorstellung: Wenn ich weiß, wie’s geht, dann klappt alles – das ist ein Irrtum. Auf die Beziehung kommt es an.

Kommentare (1)
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JUL
03
09:07 Uhr, geschrieben von Bürger
Bitte nicht vergessen.
Derzeit erzieht die 68er Generation die Kinder. Was sollen diese da von Recht und Ordnung mitbekommen? Auch in den juristischen Bereichen sitzen diese ex 68er und urteilen, so wundert man sich nicht mehr so oft über Urteile. Heute ist es Usus einen Lehrer zu verklagen, wenn das Kind schlechte Noten schreibt. Früher hat man dem Kind zu Hause geholfen, damit es bessere Noten schreibt.
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