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FamilienforumFutter für Bildungshungrige

Andrea Wüstholz, vom 08.10.2012 17:40 Uhr
Modedesignerin Birgit Rückert staunt in den Nähkursen für Kinder und Jugendliche, wie viel Ausdauer und Talent die Kinder zeigen. Foto: Bernhardt/ZVW
Modedesignerin Birgit Rückert staunt in den Nähkursen für Kinder und Jugendliche, wie viel Ausdauer und Talent die Kinder zeigen.Foto: Bernhardt/ZVW

Waiblingen. Welches Kind spielt noch nachmittags drei Stunden unbewacht am Bach? Diese Zeiten sind vorbei. Moderne Kinder verfügen über ausgeklügelte Terminpläne. Musikschule, Judo, Kinderuni, Mal-Workshop und Experimentier-Akademie: Wie viele Kurse tun Kindern gut?

Wie immer in Erziehungsfragen kann es keine allgemeingültige Antwort geben. Es kommt drauf an. Aufs Kind, auf die finanziellen Möglichkeiten der Eltern, auf die Qualität der Kurse, auf die Intensität des Bildungshungers. Überbordender Förderwille lässt manche Eltern zu Fahrdienstleistern und Kinderkursmanagern mutieren, während andere die Freizeitgestaltung ihres Nachwuchses zu 100 Prozent an PC und Fernseher delegieren. Das rechte Maß liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Ein Geologe lässt es stinken und krachen

Tag der offenen Tür

 „Wasserstube Kreaktiv für Kinder“ lädt zum Tag der offenen Tür ein. Beginn ist am Samstag, 13. Oktober, 14 Uhr, Mendelssohnstr. 2 in Waiblingen.

Infos über die Anbieter gibt ‘s unter:
www.klassenzimmerlabor.de, www.kids-fashion-school.de, www.kindersprachcenter-lollipop.de
www.daniela-kundaliniyoga.de

Wohin der Trend läuft, zeigt das Angebot: Es wächst und wächst und wächst. Sportvereine, Familienbildungsstätte, Musikschulen, Volkshochschulen, Kunstschule – sie alle buhlen um Kunden. Offenbar nicht ohne Erfolg; wie sonst könnte die außerschulische Bildungslandschaft immer noch mehr neues Terrain erobern. Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass nun in Waiblingen noch ein Anbieter an den Start geht: „Wasserstube Kreaktiv“ heißt das Projekt, hinter dem Dr. Ralf Laternser steckt. Der Diplom-Geologe lässt es seit langem an Schulen und im Auftrag öffentlicher Bildungseinrichtungen stinken und krachen. In seinen Experimentier-Kursen weisen Kinder Kohlendioxid im Sprudel nach, bauen Stromkreise auf oder lösen einen erdachten Kriminalfall unter anderem mit Hilfe eines Spiritus-Brenners. In Laternsers Haus ist ein Raum frei geworden, und dort hat der Kinderuni-Dozent nun eine Art privates Bildungshaus eingerichtet: Das Kindersprachcenter Lollipop hält dort Englisch- und Spanisch-Kurse für Kinder ab, Diplom-Modedesignerin Birgit Rückert aus Korb bietet Nähkurse für Kinder und Jugendliche an und Daniela Nölte zeigt Kindern, was Yoga ist. Sie alle eint Zuversicht: Nein, sagen sie, es entstehe kein Überangebot an Kinderkursen. Der Markt regle sich von selbst, weil keiner zu Kursen kommt, die keinen Spaß bereiten.

Private Anbieter können sich kleine Gruppen leisten

Eltern lassen sich, sofern sie das nötige Kleingeld besitzen, solche Kurse durchaus was kosten. Sie erhoffen sich dort Förderung, wie kein Lehrer sie in Klassen mit 30 Kindern leisten kann. Wer nicht wie öffentliche Schulen vom Tropf eines Staatshaushalts abhängt, kann auf Kleingruppen setzen. In zu großen Klassen sieht Susanne Walter das Hauptproblem des Schulsystems. Die Gebietsleiterin Rems-Murr bei der Kindersprachenschule Helen Doron, zu der Lollipop gehört, nimmt bereits die Eltern der Allerkleinsten ins Visier: Englischsprachige Krabbelgruppen stehen Babys ab einem Alter von sechs Monaten offen. Mehr und mehr fragen indes Eltern älterer Schüler private Bildungsangebote nach: Wer sich’s leisten kann, peppt die Noten des Nachwuchses mittels Zusatzkursen auf.

Regine Koch-Bah von Lollipop schielt freilich nicht auf Noten. Sie denkt über Grenzen hinaus, sieht Kinder als Bürger Europas, für die sich später die Frage Mehrsprachigkeit ja oder nein gar nicht mehr stellt. Sie selbst habe ihre Kinder einem „straffen Programm“ ausgesetzt. Das geht in Ordnung, findet Regine Koch-Bah, weil Kinder über „wahnsinnige Kapazitäten“ verfügen, Neues aufzunehmen.

Das gilt für alle Kinder. Nur nutzen nicht alle alles, was in ihnen steckt: In Baden-Württemberg hängt Bildungserfolg ganz erheblich vom sozialen Status der Familie ab. Ließen sich qualifizierte Extra-Bildungsangebote etwa an Ganztagesschulen integrieren, könnte das Bildungsgerechtigkeit stärken. Doch in der Praxis fassen externe Anbieter an Schulen sehr oft sehr schwer Fuß – es sei denn, sie begnügen sich mit einem eher symbolischen Honorar.

Diplom-Modedesignerin Birgit Rückert aus Korb füllt mit ihren Kursen eine Lücke: „Handarbeit kommt zu kurz an den Schulen“, sagt sie – und staunt immer wieder neu, dass Kinder selbst in dreieinhalbstündigen Nähkursen keine Pause machen wollen und kaum Zeit zum Vespern finden. „Diese Präzision“, mit der sich Kinder auf die Arbeit an der Nähmaschine einlassen, ihre Kreativität und ihre Talente faszinieren Birgit Rückert.

Um Talente zu entdecken, sollen Kinder Verschiedenes ausprobieren

Stichwort Talente: Um ihre Fähigkeiten und Talente zu erkennen, sollten Kinder Verschiedenes ausprobieren dürfen. Manch eines entdeckt vielleicht seine Vorliebe fürs Forschen gar nicht in einem Kurs. Sondern beim Spielen am Bach. Unbewacht von Erwachsenen.
 

Für und Wider

„Kinder brauchen außerhalb von Schule Spaß, Anregungen und Erfolge. Das hilft auch, Misserfolge besser zu verkraften und weiterzumachen, wenn es in der Schule mal nicht so gut läuft. Gemeinsam mit dem Kind sollten Eltern überlegen, was es gern als Ausgleich tun würde, und ihr Kind in seinen Hobbys unterstützen. Toben, spielen, Freunde treffen, einem Hobby oder einer Leidenschaft nachgehen haben den gleichen Stellenwert wie das Lernen.“ Bundesfamilienministerium

Jeder Kurs zwingt Kinder ein bisschen mehr unter das Diktat von Terminen. Sie bewegen sich nicht mehr im normalen Leben von Familie und Nachbarschaft, sondern in einer Welt von Kinder-„Inseln“... Tolle Kurse allein machen Kinder also nicht glücklich. Sie brauchen vor allem Zeit: Zeit zum freien Spielen, um mal dieses, mal jenes auszuprobieren; Zeit für Freunde; Zeit zum Nichtstun und für Langeweile. Aus „Elternbriefe du + wir“, eine Initiative der katholischen Kirche.

 

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