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FamilienforumKinder müssen locker lassen können

Pia Eckstein, vom 23.07.2012 18:55 Uhr
Fest anspannen, um dann schlagartig locker zu lassen: Die Psychologin Dr. Christiane West mit ihren Entspannungs-Lehrlingen. Foto: Rems-Murr-Kliniken
Fest anspannen, um dann schlagartig locker zu lassen: Die Psychologin Dr. Christiane West mit ihren Entspannungs-Lehrlingen.Foto: Rems-Murr-Kliniken

Waiblingen. Jedes vierte Kind leidet unter Kopf- oder Bauchschmerzen. Nicht, weil es krank wäre. Sondern weil es unter Strom steht, so angespannt ist, dass es nicht mehr locker lassen kann. Abhilfe können gezielte Entspannungsübungen schaffen. Das Krankenhaus in Waiblingen bietet unter Leitung einer Psychologin einen solchen Kurs an.

Entspannung spüren

Dr. Christiane West arbeitet mit der Methode „Progressive Muskelentspannung“ nach Dr. Edmund Jacobson.

Dieser amerikanische Arzt erkannte vor etwa 100 Jahren, dass Körper und Seele eng miteinander zusammenhängen. Er erkannte, dass, wer die Muskeln entspannen kann, sich auch seelisch gelöster fühlt.

Für Kinder, sagt Dr. Christiane West, ist die progressive Muskelentspannung leichter zu erlernen als beispielsweise autogenes Training. Denn die Kinder können aktiv etwas tun. Und sie spüren sofort den Unterschied zwischen An- und Entspannung.

Anfänger brauchen für die Übungen nach Jacobson etwa 20 Minuten Zeit. Geübte Entspanner können innerhalb weniger Minuten eine tiefe Entspannung herbeiführen. 

„Wann warst du letzte Woche entspannt?“, fragt Dr. Christiane West, Psychologin am Kreiskrankenhaus Waiblingen. Und sie fragt: „Was hast du da gerade gemacht?“ Sieben Kinder überlegen: „Als ich im Bett gelegen bin und alles ganz still war“, sagt ein Mädchen. „Als ich im Freibad war, im Strömungskanal“, sagt ein Bub. Auch auf dem Sofa ist’s entspannend. Und beim Lesen. Oder auf der Wiese beim Betrachten des Himmels.

Und wie fühlt sich Entspannung an? Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Der Körper wird schwer. Und warm. Oder? Und die Seele wird ganz leicht?

„Viele Kinder wissen heute gar nicht mehr, wie sich Entspannung wirklich anfühlt“, sagt Dr. Christiane West. Die Kinder, die zu ihr kommen, leiden unter Kopfschmerzen und Migräne. Oft so stark und häufig, dass die Eltern schon alles auf ernsthafte Erkrankungen hin abklären ließen. Dass der Kinderarzt ins Krankenhaus überwiesen hat. Doch da ist meist nichts. Und so bekommen die Kinder Entspannung empfohlen. Beispielsweise diesen Kurs.

Die Eltern, sagt Christiane West, seien höchst interessiert. Und die Kinderärzte froh, dass endlich ein solcher Kurs angeboten wird. Denn es gebe so etwas sonst nicht im Kreis. Die Anfragen häufen sich, der Kurs könnte oft wiederholt werden.

Christiane West arbeitet nach der Methode von Edmund Jacobson. Progressive Muskelentspannung heißt das, was die Kinder lernen. Die Theorie: Wer im Stress ist, Angst hat, unruhig ist, verkrampft. Verkrampfte Muskeln lösen dadurch automatisch auch Angst und Stress aus. Umgekehrt führen entspannte, lockere Muskeln auch die Seele zur Ruhe. Das heißt: Die Kinder müssen lernen, ihre Muskeln gezielt und systematisch zu entspannen.

Die Kinder legen sich auf den Boden und hören eine Geschichte. Die Geschichte handelt von zwei Kindern, die tauchen wollen, um mit Hilfe eines besonderen Delfins einen Schatz zu finden, der einem dritten Kind das Leben retten soll. Damit die Kinder gut tauchen können, müssen sie lernen, sich zu entspannen. Die Entspannungsübungen sind in die Geschichte mit eingebaut. Zuerst winkeln die Kinder den rechten Arm an, ballen die Faust, spannen Bizeps und Trizeps an, fest, aber nicht zu fest, fünf Sekunden lang. Dann locker lassen. Richtig fallenlassen. Nachspüren. Ruhig liegen. Es wird heiß im Arm. Es kribbelt ein bisschen. Der Arm bekommt Gewicht.

Die Kinder spannen den anderen Arm an, dann die Muskeln im Gesicht. Sie kneifen die Augen zusammen, runzeln die Stirn, ziehen die Augenbrauen zusammen, beißen die Zähne aufeinander, machen eine richtige Grimasse. Fünf Sekunden anspannen. Anspannen ist einfach. Doch dann sollen sie wieder locker lassen. Schlagartig. Alles. Jeden noch so winzigen Gesichtsmuskel. Mancher Gesichtsmuskel ist schwer zu entspannen. Es ist richtige Arbeit, ihn loszulassen. Atmen sollen die Kinder, tief in den Bauch, sich räkeln, strecken und wieder ruhig liegen.

Es kommt das große Gähnen


Dr. Christiane West macht den ganzen Körper durch: die Beine, den Bauch, die Schultern, den Rücken, den Po. Alle Muskeln werden eine kleine Weile angespannt, dann schlagartig locker gelassen. Die Kinder sollen dadurch lernen, ihren Körper wieder besser zu spüren und die Muskeln zu entspannen. Diese Entspannung bringt sie in eine ruhige Stimmung. Sie sollen sich körperlich und seelisch wohlfühlen. Und tatsächlich: Es kommt das große Gähnen.

25 Prozent aller Kinder haben Bauch- und Kopfschmerzen, sagt Dr. Christiane West. Aufmerksamkeit erregen sollten diese Malaisen, wenn die Kinder dadurch die Schule versäumen oder in ihrer Freizeit massiv eingeschränkt sind. Beispielsweise wenn sie nach der Schule zwei bis drei Stunden schlafen, weil der Kopf so wehtut. Doch wären diese Kinder nicht viel besser im Freibad oder im Garten oder im Wald aufgehoben, wo sie spielen und mit Freunden toben und so alle Anspannung fahrenlassen? „Diese Kinder“, sagt Christiane West, „können im Spiel nicht mehr entspannen.“ Sie brauchen mehr Hilfe. Das Leben der Kinder ist heute anders als früher. Langeweile gibt’s nicht mehr, die Reize fluten über uns hinweg. Außerdem ist fast jeder Nachmittag verplant mit Kursen, Unterricht, sonstigen Verpflichtungen. „Die Kinder müssen wieder Ruhe lernen.“ Mit einem Entspannungskurs fangen sie an.

Termine:

Der nächste Kurs findet jeweils freitags vom 5. Oktober bis 16. November statt. Am Freitag, 2. November, findet aufgrund der Herbstferien kein Termin statt. Anmeldung ist bei Kursleiterin Diplom-Psychologin Dr. Christiane West möglich ) 0 71 51/50 06  22 40, E-Mail: cwest@khrmk.de. Für die Teilnahme wird keine Überweisung vom Facharzt oder Kinderarzt benötigt. Der Kurs kostet 45 Euro. Krankenkassen können die Kosten unter bestimmten Bedingungen übernehmen; es muss aber nachgefragt werden.

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