Donnerstag, 17. Mai 2012
 
 
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Faszinierende Gewalt Mexikos Drogenmafia ist groß in Mode

Tobias Käufer, vom 30.01.2012 08:00 Uhr
Edgar Valdez Villarreal alias „Barbie“ bei seiner Verhaftung Foto: AP
Edgar Valdez Villarreal alias „Barbie“ bei seiner Verhaftung Foto: AP

Mexico City - Ein gezielter Schnitt durch die Kehle, und das Blut fließt in Strömen. Den Zwillingsbrüdern Omar und Adolfo Valenzuela, besser bekannt als die Twiins aus Burbank, ist in ihren Musikvideos keine Gewaltszene zu brutal, um sie ihren Fans nicht per Mausklick zu servieren. Es wird geschossen, geköpft und in Säure aufgelöst. Die Realität des mexikanischen Drogenkriegs, der allein in den vergangenen fünf Jahren 50.000 Menschen das Leben kostete, findet seinen Niederschlag in den Texten und Videoclips der Musikproduzenten aus Kalifornien.

Die Produzenten wehren sich gegen die Kritik der Gewaltverherrlichung mit einem einfachen Argument: „Wir zeigen nur die Realität, die sie auch in den Nachrichten sehen können“, beteuert Omar Valenzuela. Die Nähe zur Mafia ist ein einträgliches Geschäft: Neben Millioneneinnahmen gab es auch schon einen Grammy, die höchste Auszeichnung im US-amerikanischen Musik-Business.

In den normalen TV-Stationen und Radiosendern sind die Songs der Twiins nicht zu hören, ihre Fans erreichen die brutalen Texte und Clips via Internet. Eine Marketing-Strategie, die für hohe Klickzahlen im Handy-Zeitalter sorgt.

Drogenkartell Sinaloa besitzt Kultstatus

Gerappt wird vor allem über das mexikanische Drogenkartell Sinaloa aus dem gleichnamigen Bundesstaat. In der Hauptstadt Culiacán fand vor ein paar Jahren der neue Musikstil seinen Ursprung, als der Aufstieg des Kartells nicht mehr zu bremsen war. Heute besitzt er dort Kultstatus. Da sich das Sinaloa-Kartell eine blutige Dauerfehde mit den rivalisierenden Zetas liefert, sind Songs über die Konkurrenz tabu.

Bisweilen, so berichten die Musikproduzenten, gibt ein Auftragsmörder persönlich seine Freigabe für einen Song. Das Video über Manuel Torres, einen der prominenten Topkiller des Kartells, ist mittlerweile rund fünf Millionen Mal heruntergeladen, das dazugehörige You-Tube-Video wurde sogar 13 Millionen Mal angeklickt. Das hartnäckige Gerücht, dass die Führungskräfte der Kartelle an den Songs mitverdienen, bestreiten die Produzenten. Doch Zweifel an dieser Aussage sind erlaubt.

Der kulturelle Einfluss der Drogenkartelle reicht mittlerweile weit über die Musikszene hinaus. Als der Drogenboss Edgar Valdez Villarreal, alias „Barbie“, den Behörden vor ein paar Monaten ins Netz ging, setzte er einen neuen Modetrend. Er trug ein Polohemd der Marke Ralph Lauren – so wie sieben weitere Unterweltgrößen bei ihren Festnahmen in den vergangenen Monaten.

Drogenboss als Helden in der Telenovela

In Mexiko ist es üblich, dass verhaftete Verdächtige der Presse präsentiert werden: Erst klicken die Handschellen, dann die Kameras. Seit das Bild vom grinsenden Edgar Valdez Villarreal im Kurzarmhemd mit dem berühmten Reiteremblem um die Welt ging, erlebt der Handel mit den Poloshirts in Mexikos Armenvierteln einen schwunghaften Aufstieg. In den Straßen von Mexico City ist ein gefälschtes Polo-Ralph-Lauren-Hemd schon für zehn US-Dollar (acht Euro) zu haben. Viele der Kunden lassen sich von den Händlern ihren Namen auf die Rückseite des Kleidungsstücks aufdrucken – so viel Stolz muss sein. Auf den Straßen nennt man die Hemden nur noch „Narco Polos“, in Anlehnung an den Begriff „Narcotrafico“, wie in Lateinamerika Kriminelle aus dem Drogenmilieu heißen.

„Kein Zweifel, das ist ein neuer Modetrend“, sagt der Gouverneur von Sinaloa, Mario López Valdez. Und wie der Musikstil schwappt von hier aus die Welle auf das ganze Land über. Dass Drogenbosse zu Mode-Ikonen werden, ist dem Politiker zuwider. Valdez will den Trend stoppen – wie weiß er allerdings selbst noch nicht. „Viele Jugendliche eifern diesen Idolen nach und wollen ebenfalls Drogenbosse werden. Und viele junge Mädchen wollen die Freundin von einem der Narcos werden. Gegen diese Subkultur ­müssen wir ankämpfen“, sagt er.

Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein. Denn die Welt der Drogenmafia wird den Teenagern täglich auch im Fernsehen schmackhaft gemacht: Unzählige Telenovelas flimmern über die mexikanischen Bildschirme. Die TV-Seifenopern verherrlichen das Leben der mächtigen Drogenbosse, als wären sie Stars aus Musik- und Showgeschäft. Präsentiert wird ein Leben mit einem Top-Model als Freundin, Luxusapartments in Miami Beach und einer Macht, der sich niemand widersetzen kann. Vor allem nicht die Polizei. Die ist in den Musikvideos der Twiins, den Fotos von den Verhaftungen der mächtigen Drogenbosse und den Telenovelas ohnehin auf eine Rolle festgelegt: die des bösen Spielverderbers.

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