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Fellbach. Ein Pflichttermin ist der Weintreff für die Weingüter im Remstal, sagt Wolfgang Häfner. Was für 50 Wengerter und Genossenschaften eine Pflicht sein mag, ist die reine Kür für die über 2500 Besucher, die sich am Samstag und am Sonntag in der Alten Kelter in Fellbach tummelten. Sie schlenderten von Stand zu Stand und probierten das Beste, was das Remstal an Weinen und Sekten zu bieten hat.
Wolfgang Häfner, der Wengerter aus Remshalden-Geradstetten, machte am Samstag gegen 19 Uhr jedoch keineswegs den Eindruck, dass er von der Pflicht erdrückt würde, seine feinsten Weine aus dem Keller holen zu müssen, um der Konkurrenz Paroli bieten zu können. Der 2009er Spätburgunder Winzersekt, der 20 Monate in der Flasche gegärt war, hätte ein herrlich prickelndes Finale des Nachmittags sein können, wäre das nicht auch das Rotweincuve aus dem amerikanischen Eichenfass gewesen mit dem seltsamen Namen „Hennßlin VI“.
Das Rätsel schrie nach Auflösung – und führte weit in die Geschichte der Häfners zurück. Bis in Zeiten des 30-jährigen Krieges im 17. Jahrhundert, als ein kleiner Weiler zwischen Stetten und Strümpfelbach namens Lindhalde in den Wirren des Krieges aufgegeben wurde. Just von dort stammen die Hennßlins, seiner Weinbaufamilie, deren Wurzeln Häfner bis ins Jahr 1493 zurückverfolgen kann. Die Hennßlins jedenfalls können stolz sein, was ihr Nachfahre in ihrem Namen im Barrique reifen lässt.
Phantasievoll sind sie, die Namen, die die Weingüter inzwischen ihren Kreationen angedeihen lassen. Der Fellbacher Markus Heid nennt sein Weißweincuve „Euphrosyne“, das Collegium Wirtemberg adelt ihren Riesling, Trollinger und Rotwein zu „Katharina-Monarchie“, „Wilhem-Monarchie“ oder „Salucci-Monarchie“; der Korber Friedrich Zimmerle greift nach den Sternen und bezeichnet Trollinger und Chardonnay als „Astrum“; und bei Rainer Scholz und Andi Knauß aus Strümpfelbach ist schon der Name des Weingutes eine Verbeugung vor den Schätzen aus dem Weinberg – dem „Parfum der Erde“.
Zu den betörendsten Parfümen im Remstal gehört wohl der Lemberger. Viele Wengerter seien wohl noch unentschieden, ob sie mehr von dieser Sorte anbauen sollen, die in Österreich Blaufränkisch heißt. Der Weinautor Gerhard Eichelmann, Gründer der „Weinzeitschrift „Mondo“ und Herausgeber des etablierten Standardwerks „Eichelmann Deutschlands Weine“, jedenfalls widmete zwei der acht von ihm kommentierten Weinproben beim Weintreff dem Lemberger, was seine Wertschätzung für diese Sorte zeigt. Und an 29 der 54 Stände war ein Lemberger zu probieren. Diese Vielfalt wurde nur vom Riesling übertroffen, der so gut bei jedem Weingut und Genossenschaft verkostet werden konnte.
„Lemberger ist so ‘ne Sache“, meinte Jochen Mayer, dass diese Sorte sehr empfindlich auf Trockenheit reagiert. „Wir nehmen’s, wie die Natur ihn uns schenkt.“ Das Großheppacher Weingut hat sich wie viele andere auch, von den Lagenbezeichnungen und Qualitätstufen verabschiedet. Die drei Sterne stehen dabei für Selektionsweine aus ausgesuchten Weinbergen, ertragsreduziert auf maximal 40 Liter pro Ar. Das Ergebnis sind charaktervolle ausdrucksstarke Weine. Auch Hans Haidle, den Eichelmann erst kürzlich für einen 2001er-Lemberger ausgezeichnet hat, präsentierte beim Weintreff ein Dreisternewein des Jahrgangs 2009er, das aber bei den VdP-Weingütern unter „Großes Gewächs“ läuft.
Dem gemeinen Weintrinker konnte dies in der Alten Kelter schnurz sein, denn er oder sie konnte 300-fach unter großen und kleinen Gewächsen, einem, zwei und drei Sternen oder Qualitätweinen und Aus- und Spätlesen wählen. Eben diese Vielfalt zum Einheitspreis macht diese jährliche, zum 16. Mal stattfindende Weinprobe aus, bei der das Remstal noch um Stuttgarter und Esslinger Weingüter bereichert wird und sich diesem Wettbewerb guten Gewissens stellen kann.
Wer jedoch den Weintreff als „Flatrate-Trinkerei“ bezeichnet, macht es sich zu einfach. Denn nirgends sonst werden selbst Spitzenweine so kennerhaft ausgespuckt und weggegossen wie in der Alten Kelter. Nur so schaffen es die Hardcore-Verkoster, von 11 Uhr Mittag bis 19 Uhr abends durchzuhalten, sich systematisch durch die Sorten zu trinken und dabei nicht den Überblick zu verlieren. Respekt.
Albrecht Schurr von der Remstalkellerei schätzt beim Weintreff die vielen guten Gespräche unter Kennern – und ist sich nicht zu schade, dem Laien anschaulich den Kniff eines „Blanc de Noir“ zu erklären. Dieser wird dem im Grunde roten Spätburgunder „zärtlich abgepresst“ und ermöglicht die Täuschung, einen golden schimmernden Rotwein zu genießen. Und Wolfgang Häfner macht im Saal unter dem eindrucksvollen Holzdachstuhl immer mehr jüngere Gesichter aus. Das sei genau das, was die Weingüter brauchten. Den weintrinkenden Nachwuchs, der in der Alten Kelter an die „Besten aus dem Remstal“ herangeführt wird.
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