Donnerstag, 17. Mai 2012
 
 
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Ferienjobs Ausgenutzt im Schreibwarengeschäft

Jessy Beraldo, vom 04.01.2012 21:22 Uhr
Jessy Beraldo berichtet über eine grenzwertige Nebenjob-Erfahrung. Foto: ZVW
Jessy Beraldo berichtet über eine grenzwertige Nebenjob-Erfahrung. Foto: ZVW

Jessy Beraldo erzählt von ihren schlechten Nebenjob-Erfahrungen in einem Schreibwarengeschäft.

Wie jeder andere Jugendliche brauche auch ich Geld. Viel Geld. Taschengeld reicht nicht mehr und auf einmal will ich die ganze Welt bereisen. Klamotten sind gar nicht der Grund, warum ich Geld brauche. Davon habe ich genug. Es geht einfach darum, mir etwas Teures kaufen zu können, wie einen neuen Fernseher und ein Ticket nach Frankfurt, und dafür nicht immer bei meinen Eltern antanzen und darum betteln zu müssen, dass sie mir Geld geben. Sie geben mir schon Geld, nur reicht es mir dann nicht aus. Also brauche ich einen Nebenjob, aber damit die Schule nicht vernachlässigt wird, darf es auch nicht zu viel sein.

Ich bin also los und hab mich erst auf der ganzen Königstraße in jedem Laden beworben. Viele haben gesagt, sie brauchen momentan keine Aushilfe, und andere meinten, sie suchen erst im Herbst. Also ging ich dann nach Waiblingen, da wurde ich auch nur an manchen Stellen fündig, habe aber bis heute noch keine Zusage bekommen.

Dann aber hat mich ein Geschäft angerufen und mich gebeten, drei Tage lang zum Probearbeiten zu kommen. Ich war natürlich super happy und auch ganz nervös. Hab’ mir stundenlang überlegt, was ich anziehen soll, und bin dann super motiviert hingegangen. Der Chef war zwar anfangs ganz nett. Als er dann weitersprach, meinte er knallhart zu mir „Wir nutzen Sie auch aus, das wissen Sie schon. Sie sind ja dann Aushilfe und müssen an der Kasse acht Stunden am Stück stehen. Und Pause gibt es eigentlich bei sechs Stunden Arbeit nicht. Und das für sechs Euro die Stunde. Den Laden schließen müssen Sie abends um 20 Uhr auch.“

Halt. Moment mal. Ich werde knallhart ausgenutzt, krieg nur sechs Euro die Stunde und muss auch noch Verantwortungen übernehmen, wie den Laden schließen? War ich nicht nur die Aushilfe? Oder reden wir gerade von einer Festanstellung? Außerdem bin ich noch nicht mal 18. Nun gut, ich brauche das Geld, also habe ich natürlich freundlich gelächelt und es mir überhaupt nicht ansehen lassen, dass ich mir eigentlich schon sämtliche Fluchtwege überlegt hatte.

Ich sollte gleich am selben Tag anfangen mit Probearbeiten. Übrigens drei Tage Probearbeiten, ohne bezahlt zu werden – überhaupt keine Ausnutzung. Ab und zu kamen Kunden und ich sollte mich auch erst im Laden wie ‘ne Verirrte umschauen und mir merken, wo alle Artikel stehen. Gut, also laufen wir im Laden rum. Ich tat dann auch so, als wäre ich tatsächlich eine Kundin, da ich mir ohnehin schon blöd vorkam. Dann sollte ich Fehler finden, Artikel, die sich an falschen Stellen befanden. Ein paar habe ich gefunden. Die, die ich nicht gefunden habe, hat mir der Chef natürlich voll eingebildet gezeigt, so als könnte er es mit geschlossenen Augen sehen. Dann sollte ich ihm über die Schulter gucken, um zu sehen, wie er Kunden bedient. Ich fand die Art, wie er geredet hat, etwas komisch. So aufgesetzt freundlich. Jeder normale Mensch hätte raushören können, dass die Freundlichkeit nicht ernst gemeint war. Und dann die ganzen unschönen Kommentare, wenn mal eine ältere Dame vorbeikam und fragte, wo die Toilette sei. Ja mein Gott, ich würde auch in einem Laden nachfragen, wenn ich nicht wüsste, wo sich die Toilette in einem Einkaufszentrum befindet.

Dann durfte ich ran an die Kasse. Also zahlen, auf „Summe“ drücken, nebenbei noch Artikel im Angebot vorschlagen, meistens eine Abfuhr bekommen, und falls nicht, dann aufschreiben, dass der Kunde den Pinsel doch gekauft hat, das Geld nehmen, in die Kasse eintippen und dann... wo drücke ich noch mal? Oh, geh schon auf, du blöde Kasse. Krieg ich doch tatsächlich die Kasse nicht auf. Ich hab die „Kasse, mach schon auf!“-Taste immer zu früh gedrückt und musste dann im Kopf nachrechnen. Auch das noch. Dann sollte ich Artikel einräumen und obwohl ich genau sehen konnte, wo der Artikel hinkam, musste ich immer die Artikelnummer vergleichen. So eine Zeitverschwendung, wenn ich’s doch seh!

Tag zwei. Der Chef war nicht da, aber dafür der total deprimierte Kollege. Der hatte diese „Mein Leben ist scheiße“-Einstellung. Solche Menschen kann ich gar nicht ausstehen. Komm ich da total fröhlich rein und werde gleich dumm angelabert und muss mir anhören, wie sehr ihm nicht gefällt, wie die Artikel auf diesem Regal stehen. Also musste ich ran und das umändern. Wollte ich zwar, konnte ich dann aber nicht, weil er es doch lieber selbst in die Hand nehmen wollte. Und jedes Mal, wenn ich sagte, ich fände es so besser, guckte er nur blöd und wenn ich etwas verschob, veränderte er es wieder. Also wirklich, ich hab einen Artikel dreimal verschoben und er stand immer wieder so wie zuvor da. Mann, echt. Was soll das eigentlich, dann sag doch nicht, dass ich dir helfen soll, wenn du es eh selber machst! Am Ende war er immer noch nicht zufrieden. Sein Pech, dachte ich mir.

Dann kam der Oberhammer. Als tatsächlich mal Kunden kamen, wurde der Dame total unfreundlich gesagt, dass die Hochzeitskarten hinten stehen. Ich sah das und war total geschockt. Also lief ich zu der Dame hin und fragte sie, ob sie Hilfe benötige. Sie schaute mich hoffnungslos an und bat darum. Ich nahm sie also gleich mit zum anderen Kartenständer, an dem es viel schönere Karten gab. Sie erzählte mir, dass sie für eine liebe Freundin, die bald heiratet, eher nach einer lustigen Karte sucht. Und schon waren wir am Tanzen, als ich ihr die musikmachenden Karten zeigte. Da hatte ich gleich eine neue beste Freundin gefunden. Sie hat die Karte dann gekauft und alles war super.

Schnell waren die drei Tage Probearbeiten auch schon vorbei und es hieß, sie würden sich bei mir melden oder ich sollte vorbeikommen. Auch so eine Sache, wieso sollte ich selber vorbeikommen, wenn meine Nummer doch extra in der Bewerbung stand. Nun gut, ich habe also eine Woche gewartet und dann höflich am Telefon nachgefragt. Der Chef sagte mir dann eiskalt „Nein, den Job kriegst du nicht“. Ich war natürlich erst mal baff und dachte mir „so ein A...“ Dann habe ich höflich gefragt „Darf ich wissen wieso?“. Da sagte er mir, es habe Sachen gegeben, die ihm und seinem Kollegen nicht gefallen hätten und dass sie der Meinung seien, es reicht für den Job nicht aus. Dann „Tschüss“ und auf Nimmerwiedersehen. Aber an eine Sache hat er nicht gedacht – nämlich, dass er mir selbst gezeigt hat, wo sich die Kassen und der Tresor befinden.

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