Frauen bei der Polizei Auf Streife: Kein Job für scheue Mädchen

Jutta Pöschko-Kopp, 15.06.2016 00:00 Uhr
Sandra Schmidt (links) und Nathalie Wöhrle lieben ihren Beruf bei der Polizei. Foto: Steinemann / ZVW
Sandra Schmidt (links) und Nathalie Wöhrle lieben ihren Beruf bei der Polizei.Foto: Steinemann / ZVW

Waiblingen. Wenn sie morgens ihren Dienst antreten, wissen sie nicht, was ihnen der Tag bringen wird. Einen schlimmen Verkehrsunfall? Eine vermisste Person oder irgendwo einen gewalttätigen Familienvater? Suizid auf den Bahngleisen? Alles ist möglich. Trotzdem oder gerade deshalb käme für die beiden Streifenpolizistinnen Sandra Schmidt und Nathalie Wöhrle niemals ein anderer Job infrage: „Dieser Beruf“, sagen sie beide, „ist ein absoluter Traumjob.“

Video: Sandra Schmidt und Nathalie Wöhrle über ihren Traumberuf

Zwei Frauen, zwei Geschichten. Sandra Schmidt (36) kommt aus einer Polizistenfamilie und wollte schon im Kindergarten zur Polizei gehen. Der Vater und der Onkel, beide waren Polizeibeamte. „Für mich gab’s nichts anderes. Ich hatte keinen Plan B“, erzählt die Polizeihauptmeisterin. Nach der Mittleren Reife ging sie zum Einstellungstest, 1997 wurde sie Polizistin. Nathalie Wöhrle (24) wusste lange nicht, was sie machen wollte. Nur, dass es auf keinen Fall ein Bürojob sein sollte. „Durch eine Berufsmesse bin ich auf die Polizei gestoßen“, erzählt die Polizeimeisterin. Sie bewarb sich und wurde zum zweitägigen Testverfahren eingeladen. Seit 2008 ist sie bei der Polizei.

Sandra Schmidt und Nathalie Wöhrle arbeiten heute in derselben Dienstgruppe, manchmal sind sie zusammen auf Streife. Sie wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können, wie auch auf die männlichen Kollegen. Und die Kollegen sich auf sie. Ohne das würde ein Job nicht funktionieren, bei dem man morgens nicht weiß, was er bringt. Das Ungewisse, Unplanbare, die Einblicke, die sonst keiner kriegt, wie Schmidt und Wöhrle sagen, sind das Reizvolle daran. Andererseits kann aus einer unvorhersehbaren Situation leicht auch eine gefährliche werden. Angst? „Man hat Respekt, es ist ein Nervenkitzel“, so formuliert es Sandra Schmidt. Deshalb seien die Polizisten nie allein unterwegs. Auf dem Weg zum Einsatz mache man sich schon seine Gedanken, räumt Nathalie Wöhrle ein. Wobei zum Nachdenken manchmal gar keine Zeit sei, weil alles so schnell gehen müsse. „Neulich gab’s Ärger in der Innenstadt“, erzählt sie. „Wir wussten, jemand bedrohte andere mit einem Messer.“ Wer das Messer hatte, sei aber nicht klar gewesen. Fest stand nur, dass sie aufpassen mussten. Auf sich und den Kollegen.

Amokwarnung. Und keiner weiß, ob es ein Fehlalarm ist

Oder vor einiger Zeit der Amokalarm in einer Schule: Keiner habe gewusst, ob er echt war, erzählt Sandra Schmidt. Mehrere Kollegenteams seien in die Schule reingegangen, sie selbst hielt draußen zu Tode erschrockene Eltern ab, ins Schulhaus zu laufen. Später stellte sich die Amokwarnung als Fehlalarm raus. Doch Sandra Schmidt, selbst Mutter zweier Jungs von sechs und acht, konnte sich gut vorstellen, was die Eltern vor der Schule durchgemacht haben.

Stress gehört zum Alltag eines Polizisten – auch das ist ein Grund, warum viele Freundschaften entstehen. „Die Kollegen sprechen viel über den Job“, weiß Nathalie Wöhrle. Und nicht nur der Stress schweißt zusammen, sondern auch die vielen Stunden auf Streife: „Man verbringt viel Zeit miteinander im Streifenwagen“, sagt Schmidt. Da komme man sich nah.

In der Gluthitze drei Kilometer die Gleise entlang

Das müssen gar nicht immer spektakuläre Einsätze sein. „Auch Kleinigkeiten machen das aus“, weiß Wöhrle. Vor einiger Zeit etwa sei ihnen eine vermisste Person auf den Bahngleisen gemeldet worden. Der Hubschrauber kreiste, sie und ihr Kollege seien in der Gluthitze zwei oder drei Kilometer die Schienen entlanggelaufen. Im Team hätten sie den Mann verfolgt und ihn am Ende betrunken, aber unversehrt in einem Busch gefunden. „Es ist gut ausgegangen. Aber das weiß man ja vorher nicht.“

Fällt es ihnen manchmal schwer, sich durchzusetzen? Nein, sagen beide. Gerade zu zweit seien sie ein gutes Team, weil Männer bei Frauen weit weniger auf Konfrontation gingen, sondern Respekt vor ihnen zeigten, meint Sandra Schmidt. „Männer sind bei Frauen eher gesprächsbereit, ihre Aggression sinkt“, ergänzt Nathalie Wöhrle. Klar, räumt ihre Kollegin ein, müssten sie auch mal laut werden, um sich durchzusetzen: „Probleme hatten wir aber nie.“

Wer zur Polizei geht, muss sich auf vieles einstellen. Auch auf den Schichtdienst. Der läuft über fünf Tage und beginnt mit dem Spätdienst morgens um 9.30 Uhr. Dieser dauert mit einer halben Stunde Mittagspause dann bis 19.30 Uhr. Am nächsten Tag startet um 5.30 Uhr die Frühschicht, die um 12.30 Uhr endet. Am selben Tag beginnt um 19.30 Uhr die Nachtschicht. Die dauert bis 5.30 Uhr, dann haben die Polizisten drei Tage lang frei. „Das läuft immer durch, fünf Tage lang, auch am Wochenende, an Ostern und Weihnachten“, erklärt Nathalie Wöhrle. Sehr flexibel arbeitet dagegen Sandra Schmidt, die ihre 50-Prozent-Stelle jeweils mit ihrem Chef abspricht. Ein Traum für viele berufstätige Mütter. Und definitiv der Traumberuf für Sandra Schmidt, die sich die Kinderbetreuung mit ihrem Mann teilt, der ebenfalls bei der Polizei ist: „Ich würde nichts anderes machen wollen.“ Auch wenn es manchmal richtig ätzend, heiß oder kalt sein könne.

Angst vor abgebrochenen Fingernägeln wäre deplatziert

Um abgebrochene Fingernägel und die Frisur darf sich eine gute Polizistin jedenfalls keine Sorgen machen. „Sie muss selbstbewusst sein und kein scheues Mädchen“, betont Schmidt. Fit und gesprächsbereit sollte sie außerdem sein, findet ihre Kollegin. Und vor allem nie die Superfrau spielen wollen: „Allein gegen einen Bären kämpfen zu wollen“, weiß Sandra Schmidt, „das wäre aussichtslos.“ Fatal ist es andererseits, wenn eine Polizistin gleich nervös wird: Sie habe mal eine Kollegin gehabt, die bei jeder Kleinigkeit zusammenzuckte. „Das fand ich schrecklich. Das passt nicht in den Streifendienst.“

Realitätsfern: Polizeiserien im Fernsehen

Sandra Schmidt und Nathalie Wöhrle sind Beamtinnen beim Polizeirevier Waiblingen. Dort arbeiten insgesamt 100 Leute, 50 von ihnen in fünf Dienstgruppen im Streifendienst. Sandra Schmidt und Nathalie Wöhrle sind mit ihrer Dienstgruppe für Waiblingen, Weinstadt, Remshalden und Korb zuständig. Gerufen werden sie unter anderem bei Unfällen, Sachbeschädigungen, vermissten Personen, Suiziden und entlaufenen Tieren.

Von Polizeiserien im Fernsehen halten die beiden Polizistinnen wenig. Mit der Realität hätten die wenig zu tun. Die actiongeladene RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“ zum Beispiel sei absolut realitätsfern, sagt Nathalie Wöhrle: „Das würde nie so stattfinden.“ Wenn überhaupt, schaut sich ihre Kollegin Sandra Schmidt amerikanische TV-Serien an. „Die können alles in diesen Serien. Das ist zwar auch unrealistisch, fesselt mich aber mehr.“

Während ihrer Ausbildungszeit bei der Bereitschaftspolizei hat Nathalie Wöhrle bereits die Fachhochschulreife gemacht. Ihr nächstes Ziel ist es, an der Polizei-Hochschule in Villingen-Schwenningen zu studieren und irgendwann in den gehobenen Dienst zu kommen. Sandra Schmidt hofft, durch einen Qualifizierungslehrgang den Schritt in den gehobenen Dienst machen zu können.

          4
 
Kommentare (1)
Gerd-Bodo Dick • vor 10 Monaten
Hut ab vor diesen Frauen. Die Polizeikultur wird durch Frauenanteil verbessert. Für viele Einsätze eigenen sich Frauen oftmals wesentlich besser als Männer. Die beiden Frauen sind auch ein gutes Beispiel für so manche Frauenbeauftragte - mit gutem Beispiel vorangehen und nicht nur fordern. Gelebte Gleichberechtigung statt einseitige Frauenrunden. Manche Männer tuen gut daran diesen Frauen mehr Respekt und Achtung entgegen zubringen. Mehr Aufklärung für Männer und Jugendliche mit internationalen Wurzeln muss noch vorgebracht werden. Für eine weltoffene Gesellschaft ohne Gewalt.
11
Antworten