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Frauen bei der Polizei Polizistin, Chefin und alleinerziehend

Kerstin Schönherr leitet den Polizeiposten Schmiden. Foto: Palmizi / ZVW

Waiblingen. So interessant wie das Leben: so lautete mal ein Werbeslogan der Polizei. Für Kerstin Schönherr, Polizeihauptkommissarin und alleinerziehende Mutter, trifft der Spruch voll ins Schwarze: Genau so sei ihr Alltag, und so habe sie sich ihren Beruf vorgestellt: „Jeden Tag viele Menschen und das pralle Leben“, sagt die Chefin des Polizeipostens in Schmiden.

Kerstin Schönherr ist offen, kontaktfreudig und selbstbewusst: drei Eigenschaften, die ihr in ihrem Job als Leiterin der Polizei in Schmiden vermutlich jeden Tag zugutekommen. Mitten in Schmiden in der Brunnenstraße logiert der Polizeiposten. Von dort aus kümmern sich Kerstin Schönherr und ihre fünf Mitarbeiter um leichte bis mittlere Kriminalität in Schmiden und Oeffingen und bilden damit eine Art Schnittstelle zwischen dem Streifendienst und der Kriminalpolizei. Unter anderem bearbeiten sie Betrugsfälle, Internetkriminalität und Unterschlagungen, kümmern sich um Nachbarschaftsstreitigkeiten, Tierquälerei und Beleidigungen, nehmen Vermisstenanzeigen entgegen und helfen in Fällen häuslicher Gewalt. „Sehr viel haben wir mit Internetbetrügerei zu tun“, erzählt Kerstin Schönherr. Wenn die Opfer die merkwürdigen Abbuchungen auf ihren Konten bemerken, wurden ihre abgefangenen Kreditkartendaten längst weiterverkauft. Durchsetzungs- und Einfühlungsvermögen waren gefragt, als Kerstin Schönherr neulich einem handgreiflich gewordenen Asylbewerber erklären musste, dass Gewalt in Deutschland keine akzeptable Reaktion ist. Der Mann hatte seine Frau geschlagen, weil er sich von ihr beleidigt fühlte, und glaubte sich voll im Recht: „Das sind ganz neue Herausforderungen.“

Lehrer zu werden kam für die Lehrerstochter nicht infrage

Die ganze Bandbreite des Lebens, das war es, was Kerstin Schönherr schon immer gereizt hatte. Eine Freundin hatte ihr von der Polizei erzählt, doch nach dem Abitur spielte Schönherr zunächst mit dem Gedanken, Mathe oder Jura zu studieren. Dass sie studieren würde, sei in der Lehrer-Familie, aus der sie stammte, klar gewesen. „Den ganzen Tag in einem Büro über Akten brütend habe ich mich aber gar nicht gesehen“, erzählt sie lachend. Lehrerin sei für sie als Lehrerstochter schon gar nicht infrage gekommen. Der Polizeiberuf habe sie dagegen immer interessiert – auch weil sie ein starkes Gerechtigkeitsempfinden habe und im Kleinen dazu beitragen wollte, die Welt gerechter zu machen. Nach dem Abitur verbrachte sie drei Monate in Israel. In einem Kibbuz lernte sie viele junge Menschen aller Art und aus aller Welt kennen: Banker genau so wie Aussteiger und Hausbesetzer: „Genau so hatte ich mir meinen Beruf vorgestellt: ganz viele Menschen und das pralle Leben.“

Bereut hat Kerstin Schönherr diese Entscheidung nie. Weil sie ihre Arbeit spannend findet, aber auch wegen der Flexibilität, die sie als alleinerziehende Mutter zu schätzen gelernt hat. 2001, gerade mit der Ausbildung fertig geworden, hatte sie im Streifendienst beim Polizeipräsidium Stuttgart angefangen. Ein halbes Jahr später war sie schwanger, 2002 kam ihr Sohn zur Welt. Schon neun Monate später zog es sie zurück in den Beruf. „Ich hatte 13 Jahre Schule und gerade die Ausbildung hinter mir. Ich wollte was tun.“ Mit 10 Stunden in der Woche startete sie beim Bezirks- und Ermittlungsdienst in der Stuttgarter Ostendstraße. Von dort aus waren es nur ein paar Minuten zur polizeieigenen Kita Polifant, wo sie ihr Baby gut betreut wusste. Später stockte sie ihre Arbeitszeit peu à peu wieder auf. „Da macht die Polizei unheimlich viel möglich. Eigentlich kannst du arbeiten, wie du willst“, sagte sie anerkennend. Natürlich sei die Arbeit als alleinerziehende Mutter immer noch eine Gratwanderung gewesen, die mit einem schlechten Gewissen verbunden war. „Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich es bei einem anderen Arbeitgeber so leicht gehabt hätte.“ Sie habe sogar durchsetzen können, fünf Stunden in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Was dann aber doch nichts für sie gewesen sei: „Ich möchte Privates und Berufliches trennen. Zu Hause nichts mit dem Beruf zu tun haben und wenn ich arbeite, nicht an Privates denken.“

Nach drei Jahren bei der Landespolizeidirektion Stuttgart im Sachgebiet Einsatz, wo sie unter anderem Einsätze der Bereitschaftspolizei koordinierte, wechselte sie nach Waiblingen in den Führungs- und Einsatzstab Kriminalitätsbekämpfung und kam schließlich als Chefin zum Polizeiposten nach Schmiden. „Ich wollte eine Führungsposition, und mit fünf Mitarbeitern war die Stelle ideal für mich.“

Mitten drin im Leben: Ja, sagt Kerstin Schönherr, Polizistin sei ihr Traumberuf. Schon allein wegen der vielen Möglichkeiten bei der Polizei, vom Stabsbereich über die Verkehrspolizei, Cyberkriminalität, Lehrer oder im technischen Bereich. „Ein Berufsleben mit 40 Jahren ist lang“, sinniert sie. „Aber es gibt viele interessante Aufgaben. Wer weiß, was sich noch tut.“

20 Prozent

1730 Beschäftigte arbeiten beim Polizeipräsidium Aalen im Polizeivollzugsdienst, in der Verwaltung und als Tarifangestellte.

1500 davon sind Polizeibeamte. Ihr Frauenanteil liegt bei 20 Prozent.

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