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FreiberuflerAbwechslungsreich und anstrengend

Peter Ilg, vom 23.09.2012 13:30 Uhr
Selbstständige Personalleiter betreuen vor allem den Mittelstand. Foto: dieKleinert
Selbstständige Personalleiter betreuen vor allem den Mittelstand.Foto: dieKleinert

Stuttgart - Die Personalleiter kommen als Freiberufler in die Firmen, machen ihren Job und rechnen nach Stunden ab. Ein lohnendes Modell für beide Seiten. Ralf Riesner hat etwa zehn Visitenkarten unterschiedlicher Arbeitgeber. Alle sind aktuell, und jede weist ihn als Personalleiter aus. „Ich muss ganz schön aufpassen, dass ich stets die richtige Karte ziehe”, sagt er. Ein Hochstapler ist der 47-jährige nicht. Riesner zieht als selbstständiger Personalleiter durch Deutschland. Vormittags erledigt er in der einen, nachmittags in der anderen Firma anstehende Personalarbeit: Mitarbeitersuche, Arbeitsverträge schreiben, Trennungsgespräche führen, das Management in Personalfragen beraten. „Im Unterschied zum Berater setze ich meine Empfehlungen auch um.” Riesner gibt zwar gerne gute Ratschläge, er ist aber vor allem Praktiker mit starkem Drang zur Abwechslung: unterschiedliche Branchen, variierende Firmengrößen, ganz unterschiedliche Aufgabenstellungen an wechselnden Orten. Das ist Berufsalltag selbstständiger Personalleiter.

Knapp 1,2 Millionen Freiberufler gibt es zurzeit

Riesner ist Freiberufler, und davon gibt es in Deutschland immer mehr. In den vergangenen zehn Jahren haben sich rund 430 000 Ärzte, Anwälte, Berater und andere selbstständig gemacht, teilt der Bundesverband der freien Berufe in Berlin mit. Der Zuwachs bei den Freiberuflern ist ein langfristiger Trend, knapp 1,2 Millionen gibt es zurzeit. Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich. Es gibt Berufe, da ist Selbstständigkeit ganz typisch. Ärzte oder Apotheker zum Beispiel. Andere finden keinen Job und machen aus der Not eine Tugend. Riesner suchte den Kick. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre arbeitete der ehemalige Leistungssportler in einem Konzern in der Personalabteilung. Nach einigen Jahren wechselte er zu einem Mittelständler als Personalleiter. „Damals war ich 30 Jahre, hatte vier Kinder, ein Haus gebaut und fragte mich bei einem Glas Wein abends auf der Terrasse mit meiner Frau: und was kommt jetzt?” Wie so oft der Zufall. Sein damaliger Arbeitgeber, das mittelständische Unternehmen, hat etwa 600 Mitarbeiter in mehreren Tochtergesellschaften in Deutschland. Und weil der Chef ein schwäbisch sparsamer war, gab es dort keine Mitarbeiter im Personal. „Ich betrieb mobile Personalarbeit, einige Stunden hier, mehrere Tage dort.” Riesner stellte fest, dass Personalarbeit auch möglich ist, ohne ständig vor Ort und in der jeweiligen Firma angestellt zu sein. In dieser Zeit lernte er einen Personalleiter kennen, der bereits selbstständig war. Die beiden tauschten sich aus, und schon kurz darauf kündigte Riesner. Das war vor zwölf Jahren, seitdem ist er selbstständiger Personalleiter und lebt ganz gut davon, wie er sagt. Etwa 200 selbstständige Personalleiter gibt es in Deutschland, schätzt Lothar Hoss, Vorstand des Bundesverbands Selbständiger Personalleiter, dem auch Riesner angehört. Hoss war ebenfalls angestellter Personalchef, bevor er sich selbstständig gemacht hat.

„All unser Wissen aus großen Unternehmen bieten wir kleinen und mittelständischen Betrieben an”, sagt der Verbandsvorstand. Fachkräftemangel, Personalentwicklung, Überalterung, Konfliktmanagement, das alles seien Themen, die auch in kleinen Firmen eine große Rolle spielen und gelöst werden müssen. Typische Auftraggeber für selbstständige Personalleiter sind Firmen zwischen 30 und 300 Mitarbeitern, die sich einen eigenen Personalchef in Festanstellung nicht leisten wollen oder können. Die Firma Bellin zum Beispiel, Riesners Kunde, mit Sitz in der Nähe von Freiburg. Bellin ist ein Software- und IT-Beratungsunternehmen fürs Treasury-Management. Liquidität, Finanzplanung, Währungs-, Zins- und Rohstoffrisiken lassen sich mit den Programmen berechnen. Die Firma ist in sechs Ländern vertreten und hat insgesamt etwa 60 Mitarbeiter, Riesner ist seit vier Jahren deren Personalchef. „Damals hatte Bellin etwa die Hälfte an Mitarbeitern, es ist ein wachstumsstarkes Unternehmen”, so der Freiberufler. Dementsprechend liegt sein Schwerpunkt in der Rekrutierung von IT-Spezialisten und dem Bilden einer Arbeitgebermarke, „was die Beschaffung von Informatikern in einem stark frequentierten Arbeitsmarkt erleichtern soll”. Andere Aufgaben sind Strukturen schaffen für Personalentwicklung, Führungskräfte qualifizieren und in Personalfragen beraten.

Riesner hat sein abwechslungsreiches Glück gefunden

„Mit Ralf Riesner haben wir einen professionellen Human-Resource-Manager. Wir profitieren von seiner Erfahrung und Flexibilität, ohne einen eigenen Personalleiter einstellen zu müssen”, sagt Firmenchef Martin Bellin. Die Konstellation mit dem selbstständigen Personalleiter schätzt er, „weil Riesner aufgrund seiner Unabhängigkeit auf Augenhöhe mit allen Mitarbeitern und der Geschäftsleitung kommunizieren kann”. Der Personaler ist alle zwei Wochen einen Tag bei Bellin, zudem, wenn Not am Mann ist, etwa um zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern zu vermitteln. Als Personalleiter muss man vor Ort sein. „Die Beschäftigten müssen mich sehen, um mich in dieser Funktion wahrnehmen zu können”, sagt Riesner. Auf seinen Visitenkarten steht zwar Personalleiter, doch in dieser Funktion macht er die komplette Personalarbeit für seine Kunden allein. Mitarbeiter hat er dort keine. Dafür einen Partner, ebenfalls freiberuflicher Personalleiter. Die beiden vertreten sich gegenseitig. Andere Kunden von Riesner sind ein Kfz-Betrieb und eine Firma, die Funktechnik anbietet, etwa für Leitstellen von Rettungsdiensten. Beide Betriebe haben ähnliche Mitarbeiterzahlen wie Bellin. Und für beide ist Riesner seit Jahren tätig. Langfristigkeit ist typisch für seinen Berufsstand. Heute Autowerkstatt, morgen Funktechnik, übermorgen Finanz-Software: Riesner muss geistig flexibel sein, um rasch zwischen den unterschiedlichen Branchen wechseln zu können. Mal gelten Tarifverträge, mal geht es um Wachstum, manchmal leider um Stellenabbau. „Das macht meinen Job spannend und herausfordernd, zugleich hochgradig anstrengend.” Zurück in eine Festanstellung will er nicht. Riesner hat sein abwechslungsreiches Glück gefunden. Er weiß heute zwar nicht, was morgen kommt, doch das ist ihm lieber als permanente Eintönigkeit.

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