Gesundheitsprämie Für null Fehltage soll es bei Daimler 300 Euro geben

Willi Reiners, 02.12.2016 06:00 Uhr
Mitarbeiter im Mercedes-Benz-Werk in Sindelfingen (links):   In einem  Pilotprojekt  in  Stuttgart-Untertürkheim, Bremen und Kassel zahlte Daimler denjenigen Beschäftigten Geld,  die nur selten gefehlt hatten.  Der Versuch könnte bald  konzernweit zur Regel werden. Foto: dpa
Mitarbeiter im Mercedes-Benz-Werk in Sindelfingen (links): In einem Pilotprojekt in Stuttgart-Untertürkheim, Bremen und Kassel zahlte Daimler denjenigen Beschäftigten Geld, die nur selten gefehlt hatten. Der Versuch könnte bald konzernweit zur Regel werden.Foto: dpa

Stuttgart - „Wegen eines Schnupfens oder Hustens hat sich eigentlich niemand mehr krankschreiben lassen. Man hat sich halt ins Büro geschleppt, um die Prämie nicht zu verlieren.“ – So schildern Mitarbeiter der Daimler-Zentrale in Stuttgart, wie sie den Pilotversuch zum Anwesenheitsbonus erlebt haben. Null krankheitsbedingte Abwesenheitstage im Jahr brachten eine Geldleistung von 300 Euro, jeder Abwesenheitstag brachte 50 Euro Abzug. Für fünf Abwesenheitstage gab es noch 50 Euro, ab dem sechsten Tag dann nichts mehr.

24 Monate lang, bis Ende September 2015, lief der Pilotversuch, den die Daimler AG und der Gesamtbetriebsrat mit einer Betriebsvereinbarung am 27. Juli 2013 vereinbart hatten. Er galt für Tarifbeschäftigte einschließlich der Führungskräfte-Ebenen E 4 und E 5 an den Standorten Bremen, Kassel und in der Stuttgarter Zentrale.

Viele hätten sich in der Zeit des Pilotversuchs selbst unter Druck gesetzt und seien auch mehr oder weniger angeschlagen zum Dienst erschienen, sagt ein Mitarbeiter, der seinen Namen nicht nennen will, unserer Zeitung. In Großraumbüros seien gesunde Kollegen während der typischen Erkältungszeiten teils in der Minderheit gewesen. „Da hat jeder rumgeschnupft, von allen Seiten wurde man mit Viren bombardiert.“

In der Belegschaft wurde das Modell kontrovers diskutiert. Es gab auch Zustimmung. Vor allem junge Kollegen hätten sich über die Geldleistung gefreut, ist zu hören. Es habe aber auch Auswüchse gegeben. Statt sich krank zu melden, wären manche Mitarbeiter daheim geblieben und hätten Überstunden abgefeiert. „Da wurden ziemlich kranke Sachen gefahren“, sagt der Mitarbeiter. Von älteren Kollegen sei indes oft zu hören gewesen: „Wenn ich krank bin, bin ich krank.“

Lob gibt es für den Gesundheitscheck

Allenthalben Lob gab es dagegen für den Gesundheitscheck beim Werksärztlichen Dienst der Daimler AG. Das Angebot war Bestandteil der Betriebsvereinbarung und im Rahmen des Pilotversuchs für Mitarbeiter kostenlos. „Die Vorsorgeuntersuchung wurde rege angenommen.“ Man habe sich im Kollegenkreis darüber amüsiert, „dass wir laut unserem biologischen Alter angeblich alle zehn Jahre jünger sind“, so der Mitarbeiter. Manche hätten sich anschließend auch weiter von sogenannten Gesundheitslotsen coachen lassen, beispielsweise um abzunehmen.

Bald könnte der Anwesenheitsbonus ein Regelangebot bei der Daimler AG werden. Seit Monaten haben Unternehmensleitung und Betriebsräte nach Informationen unserer Zeitung darüber verhandelt. Bei einer Sitzung des Gesamtbetriebsrats Mitte Dezember könnte die Entscheidung fallen. Beide Seiten, Unternehmensleitung und Betriebsräte, behandeln das Thema, das demnächst Tausende Daimler-Mitarbeiter betreffen könnte, nach außen wie eine geheime Kommandosache. Wer Details des geplanten Bonusprogramms gegen Fehlzeiten erfahren will oder Auswirkungen des Pilotversuchs auf die Fehlzeiten an den beteiligten Standorten, stößt auf Schweigen. Es gibt nur allgemein gehaltene Erklärungen.

Daimler vertraut darauf, dass die Mitarbeiter „das richtige Maß“ erkennen

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Beschäftigte innerhalb eines Jahres nicht einen Tag krankheitsbedingt fehlen und Tag für Tag für das Unternehmen im Einsatz sind. Genau dieses Engagement möchte die Daimler AG honorieren“, sagt Daimler-Sprecher Heiko Pappenberger unserer Zeitung. Auf die Frage, wie sich der Pilotversuch auf den Krankenstand ausgewirkt habe, sagt der Sprecher: „Dazu liegen uns keine Informationen vor. Grundsätzlich sollte aber immer der verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Gesundheit und auch der kollegiale Umgang mit den Kollegen im Vordergrund stehen.“ Niemand solle krank zur Arbeit kommen, nur um des zusätzlichen Bonus willen. „Wir vertrauen darauf, dass unsere Mitarbeiter das richtige Maß erkennen“, so Pappenberger.

Der Sprecher verweist zudem auf den kostenlosen Gesundheitscheck beim Werksarzt, der das Bonusprogramm beim Pilotversuch flankiert habe. Damit zeige das Unternehmen, dass es seine Beschäftigten „grundsätzlich in ihrem gesundheitsbewussten Verhalten“ unterstütze.

Der Gesamtbetriebsrat der Daimler AG bestätigt auf Anfrage lediglich, dass über den Anwesenheitsbonus diskutiert werde. Das Thema solle auf einer der nächsten Sitzungen des Gremiums zur Abstimmung gebracht werden.

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