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„Hannah Arendt“„Denken und Erinnern sind Geschenke“

Ein Gespräch mit der Kinoregisseurin Margarethe von Trotta über ihren neuen Film „Hannah Arendt“, vom 27.12.2012 10:43 Uhr
Hannah Arendt Foto: dpa
Hannah ArendtFoto: dpa

Stuttgart - Nach „Die Bleierne Zeit“ (1981), „Rosa Luxemberg“ (1986) und „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ (2009) hat Margarethe von Trotta erneut einen Film über eine berühmte Frau der Zeitgeschichte gedreht. „Hannah Arendt“ kommt am 10. Januar in die Kinos.


Frau von Trotta, Hannah Arendt war eine jüdisch-deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin. 1961 nahm die damals 55-Jährige im Auftrag des „New Yorker“ als Reporterin am Eichmann-Prozess in Jerusalem teil. Der Fokus Ihres Filmes ruht auf diesen vier Jahren. Warum?
Pamela Katz, die Co-Drehbuchautorin, und ich haben uns der vielschichtigen Per­sönlichkeit von Hannah Arendt behutsam ­genähert. Ihr Leben und Werk in einem ­einzigen Film zu zeigen hätte den Ritt über den Bodensee bedeutet. Die Idee, den Film auf die vier Jahre Auseinandersetzung mit ­Eichmann zu konzentrieren, war dann eine glückliche Lösung. Die Gegenüberstellung der beiden Personen ermöglichte uns, zwei Haltungen zu zeigen, die für einen wichtigen Teil europäischer Geschichte erhellend sind. Deshalb hatten wir dem Film zuerst den ­Titel „Kontroverse“ gegeben.

Nach ihren Beobachtungen im Eichmann-Prozess schrieb Hannah Arendt 1963 ein Buch mit dem Titel „Eichmann in Jerusalem – Ein ­Bericht von der Banalität des Bösen“. In Arendts Überzeugung machte der Prozess aus einem Teufel einen Hanswurst. Wie gehen Sie im Film mit dieser Entdämonisierung ­Eichmanns um?
Die „Banalität des Bösen“ kann man nur an der wirklichen Person Eichmann zeigen. Eichmann war wirklich ein lachhafter Typ, unfähig zu denken, seine Sprache verrät ihn. Deshalb haben wir eine Rolle mit der Be­setzung durch einen Schauspieler nie in ­Erwägung gezogen. Stattdessen arbeiten wir mit Archivmaterial vom Prozess in ­Jerusalem. Das eigentliche Thema des ­Films ist, dass sich eine Denkerin und ein Gedankenloser gegenüberstehen.

Wie schon in „Die bleierne Zeit“, „Rosa ­Luxemburg“ und „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ haben Sie die weibliche Hauptrolle mit Barbara Sukowa besetzt. Warum?
Barbara Sukowa denkt mit. Und sie ist gründlich. So gründlich, dass ich nach dem Film „Die bleierne Zeit“ dachte, mit der ­drehe ich keinen Film mehr. Es war so anstrengend. Für die Rolle der Rosa Luxemburg hat sie noch wochenlang nach Drehabschluss gehinkt. Und jetzt studierte sie mit Hilfe von dokumentarischem Material die Manierismen der Hannah Arendt, übte ­deren starken deutschen Akzent, spricht im Film in einer etwas tieferen Stimmlage, raucht wie sie Kette. In der Typologie ist Barbara Sukowa Hannah Arendt nicht sehr ähnlich. Doch wir wollten sie auch nicht zu stark schminken, das führt immer zu Ungenauigkeiten. Ich habe meine Sicht auf die ­Figuren, ich will mich durch eine künstlich erzeugte Ähnlichkeit nicht festlegen lassen. Barbara Sukowa ist eine Schauspielerin, der ich beim Denken zuschauen kann.

Hannah Arendt hat sich selbst nie als Philosophin, sondern „als irgendetwas zwischen einem Historiker und einem politischen Publizisten“ bezeichnet. Für die meisten gilt sie als Klassikerin des politischen Denkens. Haben ihre Schriften eigentlich auch Einfluss auf Ihr Denken?
Als Hannah Arendt noch lebte und auch ihre Schriften verfügbar waren, waren wir Linke. Und wir 1968er haben sie abgelehnt. Wir waren ihrem Denken gegenüber ignorant. Inzwischen weiß ich, dass ich durch ihre Werke schon damals hätte politisch differenzierter denken lernen können. Aber Hannah Arendt hat auch gesagt, dass sie die lobe, die ihre Meinung ändern. Aber nicht ändern aus Opportunismus, sondern durch geistige Auseinandersetzung. Denken und Erinnern sind Geschenke an die Menschheit. Ich fühle mich Hannah Arendt nahe. Sie hat sich eine Haltung bewahrt, die sie „amor mundi – Liebe zur Welt“ nannte.

Hannah Arendt war Schülerin und Geliebte Martin Heideggers, später Lebensgefährtin von Heinrich Blücher. Bei Heidegger war sie am reinen Denken interessiert, mit ihrer Flucht aus Deutschland musste sie sich der Welt stellen. Hat Arendt den 17 Jahre älteren, verheirateten Heidegger tatsächlich geliebt, obwohl der sie zur Geheimhaltung zwang und sie sich politisch immer mehr voneinander entfernten?
Ja, da bin ich sicher. Denn sie hat uns hinterlassen, dass es Dinge gebe, „die stärker sind als der Mensch“. Im Fokus unseres Films aber steht die 36 Jahre lang währende Beziehung zu Heinrich Blücher.

1933 entkam Hannah Arendt knapp der Gestapo und floh aus Deutschland nach Paris. Ihrer Kritik am Zionismus blieb sie treu, den Staat Israel hat sie seit seiner Gründung im Jahr 1948 immer vehement verteidigt. Juden heute beklagen eine neue Form des Antisemitismus, der – so die Kritik – von den geistigen Eliten Europas ausgehe. Wie sehen Sie das?
Die politische Debatte dreht sich ja meistens um den Staat Israel. Man muss kein Antisemit sein, um die Politik dieses Staates kritisch zu sehen.

Wann gibt es einen neuen Film von Margarethe von Trotta? Und werden wieder starke Frauen darin zu erleben sein?
Starke Frauen gibt es nicht so viele. Und viel verraten möchte ich auch noch nicht. Da bin ich abergläubisch. Nur so viel: Barbara Sukowa ist wieder dabei, Katja Riemann an ihrer Seite. Und beide werden singen.
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