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Harry Belafonte„Bush ist für mich weiter ein Terrorist“

Thomas Morawitzky, vom 21.12.2012 13:23 Uhr
Harry Belafonte auf der 61. Berlinale bei der Vorstellung des Films „Sing Your Song“. Foto: dpa
Harry Belafonte auf der 61. Berlinale bei der Vorstellung des Films „Sing Your Song“.Foto: dpa

Wenn Frank Sinatra der Erfinder der Popmusik war, dann war Harry Belafonte ihr erster Superstar. „Calypso“ hieß das Album, mit dem er 1954 alle Rekorde brach – die erste Langspielplatte, von der weltweit mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Der Jamaikaner, der in der „Muppet Show“ den „Banana Boat Song“ sang, sieht sich selbst aber nicht nur als Entertainer: In seiner Autobiografie „My Song“ stellt er das politische Engagement ganz in den Mittelpunkt seines Lebens.

Unterstützt von dem New Yorker Jour­nalisten Michael Shnayerson schildert ­Belafonte dieses Leben auf gut 700 Seiten in großer, letztlich aber auch etwas ermüdender Detailfülle. Das Buch verfügt über ein umfangreiches Sach- und Personenregister, nicht jedoch über eine Zeitleiste, die hilfreich wäre, da Belafonte einerseits nur selten Jahreszahlen nennt, andererseits häufig von einer linearen Erzählweise abweicht.

Insbesondere das Personenregister hat es in sich. Belafonte, geboren 1927 in Harlem, aufgewachsen im New ­Yorker Ghetto und auf Jamaika, der Heimat seiner Mutter, hat sie tatsächlich alle gekannt: Er war ein enger Vertrauter Martin Luther Kings, war befreundet mit Eleanor Roosevelt, machte Miriam Makeba berühmt, traf so ziemlich jeden, der in den 1950er und 1960er Jahren in der Unterhaltungsindustrie oder Politik der USA eine Rolle spielte. Bob Dylan hatte seinen ersten Auftritt als Begleitmusiker bei einer Schallplatteneinspielung Belafontes und trat reichlich schroff auf. Der Sänger war lange davon überzeugt, der Songwriter verachte ihn – erst durch die Veröffentlichung von Dylans „Chronicles“ wurde er eines Besseren ­belehrt.

Unvermeidliches darf nicht fehlen

Mit Klatsch über berühmte Kollegen geht Belafonte sparsam um. Jedoch: Unvermeidliches darf nicht fehlen. Frank Sinatra in Vegas am Spieltisch, einen Drink in der Hand; das turbulente Privatleben von Sammy Davis Jr.; die unterschwellige Konkurrenz zwischen Belafonte und Sidney Poitier; Marlon Brando, der gemeinsam mit Belafonte und Walter Matthau eine New Yorker Schauspielschule besuchte und sich in einen Schlagzeugkurs einschrieb, nur um Frauen aufzureißen.

Ein Thema, das bei Belafontes Lebenserzählung immer mitschwingt, ist das der Schauspieler und Schauspielerinnen, deren Karriere zerstört wurde, weil sie sich nicht an die ungeschriebenen Rassen­gesetze der US-Unterhaltungsindustrie hielten, vor ­allen Dingen in ihren Liebes­affären. Harry Belafonte gerät in Rage, wenn er von Strukturen spricht, die Männer und Frauen unterschiedlicher Hautfarbe daran hinderten, „gemeinsam Geld und Liebe zu ­machen“.

Belafonte eroberte als erster farbiger Künstler die Bühnen der großen amerikanischen Nachtclubs der 1950er Jahre. Er beauftragte Lionel Richie und Michael Jackson, den Song „We are the World“ zu schreiben. 1987 wurde er zum Botschafter der Unicef ernannt. Dennoch hat er keine Demütigung vergessen, die er je seiner Hautfarbe halber erdulden musste. Früh schon nahm er psychologische Hilfe in Anspruch. Während der McCarthy-Ära brachte ihn dies in politische Bedrängnis, da er den falschen Therapeuten vertraute. In psychotherapeutischer Behandlung befand er sich bis 2008, als Peter Neubauer verstarb, der ihn über 50 Jahre lang betreut hatte.

Erinnerungen sind teils Zeitdokument, teils Beichte

Wenn Belafonte von seinen Erfahrungen mit der Psychotherapie berichtet, spricht er auch erstmals über die vielen Affären, die er, längst verheiratet, während seiner Konzertreisen und Engagements hatte: „Tatsächlich reizte mich, wie viele andere auch, das Tabu gemischtrassiger Beziehungen. Auf einer tieferen Ebene war mein sexuelles Verlangen nach weißen Frauen mit jenem unterschwelligen Zorn verknüpft, der sich nie ganz legte. Die Welt der Weißen hatte alles daran­gesetzt, mir jede Chance zu nehmen. Nachdem ich gegen alle Widerstände triumphiert hatte, wollte ich auf die bestmögliche Art Vergeltung üben.“

Belafontes Erinnerungen sind teils Zeitdokument, teils Beichte. Sich selbst stellt er oft bewusst als einen mitunter eitlen, egoistischen und jähzornigen Menschen dar. ­Intimes jedoch lässt er konsequent aus. Vom Scheitern seiner ersten beiden Ehen erzählt er in nur wenigen Absätzen, in denen er sich deutlich um Objektivität bemüht. Mit 80 Jahren sah Belafonte seine zweite Ehe scheitern, auch ­Alkohol spielte dabei eine Rolle. Er ließ sich nach mehr als fünfzig Ehejahren von Julie Robertson-Belafonte scheiden, was ihn große Vermögensteile kostete. Fort das Luxusapartment in New York, in dem Martin Luther King so oft seine Beratungen abhielt, fort das Haus auf der Karibikinsel. Belafonte gibt sich am Ende seines Lebens bescheiden und zufrieden.

Der Künstler wirkt geläutert, glücklich. Und blickt mit Sorge und Skepsis in die Zukunft: „Der Unterdrückungsapparat funktioniert heute leise, so leise, dass er ­die­jenigen vereinnahmt, die ihm Widerstand leisten könnten“, sagt er. Dennoch hält er an seinem Optimismus fest, auch wenn er sich von Barack Obama enttäuscht zeigt und ihm seine pragmatische Haltung vorwirft: „Dadurch, dass er einen politischen Mittelkurs fährt, sich von der Linken distanziert, hat er die Armen schon so gut wie im Stich gelassen. Denn wer außer der Linken erhebt die Stimme schließlich für die Armen?“

Sein unversöhnliches Urteil über einen anderen US-Präsidenten bekräftigt Harry Belafonte jedoch: „George W. Bush war – und ist – für mich immer noch ein Terrorist. Den einzigen Fehler, den ich eingestehen muss, ist, ihn als den größten Terroristen der Welt bezeichnet zu haben – schließlich habe ich sie nicht alle kennengelernt.“

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