Industrie 4.0 Die handfeste Seite der Vernetzung

Nils Graefe, 29.09.2015 00:00 Uhr
Bild 1 von 2
„Die eine Industrie 4.0 gibt es nicht, es gibt stattdessen jede Menge Facetten“ – Lütze-Geschäftsführer Norbert Gemmeke inmitten der Platinen-Verarbeitung in Großheppach. Foto: Habermann / ZVW
„Die eine Industrie 4.0 gibt es nicht, es gibt stattdessen jede Menge Facetten“ – Lütze-Geschäftsführer Norbert Gemmeke inmitten der Platinen-Verarbeitung in Großheppach.Foto: Habermann / ZVW

Weinstadt. Wenn in einer Industriefertigung Sicherungen erst rausfliegen, wenn der Strom überhandgenommen hat, können Kabel, Maschinen oder Menschen Schaden nehmen und durch Stillstände finanzielle Verluste entstehen. Die LOCC-Box von Lütze ermöglicht eine vorausschauende Strom-Überwachung und ist aus weiteren Gründen Industrie-4.0-tauglich.

Das Unternehmen Lütze ist einer der zahlreichen „Hidden Champions“ (frei übersetzt: unsichtbare Meister), mit denen die Remstäler Unternehmenslandschaft aufwarten kann. „Als ich hierhergezogen bin und nach einer Wohnung gesucht habe, hat mein Vermieter mich gefragt, Lütze, was macht das Unternehmen eigentlich“, sagt Geschäftsführer Norbert Gemmeke und lächelt. „Man sieht unseren Firmenschriftzug von der B 29 aus, weiß in der Öffentlichkeit aber wenig über uns.“ Das liege daran, dass Lütze nicht für den Endverbraucher herstellt, sondern Lütze-Produkte verbaut werden, vor allem in Industrieanlagen und in Schienenverkehrsmitteln. „Die sieht der Endverbraucher nicht auf Anhieb.“

Zugführern und Bahntechnikern, Skilift-Installateuren oder Maschinenführern an Produktions- oder Montagelinien in der Automobilindustrie geht’s da anders. Sie gehen immer wieder mit Lütze-Produkten um oder könnten zumindest den Markennamen auf Bauteilen ihrer Technik am Arbeitsplatz erspähen, wenn sie genau hinschauen. Bei der Bahn (auch der S-Bahn) ist es die Signal-, Steuerungs- und Interface-Hardware; an Skiliften wiederum sind es Kabel, Leitungen und Stecker; und an den Fertigungslinien der Automobilindustrie handelt es sich vor allem um die Lütze-Schaltschränke und die Lütze-Overload-Current- Control-Box (LOCC-Box) zur Stromüberwachung. „Bei VW zum Beispiel sind wir diesbezüglich Konzern-Standard“, sagt Marketing-Leiter Wolfram Hofelich nicht ohne Stolz.

Datenauswertung zum Energiesparen

Es gibt mehrere Gründe, warum ein Industrie-4.0-Pionier wie VW auf Lütze-Hardware setzt. Elektronischer Leitungsschutz hat sich aufgrund der Anforderungen der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG oder der EN601131-2 und dem Einsatz getakteter Stromversorgungen bereits vielfach etabliert, so Hofelich. Der nächste Schritt aber heiße Diagnosefähigkeit, Fernwartbarkeit und Energiemanagement im Rahmen von Industrie 4.0.

„Mit unserer LOCC-Box weiß man schon Minuten vorher, wann es Überstrom geben und die Sicherung rausfliegen würde und kann vorausschauend Maschinen und Module entlasten oder abschalten, ohne dass irgendein Schaden entsteht“, erläutert Hofelich.

Die LOCC-Box sei zwar ein Schutzorgan, das schneller reagiert als die Strombegrenzung eines Schaltnetzteils, andererseits halte sie aber hohe Einschaltspitzen kapazitiver Lasten aus, die in einer Industriefertigung schon mal vorkommen. Dabei bleibe dem Kunden überlassen, wie er schaltet, entweder über den standardmäßig vorhandenen Fernsteuerkanal oder direkt über ein Kommunikationssystem.

Zudem sei ein Condition Monitoring (eine Zustandsüberwachung und -steuerung) von allem, was in der Fertigung Strom verbraucht, vom Antrieb und Motor bis zum Roboter, möglich. „Da geht es um das Lesen und die Auswertung von Daten wie aktuelle Betriebsspannung und -strom, eingestelltem Bemessungsstrom, Betriebsstunden System und Gerät, Status zu Überlast, Kurzschluss und Unterspannung.“

Die längerfristige Datenauswertung kann zum Beispiel ergeben, wann welches stromverbrauchende Modul einer Produktionslinie unnötig Energie saugt und wann es im Prozess auf Standby gestellt oder vorübergehend ausgeschaltet werden kann.

„Alle Funktionen lassen sich auch über unsere Software LOCC-Pads zum Beispiel über einen HMI (Steuerungs- und Überwachungs-Bildschirm) grafisch darstellen und ausführen“, so Hofelich.

Deutsche Autohersteller setzen auf Prozesstechnik aus Großheppach

Um die Daten auch verstehen und mit Steuerungen oder einem übergelagerten Daten-Management kommunizieren zu können, übersetzt Lütze alles in gängige Übertragungsprotokolle. Dies geschieht über an die LOCC-Boxen via RJ45-Stecker angeschlossene Gateways und Buskoppler, die zum Beispiel Profinet, Ethercat oder Ethernet IP „sprechen“.

Profinet ist ein Industrie-Ethernet-Standard des Dachverbands Profibus & Profinet International (PI) – ein Verband, in dem zum Beispiel Siemens die Werbetrommel rührt. Ethernet IP und Ethercat sind Echtzeit-Ethernet-Standards der Firma Beckhoff Automation.

„Von Anfang an die gleiche Sprache zu sprechen, wäre zu teuer, denn dann müsste der Mikroprozessor der LOCC-Box größer sein, statt 8-Bit- mindestens ein 16-Bit-Prozessor. Also schalten wir Gateways dazwischen“, erläutert Lütze-Geschäftsführer Norbert Gemmeke.

Nicht nur VW, sondern auch Daimler und andere deutsche Automobilhersteller setzten verstärkt auf LOCC-Boxen aus Weinstadt. „Sei es für die Roboter, die Förderstrecke oder die Lackieranlage. An den voll- und teilautomatisierten Fertigungs- und Montagelinien der Automobilhersteller sind die meisten Stromentnahmen und -Abgänge mit unseren LOCC-Boxen ausgestattet. Und das sind viele. In nur einem einzigen Schaltschrank sind dann schon mal 80 in einer Reihe verbaut, und in einer Autofabrik gibt es viele Schaltschränke“, sagt Hofelich.

Lütze und Industrie 4.0

Industrie 4.0, das haben die vorangegangenen Folgen unserer Artikelserie gezeigt, bedeutet vor allem Vernetzung und Datenmanagement sowie darauf aufbauend: die dezentrale Steuerung und automatisierte oder teilautomatisierte Überwachung und Optimierung industrieller Fertigungsprozesse.

Dazu nötig sind entsprechende Leitungen und Kabel, Steckerverbindungen, Ethernet-Switches und Relaisbausteine, Kabelverschraubungen und Kabelkonfektionierungen, Wandler und Signaltechnik, Schaltgerätetechnik und Schaltschränke, Signaltechnik, Entstörtechnik oder Hardware zur Spannungsversorgung und Stromüberwachung. Für all diese physisch-materiellen Bausteine der Industrie-4.0-Welt sorgt zum Beispiel die Weinstädter Friedrich Lütze GmbH.

„Die eine Industrie 4.0 gibt es nicht, es gibt stattdessen jede Menge Facetten“, erläutert Lütze-Geschäftsführer Norbert Gemmeke. „Und all diese Facetten interessieren uns als kleines mittelständisches Unternehmen natürlich, weil wir unsere Kunden mit unseren Produkten bei ihren Industrie-4.0-Innovationen unterstützen wollen und deshalb auch den Kundenanforderungen entsprechend Produkte immer wieder neu- oder weiterentwickeln.“

          3
 
Kommentare (0)