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Industrie 4.0 Wo bleibt bei all der Technik der Mensch?

Waiblingen. Es ist ein Spagat, den Gewerkschaften gerade üben. Um den Standort Deutschland zu sichern, müssen sie gestaltend mitwirken bei der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung in den Werkshallen. Gleichzeitig aber haben sie zu gewährleisten, dass nicht zu viel Maschine zu viel Mensch verdrängt und dass Arbeitnehmerrechte gewahrt bleiben.

Von idealisierenden Zukunftsvisionen bis hin zu pessimistischen Trendaussagen reicht die Bandbreite der Darstellungen über die laufende vierte industrielle Revolution. So fassen es Forscher der Technischen Universität Dortmund in einer aktuellen Studie „Arbeiten in der Industrie 4.0“ zusammen. Die Studie wurde von der Hans Böckler Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) gefördert.

Laut Darstellung der Dortmunder Forscher sehen die Optimisten eine Wiederbelebung und Stabilisierung des Produktionsstandorts Deutschlands durch Industrie 4.0. Die Boston Consulting Group geht gar von einem bundesweiten Beschäftigungszuwachs von sechs Prozent in den kommenden zehn Jahren aus. Die Pessimisten hingegen erahnen flächendeckende Arbeitsplatzverluste, insbesondere was einfache Tätigkeiten und Dienstleistungen angeht. Einig sind sich beide Gruppen darin, dass der Qualifizierungsbedarf für die Beschäftigten steigen wird. Allerdings könnten auch Montagehilfen und Montageanleitungen, der Einsatz von Datenbrillen, Tablets und dergleichen oder ganz allgemein gesagt smarte Arbeitsplätze dabei helfen, gering qualifizierte spielend leicht zu qualifizierten Beschäftigten zu machen.

 

Schöne neue Welt

Fuchs: Daten-Missbrauch vorbeugen

Auf jeden Fall sei davon auszugehen, dass „Industrie-4.0-Systeme im Fall ihrer breiten Durchsetzung die bisherigen industriellen Arbeitswelten nachhaltig verändern werden.“ Zentrale Fragen, die sich dabei stellen, seien: Wie viele und welche Arbeitsplätze könnten wegfallen? Welche könnten neu entstehen? Welche Qualifikationen werden künftig gefordert sein? Wie kann sichergestellt werden, dass die Rechte der Beschäftigten gewahrt bleiben?

„Zu gewährleisten, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibt – das sehen wir als unsere Aufgabe und so kommunizieren wir das auch in den Betrieben“, sagt Matthias Fuchs, erster Bevollmächtigter der IG Metall Waiblingen/Ludwigsburg. Und: Man müsse ganz offen fragen, ob hinter der immer mehr um sich greifenden Erfassung und Verarbeitung von Daten und automatisierten Steuerung von Prozessen nicht noch mehr stecke als nur die Effizienzsteigerung. „Wie werden die persönlichen, individuellen Daten, die mit erfasst werden, verwendet“, fragt Fuchs. Da sei Industrie 4.0 noch viel weiter zu verstehen und nicht nur auf die Industrie-Produktion zu beschränken. „Irgendwann haben wir flächendeckend Kühlschränke, die Milch von selbst nachbestellen, wenn sie leer ist, und Autos, die selbst fahren, Abstand halten, einparken.“

Gefahren einer solchen kompletten Automatisierung sieht Matthias Fuchs nicht nur in Situationen, in denen die Technik einmal versagt – „wer haftet dann?“, sondern auch in einer kompletten Entgrenzung des Datenschutzes; anders gesagt, in der Erstellung kompletter, individueller Tätigkeits-, Vorlieben- und Bewegungsprofile. Dadurch verschwömmen gesellschaftlich gesehen das Private und das Öffentliche, und auf die Arbeitswelt bezogen seien Tür und Tor geöffnet für unheilvolle Leistungskontrollen. Nicht zuletzt stelle sich dann auch die Frage: Wer steuert hier wen? Der Mensch die Maschinen und Systeme oder umgekehrt?

Umso froher ist Fuchs, dass Weltfirmen wie Stihl in Waiblingen beispielsweise im Rahmen ihrer Industrie-4.0-Innovationen eng mit dem Betriebsrat zusammenarbeiteten und in Betriebsvereinbarungen individuell-persönliche Leistungskontrollen durch effizienzsteigernde, aber eben auch datenerfassende Technik kategorisch ausschließen. Noch besser fände er es, wenn hardware- oder softwareseits die Zuordnung zu einem bestimmten Beschäftigten von vornherein ausgeschlossen würde. Damit könnten erst gar keine Begehrlichkeiten seitens der Arbeitgeber entstehen, Daten zweckzuentfremden und gegen die Beschäftigten einzusetzen, sagt Fuchs.

„Leistungskontrolle ist nicht verboten, wird sie allerdings systematisch eingesetzt, so kommt es in Betrieben erfahrungsgemäß zu einer negativen Spirale, wenn dann Mitarbeiter womöglich auch noch explizit verglichen werden und ein 50-Jähriger das Gleiche leisten soll wie ein 20-Jähriger.“ So sei es nicht nur Aufgabe der Gewerkschaften, sondern auch der Arbeitgeber, der Arbeitnehmer, ja der gesamten Gesellschaft, dass im Rahmen von Industrie 4.0 auch ältere Mitarbeiter noch mithalten können und ihre Leistung und ihre Erfahrung wertgeschätzt wird, sagt Fuchs – auch mit Blick auf den demografischen Wandel.

 

Arbeitszeit und Freizeit

Auf der Suche nach einer Work-Life-Balance

„Fehlervermeidung ist richtig und wichtig und ebenso die Effizienzsteigerung durch technische Hilfsmittel. Aber durch Industrie 4.0 steigen auch die Flexibilitätsanforderungen an die Mitarbeiter. Wer schützt den Menschen da vor Überbelastungen? Die Verantwortung, die die Beschäftigten tragen, steigt – steigt auch die Entlohnung in adäquatem Maße? Bekommen die Beschäftigten für die Einarbeitung in neue Systeme angemessen Zeit oder müssen Takte von Beginn an eingehalten werden? Sollten in der Einarbeitungszeit nicht längere Taktzeiten gelten? Werden Akkordzuschläge erst gezahlt, wenn jemand eingearbeitet ist? Ist das alles gerecht?“, fragt Fuchs. Eine schlanke Losgröße-eins-Produktion aufgrund von Industrie-4.0-Neuerungen sei begrüßenswert, aber dies dürfe nicht nur wieder bedeuten Tempo, Tempo, Tempo für den Menschen. „Das hatten wir in anderen, unguten Zeiten nämlich alles schon einmal. Das wäre das genaue Gegenteil von Innovation und Revolution.“

In der Entgrenzung von Arbeitszeit und Freizeit sehen die Verfasser der Studie „Arbeiten in der Industrie 4.0“ von der TU Dortmund eine weitere mögliche Gefahr – mit Betonung auf das Wort „mögliche“, denn flexiblere Arbeitszeiten oder gar Arbeitsorte hätten grundsätzlich auch das Potenzial, eine bessere „Work-Life-Balance“ für die Beschäftigten zur Folge zu haben. Wie auch die Dortmunder Forscher sieht IG-Metall-Mann Matthias Fuchs den Wandel hin zur besseren „Work-Life-Balance“ jedoch keinesfalls vorgegeben, sondern als einen unbedingt bewusst und achtsam zu gestaltenden Prozess. Entscheidend sei immer die Mitbestimmung der Beschäftigten.

Die Industrie nutze die ganze Diskussion um Industrie 4.0 dergestalt, dass sie durch die Hintertür eine weitere Deregulierung durchsetzen möchte. „Da werden Schreckensszenarien an die Wand gemalt, nach dem Motto: Wenn die Politik der Wirtschaft nicht endlich noch mehr Freiheiten einräume und Arbeitnehmerrechte weiter einschränke, dann würde das im globalen Wettbewerb stehende Deutschland abgehängt. Diese Bestrebungen der Wirtschaftsverbände, das alles ist nur alter Wein in neuen Schläuchen, und hier heißt der neue Schlauch eben Industrie 4.0.“ Diesbezüglich bleibe die IG Metall nunmehr stets wachsam, ohne aber den Bedarf an ständiger Innovation aus den Augen zu verlieren, zum Erhalt des deutschen Industriestandorts und damit auch zum Erhalt und sogar zur Mehrung der Arbeitsplätze in Deutschland. „Die Strategie der IG Metall im globalen Wettbewerb der Produktions-Standorte ist und bleibt: besser statt billiger.“

 

Youtube-Video der ROI Management Consulting AG, München.

 

Schicht-Doodle: Eine App zum Organisieren von Zusatzschichten

Borg-Warner in Ludwigsburg, Zulieferer der Automobilindustrie für Komponenten und Systeme für den Antriebsstrang, hat ein Schicht-Doodle eingeführt, eine Art von App, auf der die Mitarbeiter über ihre Smartphones und Tablets sich aktiv bewerben können für Projekteinsätze, die von der Regel-Arbeitszeit abweichen. Etwa dann, wenn eine gute Auftragslage zum Beispiel eine Zusatzschicht erforderlich macht.

Entwickelt wurde das Schicht-Doodle in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart. Dort lief das Ganze unter einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt des Titels „KapaflexCy – Selbstorganisierte Kapazitätsflexibilität in Cyber-Physical Systems“. Mehr Infos unter: www.kapaflexcy.de

Das Schicht-Doodle in einer beispielhaften Darstellung des Fraunhofer IAO.

„Das Schicht-Doodle beachtet automatisch sämtliche gesetzlichen Richtlinien und betrieblichen Vereinbarungen bei der Erstellung der Schichtpläne“, sagt Stefanie Lutze vom Borg-Warner-Marketing. „Es gibt eine separate Betriebsvereinbarung für den Pilotbetrieb zu KapaflexCy. Der Betriebsrat war von Anfang an in das Projekt mit eingebunden. Unser Betriebsrat hat keine Bedenken hinsichtlich des Software-Einsatzes und der Wahrung des Datenschutzes.“

Die Teilnahme am Schicht-Doodle sei absolut freiwillig. „Insgesamt 45 Mitarbeiter in der Glühkerzenfertigung beteiligen sich an dem Pilotprojekt, was einer Quote von 100 Prozent in diesem Produktionsbereich entspricht und wiederum belegt, dass das Doodle bei den Mitarbeitern sehr gut angenommen wird“, so Stefanie Lutze.

Über eine Zusatzfunktion in KapaflexCy können die Mitarbeiter angeben, ob sie überhaupt erreichbar sein möchten. Die Produktionsleitung erfahre nicht, wer es ablehnt, Anfragen zu empfangen – folglich finde auch weder ein Vergleich noch eine Bewertung darüber statt, sagt Stefanie Lutze.

„Besonders durch den Einsatz des Smartphones lassen sich Personaleinsätze unter Beteiligung aller Betroffenen in Echtzeit koordinieren. Viele Mitarbeiter stehen dieser Form der Arbeitsgestaltung sehr aufgeschlossen gegenüber, durch die sich auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit realisieren lässt.“

Smartphone-Anwender benötigten keine Schulung für die Software, da diese selbsterklärend sei. Für Mitarbeiter, die kein Smartphone besitzen, installierte Borg-Warner eigens ein Terminal, so Lutze.

 

Hinweis

Die ganze Serie finden Sie unter www.zvw.de/vierpunktnull

 

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