Donnerstag, 17. Mai 2012
 
 
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Joe Bauer in der Stadt China Shipping

Joe Bauer, vom 05.02.2012 20:28 Uhr
Blick von der Otto-Konz-Brücke auf den Neckar und den Hafen Foto: Petsch
Blick von der Otto-Konz-Brücke auf den Neckar und den Hafen Foto: Petsch
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Es tut gut, mit dem Winter warm zu werden. Die Eiseskälte bringt Klarheit in die Stadt. Der Himmel ist mit sich im Reinen. Die Outdoor-Klamotten dagegen scheinen nicht nur Körper, sondern auch Seelen zu vermummen. Gefrorene Gesichter in den Straßen und U-Bahnen. Zeit, das Weite zu suchen. Die Weite öffnet sich am Wasser.

Bevor ich losziehe, sehe ich in der Königstraße einen Bettler. Sein linker Oberschenkel ist unbedeckt, der Rest des Beins nicht mehr vorhanden. Zum Aufwärmen besuche ich die Touristen-Zentrale, auf der Suche nach einem Zeichen des Respekts gegenüber dem Fluss der Stadt. Ich finde Kaffeetassen-Krempel, englischsprachige S-21-Prospekte mit dem Slogan "The new Heart of Europe" und Pralinés der Marke Winnender Möpsle. Nach dem Neckar bellt kein Hund.

Gerade noch rechtzeitig kaufe ich mir beim Kaufhof in der Nachbarschaft eine pelzbesetzte Mütze mit Ohrenklappen für drei Euro neunundsechzig. Am Nachmittag, höre ich später, wird das Kaufhaus von einem Banditen überfallen. Mit meiner Mütze sehe ich aus wie Robert Scott, als man ihn tot im Schnee fand.

Der Neckarhafen im Revier von Untertürkheim und Wangen, Obertürkheim und Hedelfingen ist vielen Stuttgartern so nahe wie der Südpol. West-, Ost- und Mittelkai sind keine Ausflugsadressen, schon gar nicht bei der Vorstellung, auch winters sein Brot am Wasser zu verdienen. Dreitausend Menschen arbeiten in Reedereien, Speditionen, Lagerfirmen im Hafen.

Dieser geheimnisvolle Ort ist ein Paradies für Fotografen. Eisenbahnschienen ziehen sich über Kilometer am Fluss entlang. Metallschrott türmt sich auf, frisst sich in die Kulisse der Weinberge über den Hügeln am Hafen. Wenn die Sonne den Neckar an einem Wintertag silbern glitzern lässt, scheint die Stadt weiter weg als der Mond, der Unbewohnbare. Womöglich hat Andy Warhol am Ufer eines Flusses im Winterlicht gestanden, als ihm die Idee mit der Discokugel kam.

Es gibt drei Hafenbecken, sie tragen die Namen der Zahlen, damit keiner durcheinanderkommt wie ich oft bei den Brücken. Die Otto-Konz-Brücken, 130 Meter lang, verbinden Untertürkheim und Wangen, die Otto-Hirsch-Brücken, 140 Meter lang, Obertürkheim und Hedelfingen.

Es dauert seine Zeit, bis man dem Hafen näher kommt. In den Silos lagern Getreide und Mehl, und wenn man Glück hat, kann man zuschauen, wie tonnenweise Kraftfutter aus einem Schlund strömt, als sei es flüssig. Der holländische Kahn "DEI Voluntas" nimmt Ladung auf, von weitem glänzt das Zeug wie Goldstaub.

Nicht alle Nahrungsmittel im Hafen sind für den Transport auf dem Fluss bestimmt. Mehl, Getreide und Kraftfutter in den Silos werden auch für den Katastrophenfall gebunkert; dafür gibt es Verordnungen, und ich weiß nicht, ob mir im Notfall Weizen oder Kraftfutter zustände.

Die Industrielandschaft des Hafens zieht einen mehr an als jede Event-Baustelle. Von Zeit zu Zeit macht sich der krachende Sound der Heavy-Metal-Branche breit, und die Kräne und Verladebrücken stehen herum, als wäre es ihr Job, Linie in den Krieg der Kräfte und Ordnung in den Wirrwarr der Bilder zu bringen. Keine leichte Aufgabe, Stil zu wahren. Mancher Backsteinbau muss Wellblechbuden weichen.

Am Ufer sind Container gestapelt, riesige Metallwände, scheinbar am Fuß der Weinberge. Auf den Kisten stehen die Namen von Reedereien, Lloyd-Hapag, Maersk Sealand, China Shipping. Man begreift: Der kleine Neckar mit seinen unbekannten Hafen-Motiven führt einen in die große Welt hinein. Wie läppisch dagegen die Aussichten der Grundwassermanager am Haifischbecken der Stadt.

Der Winterwind am Fluss dringt unter die Ohrenklappen der Kaufhof-Mütze, auf den Schienen wird heute kein Zug mehr kommen, ich ziehe weiter nach Hedelfingen, an die Grenze der Stadt. Am Neckarufer steht das Otto-Hirsch-Center, ein Laden- und Bürokomplex. Wie die Brücken ist er nach einem großen Sohn der Stadt benannt, dem jüdischen Politiker und Juristen Otto Hirsch; 1941 kam er mit 56 Jahren im KZ Mauthausen zu Tode.

Der Bau riecht nach Fast Food. Ich nehme das Asia-Büfett, sechs Euro. China Shipping, Endstation.

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