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Jürgen von der Lippe "Ich war gläubig bis 1968"

Sven Hahn, vom 08.11.2011 14:27 Uhr
  Foto: Veranstalter
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Stuttgart - Jürgen von der Lippe ist stinksauer, weil die Verantwortlichen beim Westdeutschen Rundfunk ihn seine Büchersendung nicht weitermachen lassen. Nun ist er mit seinem Comedy-Programm "So geht's" auf Tournee und am 26. November zu Gast im Theaterhaus.

Herr von der Lippe, Sie machen in Ihrem neuen Programm "So geht's" Witze über Sex im Altersheim. Weshalb funktionieren diese Scherze so gut?

Das müssen sie meine Zuschauer fragen. Ich kann ja nichts anderes machen, als ein Programm zu erstellen, in der Hoffnung, dass es dem Publikum gefällt. Natürlich habe ich da eine gewisse Trefferquote aufgrund meiner nicht unbeträchtlichen Berufserfahrung. Kein Komiker wird Ihnen aber sagen können, wieso ein Gag einen lauteren Lacher erntet als ein anderer. Das wird ein ewiges Geheimnis des Publikums bleiben.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Ich erlebe ständig Überraschungen. Meine Figur Kalle lasse ich aus einem Brief vorlesen. Er beginnt: "Erwin, 65, Frührentner." Das war ein Riesenlacher. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte höchstens gedacht, dass vielleicht der eine oder andere schmunzelt.

Sie bilden in Ihrem aktuellen Programm ältere Menschen zu Komikern aus. Brauchen wir mehr Komiker?

Nein, aber wir brauchen mehr alte Komiker, denn unsere Rentenkassen werden nicht ausreichen. Wenn man die demografische Entwicklung verfolgt, werden wir in wenigen Jahren hauptsächlich aus über 50-Jährigen bestehen. Und es wachsen nicht genug Leute nach, die die Rentenkassen wieder füllen könnten. Also werden die Alten selber arbeiten müssen. Das klingt zwar komisch, ist aber die Wahrheit.

Muss denn ein Mensch mit 60 andere Witze machen als ein junger Kerl?

Auf gewissen Feldern ja, zum Beispiel beim Flirten. Da muss ein 20-Jähriger anders zu Werke gehen als ein 60-Jähriger, ist doch klar.

Sie waren Messdiener und haben die Figur des Hochwürden erfunden. Kann man über die Kirche so gut Späße machen, weil man damit ein Tabu bricht?

Na ja, heute bricht man kein Tabu mehr mit Witzen über die Kirche. Aber ich arbeite mich natürlich an der Kirche ab. Sie hat mich schließlich meine fruchtbarsten Jahre gekostet. Ich sehe meine Kirchenwitze also eher als die späte Rache des Kanalarbeiters.

Wie lange hat Ihr gläubiges Leben gedauert?

Ich bin 1948 geboren, und ab da so ungefähr 20 Jahre - also bis 1968.

Wie stehen Sie zu den Menschen, die Sie parodieren? Ich denke an Peter Maffay.

Ich kann nicht oft genug betonen, dass ich ein großer Fan von ihm bin, ich mag ihn wirklich. Ich mag, wie er singt, ich mag seine Art zu komponieren. Wenn ich ihn nicht so sehr mögen würde, könnte ich ihn auch nicht so gut nachmachen.

Das heißt, Sie machen nur Leute nach, die Sie gut leiden können?

Genau. Ich finde, jeder sollte doch geschmeichelt sein, wenn andere ihn nachmachen. Es ist doch nichts anderes als ein Nachweis, dass jemand sehr bekannt und auch beliebt ist. Ich sehe das als Ehrerbietung.

Wen halten Sie für einen guten Parodisten?

Ich finde, Matze Knop ist im Moment so ein bisschen der König. Den hab ich neulich Felix Magath nachmachen hören. Da habe ich total abgeschnallt. Den hätte ich vorher gar nicht für parodierbar gehalten.

Sie sind 63 - wie lange machen Sie weiter?

Ich möchte auf der Bühne tot umfallen.

Also mit einem lauten Knall abtreten statt heimlich, still und leise?

Ich habe, genau wie die meisten anderen Menschen, keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst vor einem langen und qualvollen Ende. Das möchte kein Mensch haben. Ob das jetzt laut oder leise ist, wäre mir egal. Aber mir wäre lieb: bei guter Gesundheit und dann sehr plötzlich.

Abseits der Komik, was wird es in Zukunft von Ihnen geben?

Es wird 2013 ein Theaterstück geben, das ich bereits geschrieben habe. Bis dahin wird außerdem mindestens ein Buch erscheinen.

Geht Ihre Büchersendung "Was liest Du?" weiter?

Die will leider keiner machen, was ich sehr schade finde. Ich würde die Sendung ja mit Kusshand weitermachen, egal bei welchem Sender. Dass sich die Privaten so etwas nicht leisten können, liegt auf der Hand, denn es ist ein Nischenprogramm. Eigentlich ist es ein sehr öffentlich-rechtliches Programm.

Und wie sieht es bei denen aus?

Mir hat noch keiner einleuchtend begründen können, warum der WDR die Sendung nicht weitermacht. Wir hatten eine sehr treue Kundschaft und wahnsinnig viel Rückmeldung - oft mit dem Tenor: "Ich lese sonst nicht viel, aber durch deine Sendung bin ich zum Lesen gekommen." Das war genau der Beweggrund. Ich begreife nicht, dass ein öffentlich-rechtliches drittes Programm so eine Sendung, wo wirklich auf das Sinnvollste Unterhaltung mit Bildung verknüpft wird, absetzt.

Das ärgert Sie?

Ja, das ärgert mich maßlos. Das Lesen ist ein erhaltenswertes Kulturgut. Man kann sich nicht auf der einen Seite darüber beklagen, dass immer weniger Leute lesen, auf der anderen Seite aber eine Sendung, die ganz offenkundig einen Anreiz dazu schafft, aus dem Programm nehmen. Ich kann die Leute, die so etwas beschließen, zwar nicht mit Gewalt zwingen, ihre Meinung zu ändern, aber manchmal würde ich das gerne tun.

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