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KeltenWertloses Museum, besonders wertvoll

Arnold Rieger, vom 25.12.2012 09:00 Uhr
Keltenmuseum in Heuneburg Foto: dpa
Keltenmuseum in HeuneburgFoto: dpa

Herbertingen - Michael Schrenk hat Ernst gemacht. Der Bürgermeister der 5000-Seelen-Gemeinde Herbertingen hat kurz vor Weihnachten die Kündigung der Pachtverträge ans Finanzministerium geschickt – so wie vom Gemeinderat aufgetragen. Das Minus von 150 000 Euro für den Betrieb der beiden Keltenmuseen auf der Heuneburg sei nicht mehr tragbar, lautet die Begründung. Die Hoffnung, dass sich das Land an diesen Schauen beteiligt, hat sich zerschlagen.

„Wir investieren dort bereits hohe Summen in Ausgrabungen, den Betrieb des Freilichtmuseums können wir nicht finanzieren“, rechtfertigt sich Finanzstaatssekretär Ingo Rust (SPD) und verweist darauf, dass allein die Bergung des Fürstinnengrabs Ende 2010 eine halbe Million Euro kostete.

Und jetzt? „Ich hab’ nichts mehr im Köcher“, sagt Bürgermeister Schrenk. Doch er klingt keineswegs mutlos: „Ich setze auf neue Gespräche mit dem Land.“ Seine Rechnung, dass mit dem für nächsten Oktober geplanten Rückzug öffentlicher Druck entsteht, ist bereits aufgegangen: Vom Schwäbischen Heimatbund bis zur Landtags-CDU kommen Solidaritätsadressen.

Die Heuneburg ist schließlich nicht irgendein Fundort. Die Terrasse am linken Donauufer ist vielmehr eine der spektakulärsten Schatzkammern Europas. Einige der edelsten Schmuckstücke, die derzeit in Stuttgart zu sehen sind, stammen von dort. Die Anlage gilt als die größte keltische Stadt nördlich der Alpen: Hochkultur im 6. Jahrhundert vor Christus am Rand der Alb.

Diese Bedeutung bliebe freilich auch erhalten, wenn es keine Rekonstruktionen gäbe. Für die Fachwelt sind sie im Grunde ohne Bedeutung. „Wir brauchen dieses Museum nicht“, sagt Dieter Planck, der frühere Präsident des Landesdenkmalamts. Auch ohne das Freilichtmuseum, das vor zehn Jahren mit Landes- und EU-Hilfe aufgebaut worden ist, bliebe die Heuneburg ein Eldorado für Keltenfans.

Wissenschaftlich betrachtet, haben die Rekonstruktionen der Wehranlagen, Wohnungen und Werkstätten sogar ein erhebliches Manko: Sie entstanden mit reichlich künstlerischer Freiheit. Denn Vorlagen dafür gab und gibt es nicht. „Wir haben keinerlei baulichen Details, es gibt meist nur noch Pfostenlöcher“, sagt Planck. Wie verpönt es in der Fachwelt ist, fantasievolle Schlüsse zu ziehen, zeigte sich erst jüngst im Zusammenhang mit dem spektakulären Steintor der Heuneburg: Von dem monumentalen Eingang sind nur noch die Fundamente enthalten – zu wenig, um die gesamte Außenhaut des Torhauses nachzubauen. Allenfalls mit der Andeutung der Giebelfront erklärten sich die Fachleute einverstanden.

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum das Land sich zugeknöpft gibt. Die Verantwortlichen vermissen auch ein schlüssiges Betriebskonzept. Die Gemeinde habe das Museum zu großzügig angelegt, anstatt kleinere Brötchen zu backen, heißt es. Und anstatt Nachbarkommunen und Sponsoren ins Boot zu holen, vertraue man auf die Landeskasse. So mancher in der grün-roten Regierung sieht die Vertragskündigung denn auch als Erpressungsversuch.

Dabei investiere das Land dort oben jährlich 100 000 Euro in Grabungen – ohne die Zusatzausgaben wie jüngst für das oben genannte Steintor. Dessen Präsentation samt Multimedia-Monitor koste schließlich eine halbe Million Euro. „Niemand kann sagen, wir täten nichts für die Heuneburg“, ärgert sich Rust über Vorwürfe der CDU.

Der Hauptgrund für die Abwehrhaltung ist jedoch die Furcht vor einem Nachahmungseffekt: Auch andere der sage und schreibe 1300 Museen im Südwesten könnten die Hand aufhalten. Außerdem unterhält Baden-Württemberg bereits zwölf staatliche Sammlungen – vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg bis zum ZKM in Karlsruhe. Ein weiteres will sich Grün-Rot angesichts der klammen Kassen nicht leisten.

Reicht es also nicht, wenn man die Heuneburg allein den Archäologen überlässt? Diese selbst halten energisch dagegen. „Aus meiner Sicht besteht bereits jetzt eine erhebliche Diskrepanz zwischen der enormen überregionalen Bedeutung der Heuneburg und der Vermittlung dieses archäologischen Denkmals“, sagt Landesarchäologe Dirk Krausse. Mit dem Ende des Freilichtmuseums verschärfte sich diese Schieflage. „Es ist wichtig, dass der Besucher ein Eins-zu eins-Modell vor Augen hat, um die Bedeutung dieser Anlage zu verstehen“, sagt auch Planck. Die Experten bräuchten die Rekonstruktionen zwar nicht, aber in didaktischer Hinsicht seien sie unverzichtbar.

Den Abriss der Gebäude, den das Land als Eigentümer nach dem Ende des Mietvertrags verlangen könnte, hat Rust bereits ausgeschlossen. Die Anlage bleibt also vorerst bestehen. Doch warum ist das so teuer? Immerhin behauptet der Bürgermeister, bis zu 60 Prozent der 150 000 Euro Kosten für das Freilichtmuseum auszugeben. Der Rest entfällt auf das Keltenmuseum im Ortsteil Hundersingen – das aber will Schrenk auch weiterhin finanzieren.

Könnte man die Rekonstruktionen nicht einfach offen lassen für alle Besucher – ohne Eintritt, ohne Führungen? Zugänglich muss das Gelände ja ohnehin sein, will die Gemeinde nicht Rückzahlungsforderungen der Zuschüsse riskieren. „Das funktioniert nicht“, meint Schrenk und warnt, Vandalen könnten die Keltenhäuser heimsuchen. Eine solche Minimallösung werde der Heuneburg auch nicht gerecht.

Das sieht auch Planck so. Der frühere Präsident des Landesdenkmalamts meint, das Land müsse in die Bresche springen. Schließlich handle es sich ja um landeseigenes Gelände – und sei insofern nicht vergleichbar mit anderen Ausgrabungsstätten. Die Gefahr, damit einen Präzedenzfall zu schaffen und die Tür für weitere Forderungen zu öffnen, sieht er deshalb nicht. Ein neues Landesmuseum solle deshalb nicht gleich entstehen. Aber die Staatliche- Schlösser-und-Gärten-GmbH könnte sich um die Heuneburg kümmern, meint der Denkmalschützer.

So werden sich also im neuen Jahr alle Beteiligten wohl oder übel noch einmal zusammensetzen müssen: Der Knoten Heuneburg ist noch fest verschlungen. Einer allein wird ihn nicht aufdröseln oder durchtrennen können.

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