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Kinoreporter Der Gott des Gemetzels

Marie-Kristin Döbler, vom 14.12.2011 15:52 Uhr
"Der Gott des Gemetzels" ist mit drei Oscarpreisträgern hochkarätig besetzt.  Foto: DPA
"Der Gott des Gemetzels" ist mit drei Oscarpreisträgern hochkarätig besetzt. Foto: DPA

Zwei Ehepaare treffen sich, nachdem sich ihre Söhne im Park gestritten, gezankt und geschlagen haben. Die Konsequenz: Einem der Jungen fehlen zwei Zähne, die Eltern müssen „Friedensverhandlungen“ führen. Diese Vorgeschichte, die die Cowans (er Jurist und gespielt von Christoph Waltz, sie Anlageberaterin und dargestellt von Kate Winslet) und die Familie Longstreet (John C. Reilly als Eisenwarenhändler und Jodie Foster als angehende Schriftstellerin) zusammen bringt, tritt jedoch bald in den Hintergrund.

Schnell geht es um „Statuskonflikte“ zwischen „Opfer-“ und „Tätereltern“ (letztere sind reicher und besser gebildet), die Persönlichkeiten der Eltern und daraus resultierende Reibereien. Streitpotenzial birgt beispielsweise Waltz' Haltung als skrupelloser Anwalt im Dienste zwielichtiger Pharmakonzerne, die auf Fosters Weltverbesserungsideen („ehrlich einkaufen und kochen“, „korrekt leben“, „nachhaltig handeln“) trifft. Diese und ähnliche Differenzen bieten den gesamten Film über immer wieder die Basis, um giftige Kommentare, Spitzen und Seitenhiebe auszutauschen.

Ist die Stimmung zu Beginn von Höflichkeit, Takt, guten Manieren und der „richtigen Kinderstube“ geprägt, oberflächlich intakt und darauf ausgerichtet, die Dinge gütlich zu regeln, so bröckelt die Fassade zusehends. Zunehmend entfernen sich die vier Protagonisten von den „Regeln der Zivilisation“. Man hört förmlich, wie der Anstand Stück für Stück zerbröckelt und die Erwachsenen zu den „Wilden“ werden, die ihre Kinder zu Beginn des Films waren.

Doch während die Kinder ein einfaches (wenn auch nicht das richtige!) Ventil gefunden haben, um ihrem Ärger und Unmut Luft zu machen, sind die Eltern eindeutig zu lange „gefangen“ gewesen vom Gedanken, „politisch korrekt“ zu sein und dem Bild der Öffentlichkeit gerecht zu werden.

Kurz: Aie Aggression der Jungen war ein kurzes Intermezzo, die der Eltern ist der ausgewachsene, aufgestaute Konflikt von Jahrzehnten. In kürzester Zeit haben sich Gräben zwischen den zerstrittenen Erwachsenen gebildet, die unüberwindbar scheinen. Gerade diese Momente zeigen, dass „alle noch Kinder sind“. Die Eltern wären insgeheim gern wieder in der Position ihrer Jungen, denn dann dürften sie blind zuschlagen und die Konfliktlösung den Eltern überlassen. Doch so, in der Position des Verantwortungsträgers, müssen sie zunehmend erkennen, dass sie selbst die Ursache sind, für das, was ihre Kinder getan haben. Sie haben ihren Kindern Starrsinn und Engstirnigkeit vorgelebt, all das, was sie offiziell verurteilen und nun zur Schau tragen.

Was Roman Polanski mit der Verfilmung Yasmina Rezas berühmter Komödie „Der Gott des Gemetzels“ gelingt, ist wirklich „großes Kino“. Dabei profitiert er selbstverständlich von den Talenten der drei Oscarpreisträger (Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz) und des langjährigen Oscarkandidaten John C. Reilly. Man glaubt ihnen aufs Wort, ihre Mimik und Gestik verdeutlichen die Wut, die Eifersucht, die Zerrissenheit und ihre persönlichen Konflikte greifbar und realistisch. Man versteht, warum die „heile Welt“ der beiden Ehepaare bröckelt und bekommt tiefe Einblicke in die Psyche dieser Menschen.

Alle sind gefangen in der Zivilisation, geknechtet durch „den Namen“, „den guten Ruf“ und somit gezwungen, die Fassade aufrecht zu erhalten. Keiner kann sich selbst entkommen und so ist das Zerfleischen, das Gemetzel, das hier so meisterlich dargestellt wird, nur die logische Konsequenz, wenn die äußeren Zwänge einmal weg fallen.

Dies ist eine hervorragend dargestellte, komödiantische Sozial- und Gesellschaftsstudie. Sie zeigt, wie schnell Menschen, hier Ehepaare, den anderen „verraten“ für den Gewinn einer kurzen Pointe, wie Menschen den Schein wahren und auch wahren müssen, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und doch weiß jeder, dass der Small Talk, die Schmeichelei, die Appelle des „Seien-wir-doch-vernünftig“ nur von kurzer Dauer und inszenierter Selbstbetrug sind. Der Gott des Gemetzels ist allgegenwärtig - wehe, wenn er losgelassen.

Polanskis Film zeigt Theater, ein Kammerspiel. Mehr als diese vier Schauspieler braucht es nicht, um einen staunend in die reale Welt zu entlassen und sich zu fragen: Wie kann es sein, dass trotz dieser Abgründe, die in jedem von uns schlummern, friedliches Zusammenleben möglich ist?

Ein hervorragender Film.

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