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KonzernimmobilienEine Frage der Wirtschaftlichkeit

olm, vom 20.10.2012 12:54 Uhr
Für viele Kommunen ist der Bau einer Niederlassung eines Weltkonzerns wie Bosch auf ihrer Gemarkung wie ein Ritterschlag. Foto: Mierendorf
Für viele Kommunen ist der Bau einer Niederlassung eines Weltkonzerns wie Bosch auf ihrer Gemarkung wie ein Ritterschlag.Foto: Mierendorf

Albrecht Fischer ist 'Herr' über ein Gebiet von der Größe Sindelfingens. Der Architekt und Diplom-Ingenieur besitzt aber weder eine Insel noch ist er Bürgermeister. Fischer ist Direktor der Zentralabteilung Anlagen und Bauten bei der Robert Bosch GmbH. In dieser Eigenschaft ist er weltweit verantwortlich für das gesamte Immobilienwesen des Konzerns, verteilt auf 5200 Hektar Grundstücke und eine Gebäudefläche von 13 000 000 Quadratmetern.

Fischer arbeitet seit über 20 Jahren bei Bosch. Der Diplom-Ingenieur ist ein begehrter Gesprächspartner bei den Regionen und Kommunen, die um Unternehmen für ihre Gewerbegebiete werben. 'Bosch hat einen guten Ruf und steht für Seriosität - aber mit ein paar Tausend Quadratmetern in einem Gewerbegebiet fangen wir in der Regel nichts an', dämpft der Immobilienexperte die Erwartungen der Wirtschaftsförderer und Bürgermeister.

Standortentscheidungen werden bei Bosch wie bei den meisten anderen Unternehmen in der Regel nach strategischen Kriterien getroffen oder, wenn ein Geschäftsbereich zusätzlichen Flächenbedarf anmeldet. Eine Projektgruppe definiert dann zunächst das Anforderungsprofil an den Raumbedarf: Wie groß ist der Flächenbedarf, welche gebäudespezifischen Anforderungen sind zu erfüllen, und wie muss die Infrastruktur beschaffen sein. Danach werden verschiedene in- und ausländische Standortalternativen in einem Screeningverfahren (Ausleseverfahren) ermittelt. Stehen die möglichen Alternativen fest, kommt es zu einer ersten Kontaktaufnahme mit den Kommunen.

'Die ganze Projektgruppe hat damals Chinesisch gepaukt'

Manchmal beginnt es aber auch mit einem Sprachkurs. So war es, als Bosch sich das erste Mal in China engagierte. 'Die ganze Projektgruppe hat damals Chinesisch gepaukt', erinnert sich Fischer. Danach konnten die Mitarbeiter zwar untereinander ganz gut in der neuen Fremdsprache 'Guten Tag' sagen und nach dem Weg fragen, auf dem Weg ins Hotel verfuhr sich der Fahrer aber trotzdem, weil der Name im Chinesischen eine Nuance anders ausgesprochen wurde. Mittlerweile sind das nur noch Anekdoten.

Fischer und sein Team können heute bei ihrer Arbeit in der Regel auf ein umfangreiches Netzwerk vor Ort zurückgreifen. Das hilft nicht nur bei der Einschätzung örtlicher Lieferanten und Dienstleister, sondern auch bei Behördengängen. Denn manch übliche Gepflogenheiten wie das Bakschisch für eine Genehmigung sind bei Bosch tabu, betont Fischer. 'Dann warten wir halt mal vier Wochen länger auf eine Genehmigung.'

Angst, dass einmal etwas zu früh über einen potenziellen Standort bekanntwerden könnte, hat Albrecht Fischer nicht. 'Wir haben da sehr gut eingespielte Prozesse - sowohl innerhalb des Unternehmens als auch im Umgang mit Behörden, Bürgermeistern und Wirtschaftsförderern', erklärt er. Dieses hohe Maß an Vertraulichkeit sei bislang auch immer akzeptiert und respektiert worden. Natürlich weiß auch Fischer um die politische Wirkung, wenn Bosch sich nach einem neuen Standort umsieht. Da geht es um Arbeitsplätze, Gewerbesteuereinnahmen und Renommee.

Letztendlich hängt die Standortentscheidung von vielen Faktoren ab

Jede Kommune wünscht sich, den Zuschlag zu bekommen, da die Ansiedlung eines Unternehmens wie zum Beispiel Bosch in einer Region so etwas wie der Ritterschlag sei. 'Letztendlich hängt aber bei uns die Standortentscheidung von vielen Faktoren ab', betont Fischer. Dabei gehe es letztendlich aber nicht nur um den Grundstückspreis, sondern auch um die vorhandene Infrastruktur sowie die Verkehrsanbindungen, die stimmig sein müssen, und auch um die Qualifikation potenzieller Mitarbeiter, macht der Immobilienexperte deutlich.

Andererseits engagiere sich Bosch auch vor Ort, wenn zum Beispiel Wohnungen fehlen oder die Kindertageseinrichtung am Ort zu klein geworden ist. 'Wir bauen überall dort Wohnungen, wo wir einen Bedarf für unsere Mitarbeiter sehen', sagt Albrecht Fischer. Rund 3000 Wohnungen betreut die konzerneigene Wohnbaugesellschaft Woge allein in Deutschland. 'Dort wohnen nicht nur Jubilare', scherzt Fischer. Vor allem Mitarbeiter, die frisch aus dem Ausland nach Deutschland kämen, schätzten die konzerneigenen Wohnangebote in Anbetracht des engen Wohnungsmarktes in der Region. Meistens gebe es klare Schnittstellen bei der Zusammenarbeit mit der öffent­lichen Hand, erklärt er weiter. So wurde an einem anderen Standort gemeinsam mit der Kommune eine Kindertagesstätte errichtet. Der Konzern übernahm die Baukosten, die Gemeinde den Betrieb der Einrichtung.

Neben Deutschland ist der Bosch-Konzern weltweit in 150 Ländern mit Niederlassungen oder Vertriebspartnern vertreten. Um überall den gleichen Qualitätsstandard bei den Immobilien gewährleisten zu können, werde bereits bei der Planung berücksichtigt, in welcher Region gebaut werde und mit welchen Materialien, erklärt Fischer. Zu den größten Herausforderungen zählte für ihn dabei der Bau einer Winterteststrecke einschließlich aller dazugehörigen Gebäude in der inneren Mongolei. Sein Team hatte gerade einmal sechs Monate Zeit, bevor wieder die kalte Jahreszeit mit Temperaturen von minus 40 Grad anbrach und selbst mit modernster Straßenbautechnologien an diesem Ort nichts mehr möglich gewesen wäre.

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