
Auf einen Klick
|
|
Bild 1 von 27 |
|
Leonberg/Leutenbach. Die Festschrift für die neue Orgel kann fast gedruckt werden, das Programm zur Widmung steht, die Organisten freuen sich schon: Nur die „Königin der Instrumente“ fehlt noch. Doch Majestät gedeiht. Davon hat sich der Orgelbauförderverein der Johanneskirche in der Orgelbauwerkstatt Mühleisen in Leonberg überzeugt. Und gestaunt, wie viel Wissen und Handwerkskunst dafür nötig sind.
„Es riecht nach Holz“, stellen die Gäste aus Leutenbach fest. Die Nasen merken zuerst, dass die von außen eher unscheinbare Orgelbauwerkstätte ein interessantes Innenleben birgt. Wer sich umsieht, entdeckt viele Hinweise auf das alte Handwerk, das hier gepflegt wird. Bilder an den Wänden zeigen wunderschöne alte Orgeln in Kirchen, Postkarten an der Pinnwand fordern, dass Musik berühren soll, auch dann, wenn es Worte nicht können. Bei solchem Anspruch wundert es nicht, dass die Leonberger Orgelbaumeister in aller Welt gefragt sind. Europas größte Konzertsaalorgel der Nachkriegszeit ist hier entstanden, auch die Stiftskirchenorgel in Stuttgart mit ihren 82 Registern. Aufträge führen die Baumeister zurzeit nach Norwegen und bald nach Polen. Es werden aber auch kleine Instrumente mit weniger Registern oder kleinere Kirchenorgeln gebaut.
Ohne „Bildersturm“ hält die Orgel ewig
So wie die für die Johanneskirche in Leutenbach. Die Mitglieder des Orgelbaufördervereins schauen gespannt, was es von ihr zu sehen gibt. Orgelbaumeister Karl-Martin Haap enttäuscht sie nicht. „Alle Einzelteile von Ihrer Orgel sind eigentlich fertig.“ In der Werkstatt aufgereiht, bieten sie Einblicke, die sich wohl nicht wiederholen werden, wenn die Orgel in der Johanneskirche steht. Denn große Reparaturen sind für die Zukunft nicht vorgesehen. „Solange es keinen kulturellen Bildersturm gibt, hält die ewig“, meint Haap. Das Instrument ist so entworfen, dass die wenigen Verschleißteile leicht austauschbar sind. Aber das, ist Haap sicher, wird erst in 30 Jahren nötig.
Und dann geht es hinein ins Orgel-Innenleben. Das, merken die Gäste schnell, ist eine Wissenschaft für sich. Grob vereinfacht entsteht der Klang der Orgel durch Pfeifen, die ein Luftstrom, der Orgelwind, anbläst. Der Organist sitzt an einem Spieltisch. Dort kann er Pfeifenreihen in verschiedener Tonhöhe und mit unterschiedlichen Klangfarben, sogenannten Registern, ein- und ausschalten. So entsteht eine große Klangvielfalt. Die Pfeifen werden über eine oder mehrere Klaviaturen und auch Pedale angesteuert. Die Tastenbewegung wird über eine Mechanik an die Ventile unter den Pfeifen geleitet.
Schon winzige Ungenauigkeiten beeinflussen den Klang
Die Leutenbacher Orgel wird eine Wechselschleifenorgel. Das bedeutet, dass eine relativ geringe Zahl von Registern eine vollständige Orgel abbildet. Dreizehn Register, zwei Klaviaturen, 782 Pfeifen kommen.
So weit, so gut. Doch die Details sind kompliziert. So können schon winzige Ungenauigkeiten den Klang sehr beeinflussen. Zum Beispiel, wenn die Pfeifen nicht gleich viel Wind von beiden Seiten bekommen. Oder der Druck des Windes nicht stimmt. Oder acht Millimeter große Luftschlitze im Inneren der Orgel nicht hundertprozentig an Ort und Stelle sitzen. Der Klang wird auch durch die Geschwindigkeit beispielsweise des Tastendrucks beeinflusst. „Das menschliche Gehör reagiert vor allem darauf, wie die Tasten angespielt werden“, weiß Karl-Martin Haap.
Die Liebe zur Musik allein reicht nicht aus, um Orgelbauer zu werden. Ohne Physik und Mathematik geht es nicht. „Das muss alles genau berechnet werden“, fasst eine Besucherin zusammen, und eine andere ergänzt: „Faszinierend. Man kriegt von Minute zu Minute mehr Respekt.“
Auch der Raum wirkt sich auf den Klang aus. In schwierigen Fällen messen die Orgelbauer vorher vor Ort, hören Töne und Hall, prüfen Dämmung, Vorhänge, Teppiche, kommen auch vorbei, wenn die Kirche voll ist. Erst dann legen sie die technischen Maße für die Pfeifen fest. „Wenn ich mit den Maßen danebenliege, klingt die Orgel nicht“, weiß Haap.
„Wir haben noch nie eine Einweihung verschoben“
Für die Leutenbacher Orgel liegen die Pfeifen schon bereit, der Förderverein sieht es mit Freude. Die Festschrift für die Orgelwidmung steht nahezu, nur die Fotos mit dem neuen Instrument in der Johanneskirche fehlen noch. Die Zeit drängt, schließlich muss das Instrument vor Ort aufgebaut, gestimmt und gestrichen werden, die Festbroschüre soll rechtzeitig in den Druck. Pfarrer Eberhard Feucht verhandelt noch schnell ein Grußwort. Der Orgelbaumeister bleibt gelassen. „Wir haben noch nie eine Einweihung verschoben.“
|
|
|
|