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Mehr Alltags-AufgabenMit Tischdecken gegen die Demenz

Claudia Bell, vom 22.12.2012 09:00 Uhr
Experten raten, alte und vergessliche Menschen mehr in Alltags-Aufgaben einzubeziehen. Foto: dpa
Experten raten, alte und vergessliche Menschen mehr in Alltags-Aufgaben einzubeziehen.Foto: dpa

Hohenheim/Freiburg - Eine alte, demente Dame sitzt in ihrem Stuhl im Altenheim oder zu Hause und dämmert vor sich hin. Eine Ansprache ist schwierig, zu alltäglichen Dingen ist sie schon lange nicht mehr fähig – glaubt man. Doch dass dem nicht so sein muss, weiß Martina Feulner von der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft (dgh) in Osnabrück. „Man kann den Bedürfnissen alter oder dementer Menschen durchaus gerecht werden und sie in alltägliche Handlungen mit einbeziehen“, sagt sie. Damit könne man jenen Menschen helfen, sich wenigstens für einen kurzen Moment wieder zurechtzufinden oder zumindest so etwas wie einen bewusst erlebten Moment zu haben.

Es sind kleine Dinge, die schon helfen können – sei es das Tischdecken oder das ­gemeinsame Kochen. „Hauswirtschaftliche Dienstleistungen sorgen dafür, dass das ­Leben eine Basis bekommt“, sagt Martina Feulner. Somit kann die Betreuung bei Hausarbeiten demente Menschen nicht nur unterstützen, sondern ihnen auch zugleich ein Stück mehr Lebensqualität vermitteln. „Je höher die Normalität für die Menschen ist, umso wirksamer ist sie auch“, so Feulner.

Der Alltag mit seinen Ritualen ist nach Meinung Feulners sehr wichtig. Selbst dann, wenn nicht mehr alle Aufgaben von den Alten selbst erledigt werden könnten.

Die Hauswirtschaft halte viele Möglichkeiten bereit, um die Menschen mit einzubeziehen. „Wenn etwa eine Putzfrau ins Haus kommt, kann sie – natürlich nur, wenn das noch geht – die alte Dame oder ihren Mann mit einfachen Aufgaben betrauen, wie etwa Blumengießen oder Staubwischen“, sagt Feulner. Und falls das Essen auf Rädern kommt, kann der Lieferant darauf achten, dass die Kunden selbst ihren Tisch deckten.

Hauswirtschaft als therapeutische ­Maßnahme auch im Altenheim

Im Verlauf des Tages lassen sich so immer wieder kleine Aufgaben finden. Dabei ­bestimmt der alte Mensch selbst, wie er ­ diese Dinge erledigt. Das erfordert aber von pflegenden Angehörigen sowie den Mitarbeitern sozialer Dienste auch viel Geduld: So rät Feulner, den Betroffenen nicht ­ständig damit zu konfrontieren, dass ­Routineaufgaben wie das Bettenmachen oder das Tischdecken nicht mehr vollständig erledigt werden können.

Hauswirtschaft als therapeutische ­Maßnahme kann aber auch im Altenheim angewandt werden. „Wenn jemand vom Hauswirtschafts- oder Pflegepersonal etwa die Wäsche in den Schrank hängt oder etwas anderes im Zimmer macht, dann sollte er dies dem Bewohner auch ­mitteilen und ihm sagen, was ­genau er da gerade tut“, rät die Expertin.

Das Kommentieren alltäglicher Dinge gebe den Menschen zum einen das Gefühl, dass man sie ernst nehme, zum anderen vermittle es dem alten oder dementen ­Menschen eine Art Stabilität und Alltagsroutine. „Das ist kein Mehraufwand, sondern eine Frage der Einstellung.“ Auch bei den Mahlzeiten könne man allein durch ­kleine Gesten sehr vieles erreichen. „Wenn Herr Müller gerne Maggi im Essen hat, dann wird er sich freuen, wenn mittags die Würze neben dem Teller steht.“

Menschen Raum lassen

Mit mehr Aufwand verbunden ist die ­gemeinsame Essenszubereitung, die Feulner trotzdem nur empfehlen kann: Beispielsweise wenn die Heimbewohner beim Backen helfen. „Fast alle wissen in der Regel, wie man einen Kuchenteig macht oder Äpfel schält.“ Auch Demenzkranke können diese vertrauten ­Abläufe oft abrufen. Beim gemeinsamen Backen kann so eine sozialer Austausch stattfinden, gleichzeitig werden die motorischen ­Fähigkeiten der Menschen gefördert.

Hat jemand keine Lust auf die ihm erteilte Aufgabe, „dann muss man eben diesem die Möglichkeit geben, sich anders nützlich zu machen“, sagt Martina Feulner. Gerade in der Altenpflege sei es wichtig, den Menschen ihren Raum zu lassen. So hatte sie einmal ­gemeinsam in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft mit einigen Bewohnerinnen Blumengestecke gebastelt. Die anwesenden Männer hatten keine Lust, sich an der Aktion zu beteiligen – als es aber anschließend ans Aufräumen ging, ­waren sie bei der Sache.

Aus diesen Erfahrungen lassen sich auch für Besuche in Altenhilfeeinrichtungen ­hilfreiche Grundregeln ableiten. „Versuchen Sie nicht, einen dementen Menschen zu ­etwas zu überreden“, sagt Feulner. Hilfreicher ist es, den Ideen und Impulsen nach­zugehen, die vom alten Menschen selbst kommen. ­Vielleicht ist der Besuch im ­Nachbarzimmer wichtiger als der Spaziergang an der frischen Luft. Wichtig ist wahrzunehmen, von wie viel Eigenständigkeit Alltagshandlungen getragen sind. Diese Eigenständigkeit sollte man erhalten. „Die Aufgabe der Angehörigen, aber auch des ­Pflegepersonals ist es, nur dann diskret einzugreifen, wenn gefährliche Situationen entstehen.“

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