Mit dem Pedelec unterwegs Die Gefahr lauert an Ausfahrten

Martin Winterling, 11.08.2016 00:00 Uhr
Unfallforscher haben die Folgen eines Zusammenstoßes zwischen einem Pedelec und einem Auto untersucht: Vor allem an Ausfahrten und Kreuzungen lauert die Gefahr, dass Autofahrer das Tempo von Pedelecs unterschätzen. Foto: UDV
Unfallforscher haben die Folgen eines Zusammenstoßes zwischen einem Pedelec und einem Auto untersucht: Vor allem an Ausfahrten und Kreuzungen lauert die Gefahr, dass Autofahrer das Tempo von Pedelecs unterschätzen.Foto: UDV

Waiblingen. Der Eindruck täuscht. Pedelec-Fahrer sind nicht häufiger in Unfälle verwickelt als Radler ohne elektrischen Rückenwind. Im ersten Halbjahr sind der Polizei im Rems-Murr-Kreis lediglich sieben Unfälle gemeldet worden, an denen Pedelecs beteiligt waren. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 25.

Video: UDV Crashtest - Pedelec gegen Fußgänger

Anfang Juli verunglückten an einem Wochenende gleich zwei Pedelecfahrer: In Winterbach geriet eine 51-Jährige ins Straucheln, als ihr auf einem Feldweg ein Motorroller entgegenkam. In Kernen übersah ein VW-Golf-Fahrer ein Pedelec auf einem Radweg. Doch angesichts der insgesamt geringen Unfallzahlen mit Pedelecs handelt es sich um Einzelfälle, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Aalen. Zwangsläufig komme es inzwischen häufiger zu Pedelec-Unfällen: Es sind eben immer mehr elektrisch motorisierte Räder auf den Straßen unterwegs. Im vergangenen Jahr sind die Unfallzahlen bei Fahrrädern insgesamt gestiegen, und zwar im Rems-Murr-Kreis auf 300 (Vorjahr 267). 68 (65) Radler erlitten 2015 schwere und weitere 194 (158) leichte Verletzungen.

Video: UDV Crashtest - Pedelec-Fahrer mit Helm gegen Auto

Wegen der zunehmenden Zahl an Pedelecs heißt es für Verkehrsteilnehmer, Obacht zu geben. Pedelecs verändern das Verkehrsgeschehen. Das Tempo der Pedelecs wird von Autofahrern oftmals unterschätzt. Beim Blick nach rechts oder links an einer Kreuzung oder Ausfahrt wird einer Seniorin auf ihrem Damenrad unter Umständen nicht zugetraut, wie schnell sie dank Elektroantrieb unterwegs ist. Oft so schnell wie ein Rennradler in seinem grellbunten Radlerdress. Mit dessen flottem Tempo rechnet jedoch der Autofahrer und passt auf.

Umgekehrt müssen sich auch Pedelecfahrer erst an ihre neuen Gefährte gewöhnen und ihre Fahrweise anpassen: Pedelecs sind schwerer als normale Räder. Und der Pedelec-Radler selbst unterschätzt, wie flott er dank eingebautem Rückenwind vorankommt – und vergisst, dass andere Verkehrsteilnehmer seine Geschwindigkeit unterschätzen könnten. Seien es Autofahrer oder auch Fußgänger, mit denen er beispielsweise einen kombinierten Rad- und Fußweg teilt.

Bisher sind vor allem Seniorinnen und Senioren auf Pedelecs umgestiegen und haben sie als ideale Fortbewegungsmittel für sich entdeckt. Radfahren verlernt man nicht, lautet ein Sprichwort. Aber man kommt aus der Übung. Wer jahre- oder gar jahrzehntelang nicht mehr auf einem Rad gesessen hatte, sollte nicht glauben, er beherrsche das neue Gefährt auf Anhieb. Vor allem weil es schwerer und schneller ist.

Unfallforscher haben die Gefahren untersucht, die mit Pedelecs verbunden sind. Nach vier Crashtests und umfangreichen Fahrversuchen kommen die Unfallforscher in ihrer Studie zu dem Schluss, dass vor allem die schnellen Pedelecs (bis 45 km/h) eine Gefahr für den Fahrer selbst, aber auch für andere Verkehrsteilnehmer sein können. Die Studie der „Unfallforschung der Versicherer (UDV) machte vier Problembereiche aus.

1. Die Verkehrswege sind noch nicht auf Pedelecs eingestellt

Pedelecs erreichen nicht nur eine höhere Durchschnittsgeschwindigkeit, sondern auch eine höhere Höchstgeschwindigkeit, vor allem am Berg. Häufigere Überholmanöver sind damit vorprogrammiert und – wie der Crashtest der UDV zeigt, können durch die hohe Geschwindigkeit im Ernstfall mit schweren Unfallfolgen für Radfahrer und Pedelec-Fahrer enden.

2. An Ausfahrten und Kreuzungen wird das Tempo unterschätzt

Pedelecs sprechen viele Radfahr-Gruppen an. Senioren genauso wie Eltern mit Kinderanhängern oder sogar sportliche Fahrer. Für Autofahrer ist es künftig schwieriger zu erkennen, wie schnell ein Radler unterwegs ist. Auch ein Senior auf einem Citybike kann jetzt dank Elektrounterstützung viel schneller auftauchen, als aus der Erfahrung „gelernt“. Riskante Situationen können dadurch an Ausfahrten und Kreuzungen entstehen. Schwere Verletzungen beim seitlichen Anprall an ein Auto sind – wie ein zweiter Crashtest der UDV zeigt – nicht nur bei „unbehelmten“ Radlern zu erwarten.

3. Fußgänger sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer

Unfälle mit elektrisch unterstützten Fahrrädern können für alle Beteiligten mit schweren Verletzungen enden, wie ein Crash-Versuch mit einem Fußgänger zeigt.

4. Viele „Schnell-Radler“ sind heute illegal unterwegs

Die 45 km/h-Pedelecs müssen im Sinne der EU-Richtlinie 2002/24/EG wie ein Kleinkraftrad (Klasse L1e) betrachtet werden. Sprich: Es muss zum Beispiel ein Motorradhelm getragen werden, vorgeschrieben sind ein Bremslicht, Abblendlicht, Spiegel, bauartgenehmigte Reifen etc. Da in der Praxis die vorgeschriebene Technik aber oft fehlt, bewegen sich die meisten dieser „Schnell-Radler“ illegal auf den Straßen. Aus diesem Grund fordert die UDV eine neue Fahrzeugklasse für „schnelle“ Pedelecs mit sinnvollen technischen und zulassungsrechtlichen Regelungen, zum Beispiel: Höchstgeschwindigkeit 30 km/h, maximal 500-W-Motor, Versicherungskennzeichen, Mofa-Prüfbescheinigung, Fahrradhelm und Klingel statt Hupe.

Die Unfallforscher zogen drei Konsequenzen aus ihrer Untersuchung:

Verkehrsteilnehmer sind auf diese neue Fahrradgattung bisher nicht vorbereitet. Auf die Gefahren muss öffentlichkeitswirksam hingewiesen werden. Die Rechtslage muss durch die Schaffung einer neuen Kraftfahrzeugklasse (30-km/h-Pedelecs) zumindest für Deutschland schnell geklärt werden.

Die Pedelec-Konstruktionen müssen stabiler werden.

Bremsen müssen auch bei Nässe dem Gewicht und der Geschwindigkeit angemessen sein.

Sicherheitstraining für Pedelecfahrer

Die Kreisverkehrswacht Rems-Murr bietet am Donnerstag, 18. August, um 17 Uhr für ZVW-Leserinnen und -Leser ein zweistündiges Pedelec-Sicherheitstraining auf dem Zeller-Platz in Waiblingen (Bürgermühlenweg 10) an. Teilnehmen können 20 Radler.

Voraussetzungen zur Teilnahme sind erstens ein eigenes Pedelec und zweitens ein Fahrradhelm. Wer (noch) nicht Besitzer eines eigenes Pedelecs ist, kann sich für den Nachmittag auch eines leihen, zum Beispiel an den E-Bike-Stationen an den Bahnhöfen Waiblingen, Schorndorf und Fellbach. Dazu ist eine Registrierung beim Betreiber nextbike nötig Telefon-Hotline 030/69205046, per App oder im Internet unter www.vvs.de/e-bike-stationen).

Das Sicherheitstraining leitet Hans-Joachim Seibold von der Kreisverkehrswacht. Nach einer Runde Theorie zu Regeln im Straßenverkehr, Diebstahlsicherung und Technik geht es in die Praxis: Anfahren und Anhalten („Das hört sich banal an, ist es aber nicht“), enge Kurven und Bremsen, Hindernisse und Bordsteine, Handzeichen und Schulterblick. „Ziel ist, den Pedelecfahrer auf die alltäglichen Dinge im Straßenverkehr vorzubereiten“, sagt Seibold. Im Anschluss geht die Gruppe auf eine kleine Tour durch den Stadtverkehr, über Land und bergauf.

Das Sicherheitstraining ist kostenlos. Einfach den Coupon ausdrucken, ausfüllen und an den Zeitungsverlag Waiblingen schicken oder faxen. Anmeldeschluss ist Sonntag, 14. August. Sollten sich mehr Leser anmelden, als wir Plätze haben, entscheidet das Los. Die Teilnehmer werden benachrichtigt.

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