Mit dem Pedelec unterwegs Kampf, Krampf und Spaß

Martin Winterling, 26.08.2016 00:00 Uhr
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Mit dem Pedelec zur Arbeit macht Spaß... Foto: Steinemann / ZVW
Mit dem Pedelec zur Arbeit macht Spaß...Foto: Steinemann / ZVW

Waiblingen. Zugeparkte Radwege und rote Ampeln, irreführende Beschilderungen und rüpelnde Radler, rücksichtslose Autofahrer und gebannt auf Smartphones starrende Fußgänger. Das sind nur ein paar der Ärgernisse, denen der Radfahrer begegnet, wenn er täglich zur Arbeit strampelt. Der Ausgleich zum Radlerfrust ist frische Luft und der Spaß, sich so nebenbei fit zu halten.

Vor zwei Jahren war es ein einwöchiger journalistischer Selbstversuch: „Mit dem Pedelec zur Arbeit“. Jetzt ist es täglicher Ernst. Wenn das Wetter mitspielt und die beruflichen Termine es zulassen, strampele ich mit dem Pedelec in die Redaktion. 20 Kilometer nach Waiblingen hin, 20 Kilometer zurück nach Stuttgart. Und ich wundere mich fast täglich über eine Verkehrspolitik, die im 21. Jahrhundert Radfahrer noch immer nicht wirklich auf dem Schirm hat. Die Zwischenbilanz nach vier Wochen mit dem Rad zur Arbeit fällt zwiespältig aus.

Lassen wir die Hinweise auf Umwelt- und Klimaschutz weg, blenden wir die Feinstaub-Alarme nebst der 2017 absehbaren Fahrverbote in Stuttgart aus. Radler hätten von den anderen Verkehrsteilnehmern schon aus Eigeninteresse mehr Wertschätzung verdient: Jeder Pendler, der das Auto stehen lässt, auf öffentliche Verkehrsmittel verzichtet und aufs Rad umsteigt, verkleinert den Stau auf den Straßen und schafft ein bisschen mehr Platz in Bussen und Bahnen.

Lassen wir das Eigenlob und die Selbst-auf-die-Schulter-Klopferei der Radler weg, dass sie – wie im Übrigen auch Fußgänger – ihren Arbeitsweg nicht mit tiefen CO2-Fußabdrücken pflastern. Je öfters ich mit dem Pedelec unterwegs bin, desto mehr Spaß macht es mir. Von ein paar Regenschauern abgesehen, gibt es im Sommer nichts Schöneres, als den Weg zur Arbeit mit Bewegung zu verbinden. Dass er beinahe doppelt so lang dauert wie mit dem Auto – geschenkt. Ein extra Geschenk ist es, wenn in und um Stuttgart herum wieder einmal der Verkehr zusammenbricht und ich mit dem Rad auf den Nebenstrecken genauso schnell zu Hause bin, wie ich es mit dem im Stau steckenden Auto gewesen wäre.

Rote Ampel

Eine Geduldsprobe

Nicht nur Autos stecken oft fest, auch uns Radler quält das ständige Stop-and-go. Während man als Autofahrer mühelos aufs Gas drückt, ist das Wiederanfahren mit dem Rad mühsamer – Elektroantrieb sei Dank nicht mehr ganz so mühselig wie früher. Die Minuten, die man auf dem Rad vor roten Ampeln verbringt, ziehen sich wie Kaugummi in die Länge – und verlangen viel Selbstbeherrschung, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Nur gut, dass ich nicht jedes Mal erwischt werde, wenn ich über rote Fußgängerampeln husche und gelegentlich auch andere Rotlichter übersehe – meinen Führerschein wäre ich bereits los.

Was auf dem Rad nervt, ist der Stress. Radfahren in der Stadt ist Kampf. Und viel Krampf. Jeder gegen jeden. Radler gegen Fußgänger, Autos gegen Radler, Radler gegen Radler. Fußgänger und Radler ziehen immer den Kürzeren und müssen achtgeben. Wir sind zu viele, die sich den knappen Raum teilen. Die Verkehrsplanung nimmt keine Rücksicht auf die unterschiedlichen Interessen. Wenn sich Radler und Fußgänger einen Weg teilen müssen, kommt es zwangsläufig zu Konflikten. Vor allem, wenn Kinder mit im Spiel sind.

Dass viele Mütter in wilder Panik ihr Kind in Sicherheit bringen, sobald sie ein Fahrrad sehen oder hören, ist nicht nur ihrer übertriebenen Vorsicht geschuldet, die Eltern von heute zu eigen ist. Unter uns Radlern gibt es einen erklecklichen Anteil von Rüpeln, die im Kampf jeder gegen jeden Grenzen überschreiten.

Beispiele gefällig? Über die rote Fußgängerampel pfeift ein älterer, mit grellem Trikot verkleideter Rennradler. An der nächsten Ampel hat zufällig er Grün – und wird von einem auf der Kreuzung stecken gebliebenen Auto behindert. Der Cholerikradler gestikuliert wild und brüllt: „Du A. . ., die Ampel ist rot!“

Rotes Tuch

Radler mit Smartphone

Beispiel zwei: Sie ist zwar kein Rüpel, mindestens aber gedankenlos – und sie ist gar nicht so selten. Nichts dagegen, wenn die Radlerin im Randstein gelandet wäre, während sie auf dem Rad mit dem Smartphone herumgespielt hat. Aber sie eiert ausgerechnet mir in die Quere. Auf mein „Achtung!“ reagierte sie ausgesprochen unwirsch, musste sie doch die virtuelle Welt verlassen und auf die reale Straße gucken. Ein Kind auf dem Fuß- und Radweg, siehe oben, hätte der Radlerin vermutlich nicht Achtung zugerufen.

Gibt es eigentlich noch Fußgänger, die beim Spazierengehen nicht aufs Schlautelefon glotzen? Ach, Sie sind das! Vielen Dank, dass Sie nicht wie Ihre Mitflanierer mitten auf den Wegen spazieren, im Park ein Auge für Radler und Inliner haben oder ausgerechnet die Fahrradwege für Ihren Ausflug wählen. Solche Fußgänger nerven, aber echt! (Ich verstehe aber auch jeden Fußgänger, der durchgeknallte, im D-Zug-Tempo zickzack durch Fußgängergruppen rasende Radler mit den gleichen Flüchen belegt!)

Auf dem Rad darf übrigens geflucht werden. Hört ja niemand mit, wenn ich die Handwerker und Straßenmeister in die Hölle wünschen, die grundsätzlich ihre Sprinter und Pritschenwagen auf den Radwegen abstellen.

Hört ja niemand meine Klagelieder, wenn ich den grün-weißen Schildern folge und mich irgendwann frage, wieso ich fast die doppelte Strecke zurücklegen muss wie ein Auto, um von A nach B zu kommen.

Hört ja niemand die Verdammungen, wenn mich ein Autofahrer in der viel zu engen Tempo-30-Zone unbedingt überholen will und diese Absicht mit Röhren der Zweiliter-Maschine ankündigt. Ich fahre sogar schneller als erlaubte 30 ...

Hört ja niemand meine lästerlichen Reden über bestenfalls im Nichts endende Radwege, die mich im schlechtesten Fall auf eine Hauptverkehrsstraße schicken.

Hört ja niemand meine Schmähungen der Verkehrsplaner. Für sie sind Radwege grundsätzlich erste Wahl, wenn es gilt, für eine Baustelle Platz auf der Fahrbahn zu schaffen. Das Schild „Radweg Ende“ ist flugs aufgestellt – sollen doch die Radler schauen, wo sie bleiben, oder sich in Luft auflösen. Hauptsache ist freie Fahrt für Automobilie.

Apropos Baustellen. Zwischen dem Remstal und Stuttgart bestand für Radler über Jahrzehnte in Bad Cannstatt eine beliebte und funktionierende Verbindung, auf der wir ohne Not und Gefahr den Neckar und die Verkehrsachse B 10 überqueren konnten. Doch die alte Holzbrücke und der Elefantensteg mussten Stuttgart 21 und dem Rosensteintunnel weichen. Sie wurden abgerissen. Ersatzlos.

Wo die Radler hinsollen, haben die Stuttgarter Verkehrsplaner schlicht vergessen. Mit unzumutbar ist die aktuelle Verkehrsführung über die König-Karls-Brücke nur unzureichend beschrieben. Mir fiele noch dämlich, hirnrissig oder auch gefährlich ein.

Das Tüpfelchen auf dem i der Ignoranz ist das Fantasieschild vor dem Rosensteinpark, das Radler bei der Wilhelma zum Absteigen zwingen will. Es nennt sich „Schiebestrecke“. Pate im Rathaus stand wohl das schwäbische Motto „Blöd darf man sein, man muss sich nur zu helfen wissen“. In der Straßenverkehrsordnung findet sich ein solcher Begriff nicht.

Rotes Schild

Schild-Bürgerstreich „Schiebestrecke“

Die Stuttgarter Verkehrsplaner wollten sich mit der Erfindung des Schiebeverkehrs wohl das Problem vom Hals schaffen, das sie sich mit dem Abriss der Radler- und Fußgängerbrücken eingebrockt haben. Sollte es im Nadelöhr zwischen Wilhelma und Park zu Kollisionen zwischen Radlern und Fußgängern kommen, wäre die Stadt Stuttgart vielleicht rechtlich gesehen fein raus. Praktisch entlarvt sich hier einmal mehr, dass Radfahren allen grünen Radstrategien und Willensbekundungen zum Trotz in der Region Stuttgart erst am Anfang steht.

Eine viertelstündige empirische Untersuchung der „Schiebestrecke“ an einem gut frequentierten Sonntagnachmittag hat übrigens ergeben, dass – wie zu erwarten – null Prozent der Radfahrer auf dem Abschnitt zwischen Park und Wilhelma abgestiegen sind.

Warum ich weiterhin aufs Rad steige? Wegen der vielen schönen Momente. Wenn ich morgens die frische Luft einatme und den Fahrtwind um die Nase spüre. Wenn ich nach Feierabend übers Schmidener Feld rolle und in die tief stehende Sonne blinzele. Wenn ich mein Rad vor der Eisdiele abstelle, ohne lästige Parklatzsuche, und mir spontan ein Abendeis mit Sahne gönne (ja, ich kann’s mir jetzt leisten!). Wenn ich bei den Anstiegen auf dem Hin- und Rückweg einfach vom Eco- auf den Standard- oder gar High-Modus umschalte – und die Berge hochfliege. Oder wenn ich abends hinter Fellbach den treuen Gassi-Gehern begegne, die mich mit ihren Hunden grüßen und mir freundlich Platz machen – bis auf den kleinen Wuschel, der von der Hund-macht-Fahrrad-Platz-Regel offenbar nichts hält.

Das Rad im Alltag

Im „Klimaschutz-plus“-Programm des Landkreises Rems-Murr wird der Radverkehr ausdrücklich als eine der Möglichkeiten genannt, um die Emissionen von klimaschädlichem CO2 zu verringern. An der dritten Runde von „Bike & Work“ nehmen 13 Unternehmen oder Institutionen aus dem Kreis teil und versuchen, ihren Mitarbeitern das Fahrrad für den Weg zu Arbeit schmackhaft zu machen und Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

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Kommentare (2)
Fahrradfahrer • vor 5 Monaten
Pedelec warum nicht einfach Fahrrad wie es schon seit der Erfindung heißt nennen????!!!!
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leser Fahrradfahrer • vor 5 Monaten
warum heißt der Hausmeister Facilitymanager und der Negerkuss jetzt Schaumgebäck mit Migrationshintergrund?
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