
Auf einen Klick
Zu einer in trostlosen Molltönen wühlenden Flamenco-Gitarre begibt sich Leonard Cohen auf die Reise ins Herz der Finsternis. Er habe an allem die Lust verloren, könne keinen Geschmack mehr finden am Alkohol, an den Zigaretten und sogar an der Liebe, behauptet er. Und während sich der Song um ihn herum in einen schlurfenden Blues verwandelt, droht die Dunkelheit ihn zu verschlingen: „I got no future / I know my days are few“ – für mich gibt es keine Zukunft, ich weiß, mir bleiben nur noch wenige Tage.
Man wäre wohl versucht, sich um den kanadischen Poeten und Liederschreiber Leonard Cohen Sorgen zu machen, wenn dieser Nihilismus ihn erst jetzt im hohen Alter ereilt hätte, wenn man mit dieser Schwarzmalerei nicht schon vertraut wäre, seit man ihn kennt. Tatsächlich ist diese No-Future-Hymne namens „Darkness“ nicht der erste Abgesang auf sich selbst, den Leonard Cohen verfasst hat. In „Tower Of Song“ zum Beispiel, einer Nummer, die aus den 1980ern stammt, scherzte er auch schon böse in der Rolle eines selbstmitleidigen Alleinunterhalters über die Einsamkeit und das Älterwerden („Well my friends are gone and my hair is grey / I ache in the places where I used to play“) .
Cohen, der eigentlich Dichter ist und erst mit Mitte 30 auch Songwriter und Musiker wurde, hat in seinen Liedern schon immer mit dem Abgrund, mit dem Tod geflirtet, schrieb immer schon nicht nur Songs über die Liebe, sondern auch über den Hass – „Songs Of Love And Hate“ hieß ein Cohen-Album im Jahr 1971. Und er verband in seiner Musik, in seinen Texten mit einer durchdringenden Poesie immer schon Schwermut und Verlangen, Spiritualität und Bitterkeit miteinander.
Musikalischer Zeitgeist
Während Cohens Themen eigentlich immer die gleichen blieben, waren seine Arrangements oft vom musikalischen Zeitgeist geprägt. Auf „Old Ideas“ hat er glücklicherweise den Synthiepopsound, dem er in den 1980er Jahren verfallen ist, hinter sich gelassen, zu einer Klarheit der Inszenierung, zu einer intimen Stimmung zurückgefunden, die durchaus eine Brücke schlägt zu seinem Debütalbum „Songs Of Leonard Cohen“, das im Jahr 1967 erschien und Stücke wie „Suzanne“ und „So Long, Marianne“ enthielt.
An keiner Stelle ist das Album berückender und intensiver als in dem Song „Crazy To Love You“, bei dem Cohen nur von Javier Mas’ Laute begleitet wird und bekennt: „I’m tired of choosing / Been saved by a sweet fatigue“ – ich bin es leid, das Verlangen zu wählen und wurde von süßer Ermattung erlöst. Im Gebet „Amen“, bei dem Cohens Stimme so dunkel, kratzend und brüchig klingt, dass man ihn fast für Tom Waits halten könnte, gibt er sich dann aber doch wieder dem Verlangen hin, während die Engel bereits an der Tür kratzen. „Banjo“ klingt erst wie ein Countryblues, begibt sich begleitet von einer Blaskapelle jedoch auf den Weg nach New Orleans. In der Klavierballade „Show Me The Place“ sehnt er sich nach Erlösung, in der Barjazz-Reminiszenz „Anyhow“ nach Vergebung, im gospelhaften „Come Healing“ nach Heilung. Und im langsamen Walzer „Lullaby“ versucht Leonard Cohen, sich selbst in den Schlaf zu wiegen.
Ernste Späße
Und die Nummer „Going Home“ erweist sich als einer dieser ernsten Späße, die Cohen so meisterlich zu erzählen versteht. In einer Art Selbstgespräch schimpft er über einen gewissen Leonard, bezeichnet diesen als faulen Dreckskerl, der in einem Anzug lebt („He’s a lazy bastard / Living in a suit“), als einen, der nur die Worte nachplappert, die ihm vorgesagt werden, der weise klingt, aber eigentlich überhaupt nichts weiß. Ein E-Klavier schnauft müde vor sich hin, eine Geige tönt traurig, ein Frauenchor seufzt, und der Mann, der es gewohnt ist, diesem Leonard seine Sätze einzuflüstern, will eigentlich nur noch nach Hause gehen.
So ganz aus freien Stücken trägt einem Leonard Cohen diese Lieder tatsächlich nicht vor. Dass es jetzt noch eine neue Platte von ihm gibt – sein erstes Studioalbum seit acht Jahren –, ist wahrscheinlich seiner Ex-Managerin Kelley Lynch zu verdanken. Diese hatte 2005 Cohens Rücklagen veruntreut. Von fünf Millionen US-Dollar blieb so gut wie nichts übrig. Eigentlich hätte er es bevorzugt, seinen Lebensabend in einem buddhistischen Kloster zu verbringen und sich der Zen-Meditation zu widmen, hatte sich als Mönch bereits den Namen Jikan (der Stille) verdient. Doch sein Bankrott hatte ihn dazu genötigt, sein Schweigen zu brechen.
Zunächst bei einer Welttournee. Als Cohen nach 15 Jahren Pause 2008 wieder auf die Bühnen zurückkehrte, gab es kaum einen, der nicht zum Schwärmer wurde. Wer bei Cohens Auftritten – zum Beispiel 2008 beim Stimmen-Festival in Lörrach oder 2010 in der Schleyerhalle in Stuttgart – aufmerksam zugehört hat, erkennt nun auf „Old Ideas“ den einen oder anderen Song vielleicht wieder. Das missmutig in die Dunkelheit starrende „Darkness“ zum Beispiel, das Cohen bei den Konzerten zwar stets empfindungsreich pointiert, aber auch mit einem Lächeln vortrug – und den ironischen Ton ausstellte, der in solchen Nummern heimlich schlummert.
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