Donnerstag, 17. Mai 2012
 
 
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken Artikel kommentieren
Artikel bewerten [4.83/6]

Neue CD Leonard Cohen: Alt ist das neue Neu

Gunther Reinhardt, vom 31.01.2012 14:35 Uhr
Leonard Cohen hat ein neues Album veröffentlicht Foto: EFE FILE
Leonard Cohen hat ein neues Album veröffentlicht Foto: EFE FILE

Zu einer in trostlosen Molltönen wühlenden Flamenco-Gitarre begibt sich Leonard ­Cohen auf die Reise ins Herz der Finsternis. Er habe an allem die Lust verloren, könne keinen Geschmack mehr finden am Alkohol, an den Zigaretten und sogar an der Liebe, ­behauptet er. Und während sich der Song um ihn herum in einen schlurfenden Blues verwandelt, droht die Dunkelheit ihn zu verschlingen: „I got no future / I know my days are few“ – für mich gibt es keine Zukunft, ich ­weiß, mir bleiben nur noch wenige Tage.

Man wäre wohl versucht, sich um den ­kanadischen Poeten und Liederschreiber Leonard Cohen Sorgen zu machen, wenn dieser Nihilismus ihn erst jetzt im hohen Alter ereilt hätte, wenn man mit dieser Schwarzmalerei nicht schon vertraut wäre, seit man ihn kennt. Tatsächlich ist diese No-Future-Hymne namens „Darkness“ nicht der erste Abgesang auf sich selbst, den Leonard Cohen verfasst hat. In „Tower Of Song“ zum Beispiel, einer Nummer, die aus den 1980ern stammt, scherzte er auch schon böse in der Rolle eines selbstmitleidigen Alleinunterhalters über die Einsamkeit und das Älterwerden („Well my friends are gone and my hair is grey / I ache in the ­places where I used to play“) .

Cohen, der eigentlich Dichter ist und erst mit Mitte 30 auch Songwriter und Musiker wurde, hat in seinen Liedern schon immer mit dem Abgrund, mit dem Tod geflirtet, schrieb immer schon nicht nur Songs über die Liebe, sondern auch über den Hass – „Songs Of Love And Hate“ hieß ein Cohen-Album im Jahr 1971. Und er verband in seiner Musik, in seinen Texten mit einer durchdringenden Poesie immer schon Schwermut und Verlangen, Spiritualität und Bitterkeit miteinander.

Musikalischer Zeitgeist

Während Cohens Themen eigentlich immer die gleichen blieben, waren seine Arrangements oft vom musikalischen Zeitgeist geprägt. Auf „Old Ideas“ hat er glücklicherweise den Synthiepopsound, dem er in den 1980er Jahren verfallen ist, hinter sich gelassen, zu einer Klarheit der Inszenierung, zu einer intimen Stimmung zurückgefunden, die durchaus eine Brücke schlägt zu seinem Debütalbum „Songs Of Leonard Cohen“, das im Jahr 1967 erschien und Stücke wie „Suzanne“ und „So Long, Marianne“ enthielt.

An keiner Stelle ist das Album berückender und intensiver als in dem Song „Crazy To Love You“, bei dem Cohen nur von Javier Mas’ Laute begleitet wird und bekennt: „I’m tired of choosing / Been saved by a sweet ­fatigue“ – ich bin es leid, das Verlangen zu wählen und wurde von süßer Ermattung erlöst. Im Gebet „Amen“, bei dem Cohens Stimme so dunkel, kratzend und brüchig klingt, dass man ihn fast für Tom Waits halten könnte, gibt er sich dann aber doch wieder dem Verlangen hin, während die Engel bereits an der Tür kratzen. „Banjo“ klingt erst wie ein Countryblues, begibt sich begleitet von einer Blaskapelle jedoch auf den Weg nach New Orleans. In der Klavierballade „Show Me The Place“ sehnt er sich nach Erlösung, in der Barjazz-Reminiszenz „Anyhow“ nach Vergebung, im gospelhaften „Come Healing“ nach Heilung. Und im langsamen Walzer „Lullaby“ versucht Leonard Cohen, sich selbst in den Schlaf zu wiegen.

Ernste Späße

Und die Nummer „Going Home“ erweist sich als einer dieser ernsten Späße, die Cohen so meisterlich zu erzählen versteht. In einer Art Selbstgespräch schimpft er über einen gewissen Leonard, bezeichnet diesen als faulen Dreckskerl, der in einem Anzug lebt („He’s a lazy bastard / Living in a suit“), als einen, der nur die Worte nachplappert, die ihm vorgesagt werden, der weise klingt, aber eigentlich überhaupt nichts weiß. Ein E-Klavier schnauft müde vor sich hin, eine Geige tönt traurig, ein Frauenchor seufzt, und der Mann, der es gewohnt ist, diesem Leonard seine Sätze einzuflüstern, will eigentlich nur noch nach Hause gehen.

So ganz aus freien Stücken trägt einem Leonard Cohen diese Lieder tatsächlich nicht vor. Dass es jetzt noch eine neue Platte von ihm gibt – sein erstes Studioalbum seit acht Jahren –, ist wahrscheinlich seiner Ex-Managerin Kelley Lynch zu verdanken. Diese hatte 2005 Cohens Rücklagen veruntreut. Von fünf Millionen US-Dollar blieb so gut wie nichts übrig. Eigentlich hätte er es bevorzugt, seinen Lebensabend in einem buddhistischen Kloster zu verbringen und sich der Zen-Meditation zu widmen, hatte sich als Mönch bereits den Namen Jikan (der Stille) verdient. Doch sein Bankrott hatte ihn dazu genötigt, sein Schweigen zu brechen.

Zunächst bei einer Welttournee. Als Cohen nach 15 Jahren Pause 2008 wieder auf die Bühnen zurückkehrte, gab es kaum einen, der nicht zum Schwärmer wurde. Wer bei Cohens Auftritten – zum Beispiel 2008 beim Stimmen-Festival in Lörrach oder 2010 in der Schleyerhalle in Stuttgart – aufmerksam zugehört hat, erkennt nun auf „Old Ideas“ den einen oder anderen Song vielleicht wieder. Das missmutig in die Dunkelheit starrende „Darkness“ zum Beispiel, das Cohen bei den Konzerten zwar stets empfindungsreich pointiert, aber auch mit einem Lächeln vortrug – und den ironischen Ton ausstellte, der in solchen Nummern heimlich schlummert.

Kommentare (0)
» Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
  • Kommentare schreiben
Titel *  
     
Autor *  
     
Kommentar *  
             
(optional)
E-Mail   (wird nicht veröffentlicht)
             
Straße     Hausnr.  
             
PLZ     Wohnort  
             
    (Anschrift und E-Mail sind keine Pflichtangabe, allerdings können Kommentare ohne Angabe der vollständigen Adressdaten in der gedruckten Ausgabe leider nicht berücksichtigt werden. E-Mail, Straße und Nummer werden nicht veröffentlicht.)
             
      * Pflichtfelder
Literatur und visuelle Wundertüten
Am Mittwoch werden die 65. Filmfestspiele in Cannes eröffnet – Persönliche Dramen dominieren.
Ein kleines bisschen Horrorshow
Bilder Duell der Popmonster – Gossip gegen Garbage und damit Beth Ditto gegen Shirley Manson .
Videos
Interaktiv
  • Umfrage
Ausschreitungen

Nach dem Skandalspiel von Düsseldorf: Die Spiele zwischen KSC und VfB Stuttgart II werden in Mercedes-Benz-Arena verlegt - aus Sicherheitsgründen. Und auch die Gewerkschaft der Polizei fordert nun harte Sanktionen bei Fan-Ausschreitungen. Brauchen wir härtere Strafen und höhere Sicherheitsmaßnahmen im Fußball?

 
Ja, das hat nichts mit Sport zu tun und muss auf jeden Fall bestraft werden.
Nein, das war nur eine Ausnahme.
Mir ist das ganze Theater um Fußball egal.
 
(Ergebnis anzeigen)
 
  • Meist gelesen
  • Neueste Artikel
  • Facebook Lokalredaktion
  • Facebook Sportredaktion
  • Twitter
Rundschlag
Die Windwende bei der CDU
Die CDU hat eine neue, zukunftsweisende Energiequelle für sich entdeckt: Die Windkraft.
Väter im Aufbruch
Weshalb lässt das Wort „Vatertag“ sofort an Alkohol denken? Woher rührt das Klischee?
Bundesliga-Tippspiel
Tippen Sie mit!
Tippen und gewinnen Sie bei unserem Bundesliga-Tippspiel. Hier können Sie mitspielen >>
TV Bittenfeld
Kein neuer Vertrag für Arni Sigtryggsson
Der Isländer muss Bittenfeld am Saisonende verlassen. Neue Aufgabe beim Ligakonkurrenten.
Der TV Bittenfeld hält nur zehn Minuten mit
Nach erfolgreichem Auftritt vor einer Woche hat der TV beim Vorletzten überraschend deutlich verloren.
Nachrichtenticker
03:58   Champions League der Frauen: Frankfurt will Titelpremiere
03:10   Wolfgang Schäuble erhält Karlspreis
02:55   Aufsichtsrat informiert über Konsequenzen aus Flughafen-Debakel
02:14   Auftakt der Proteste gegen Banken - Zeltlager in Frankfurt geräumt
02:10   Europäische Innenminister treffen sich in München
1   2   3   4   5   6   7   weiter
» aktualisieren