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ÖsterreichKärnten: Der Eismeister vom Weißensee

Christian Schreiber aus Weißensee, vom 30.12.2012 05:00 Uhr
Zeigt eindrucksvoll, wie es geht: Eislauf-Trainer Wolfgang Wernitznig. Foto: Schreiber
Zeigt eindrucksvoll, wie es geht: Eislauf-Trainer Wolfgang Wernitznig.Foto: Schreiber

Weißensee - Eine sportliche Mami kurvt mit dem Kinderwagen vorbei. Drei Jungs ziehen ihren Schlitten vor einem älteren Mann her, der sich auf wackeligen Beinen an einen Plastikpinguin klammert. Offenbar sind es seine ersten Gehversuche auf Schlittschuhen - und dafür hat er sich gleich ins Paradies der Kufenflitzer begeben. Der Weißensee im österreichischen Kärnten gilt als größte natürliche Schlittschuhbahn der Welt. 6,5 Quadratkilometer präpariertes Eis für kleine Kunstläufer, elegante Pirouettendreher, große Eishockeyspieler, schnelle Läufer und sportliche Familien. Sogar ein eigener Schlittschuh wurde dort entwickelt, die Kufen werden einfach an Langlaufstiefel geschnallt. Das ist bequem und sportlich zugleich. Nach einer kurzen Eingewöhnung gleitet man sanft über das polierte Eis.

Wer seinen Rhythmus gefunden hat, schwebt mit einem Gefühl ungekannter Leichtigkeit dahin, blendet den Trubel aus, hört nur noch das Klack-klack der Kufen, hat endlich Ruhe, um die Berge ringsum zu genießen. Hier gibt es keine mächtigen Dreitausender, keine dunklen, angsteinflößenden Nordwände. Die Hügel zeichnen sich sanft ab am blauen Horizont. Es ist der perfekte Rahmen für eine so entspannende, befreiende Tätigkeit wie Schlittschuhlaufen. Nur auf die verflixten kleinen Risse, die sich durch die Spannungen in der riesigen Eisfläche ergeben, muss man achten. Ansonsten sind die Bedingungen nahezu perfekt. Das Eis wird vom Schnee befreit, gekehrt, geschliffen, poliert, kontrolliert, protokolliert, vermessen. Zuständig für all das ist Norbert Jank. Eine Berufsbezeichnung für ihn lässt sich nicht finden, sie würde irgendwo zwischen Eismeister und Wissenschaftler liegen. Seit vier Jahrzehnten erfasst er Daten rund um den winterlichen Weißensee, notiert, wann welcher Teil zufriert, und prüft die Belastbarkeit. Ende November rückt er stets mit seinen selbst konstruierten Gefährten und Werkzeugen aus, um die nötigen Grundlagen zu legen. Der flache Westteil friert immer zuerst zu. Norbert Jank dreht dann seine Runden mit einem leichten Quad und einem Pflug. Er ist morgens auf dem Eis, bevor die Sonne im Osten den See streichelt, und abends, wenn sie dem Westzipfel ihre letzten Grüße schickt. Es gibt keinen Plan, den er abarbeiten kann. Jedes Jahr ist anders. Jeder Tag ist anders.

„Ich muss zum richtigen Zeitpunkt das Richtige machen“

Jede Stunde ist das Eis anders. „Ich muss zum richtigen Zeitpunkt das Richtige machen“, sagt Norbert Jank. Jeder kann sehen, wie er das Eis kehrt, wann er poliert, wann er schleift. Aber niemand kann seine Arbeit kopieren. Natürlich waren schon Späher da, die das Geheimnis des Weißensees lüften wollten. Aber Eismeister Norbert Jank hat allen etwas voraus: eine vier Jahrzehnte lange Erfahrung. „Was ich im Kopf habe, kann ja keiner rausholen.“ In der Hauptsaison sehen die Schlittschuhläufer Norbert Jank nur in seinem kleinen blauen Ford, an dem entweder ein XXL-Besen oder eine Megaschaufel hängt. Manche klatschen, wenn er vorbeifährt, oder klopfen anerkennend aufs Autodach. Zwei Eishockeyspieler winken heftig, als sie Jank erblicken. Er hat ihre Spielfläche heute noch nicht in Schuss gebracht. In dem Moment zischt eine Gruppe Gelbmützen vorbei. Sportliches Tempo, professionelle Ausrüstung, der Trainer vornweg. „Ah, die Holländer sind da“, sagt Norbert Jank. Prompt stoppen sie, um mit ihm zu plauschen. Für die Eiseiligen ist er ein Eisheiliger. Fast 50 Prozent der Gäste im Winter sind Niederländer. Normale Urlauber, Familien, Amateure und Profis. Alle wollen in Kärnten aufs Eis. Ende Januar ist der Weißensee zwei Wochen lang oranje. Dann tragen die Holländer dort einen ihrer größten Eisschnelllauf-Wettkämpfe aus. Früher konnten sie ja noch zu Hause auf den Grachten fahren.

Aber seit der Winter in den Niederlanden ein Frühjahr ist, frieren die Wasserstraßen nicht mehr richtig zu. Wo haben sie nicht überall gesucht? Finnland, Norwegen, Kanada. Nirgendwo war es auch nur annähernd so gut wie am Weißensee. Genügend Betten, gute Infrastruktur, perfektes Eis. Der zweitwichtigste Mann für die Wintersportler am See ist Wolfgang Wernitznig. Wer das Laufen auf Kufen lernen, seine Technik verbessern oder das nächste Rennen gewinnen will, muss zu ihm. Der 42-Jährige ist der einzige echte Eislauf-Trainer am Weißensee. Früher war Wernitznig selbst mal Profi und stets hart zu sich selbst. Wie sonst sollte man 200-Kilometer-Rennen gewinnen? Im Umgang mit seinen Gästen hat er eine Engels­geduld. Immer wieder macht er Übungen vor, hebt elegant ein Bein vom Eis und gleitet auf der Kufe dahin. Was bei ihm aussieht wie ein stolzer Storch, verkümmert bei manchem Gast zum sterbenden Schwan. „Immer mit der Ruhe, das geht nicht von heute auf morgen. Man braucht Geduld“, sagt Wolfgang Wernitznig dann.

Am zweiten Tag, nachdem man sich an den Muskelkater gewöhnt hat, der an Stellen sitzt, wo man gar keine Muskeln mehr vermutet, gelingt dann manches tatsächlich besser. Beim Abdrücken mit den Kufen verschwindet das Kratzgeräusch allmählich und weicht einem sanften Klacken, das Wolfgang Wernitznig als sehr gutes Zeichen wertet. Er wippt dann mit dem Kopf, und die langen widerspenstigen, schwarzen Haare spitzen unter der Kapuze hervor. Wenitznig ist in der Gegend bekannt wie ein bunter Hund, was sicher nicht auf seine grüne Jacke und die rote Trainingshose zurückzuführen ist. Fast jeder, der halbwegs vernünftig Schlittschuh laufen kann, hat schon mal einen Kurs bei ihm belegt. Wolfgang Wernitznig ist kein Schwätzer und Aufschneider wie so mancher Skilehrer. Erst wer ihn näher kennt, erfährt, was alles in ihm steckt. Er hat als Radfahrer, Langläufer und Inlineskater Profiluft geschnuppert. „Am schönsten ist Eisschnelllauf, deswegen bin ich hier hängen geblieben.“ Obwohl er so sportlich ist, macht er nicht alles mit, was am Weißensee geboten wird. Eis-Golf oder Unterwasser-Eishockey sind dann doch nicht sein Fall. Und mit Schlitten oder Kinder­wagen muss er auch nicht mehr aufs Eis, weil seine Kinder schon erwachsen sind. Wolfgang Wernitznig lächelt kurz über den älteren Herrn mit Plastikpinguin und sagt: „Fürs Schlittschuhlaufen ist es nie zu spät.“

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