Mit dem Pedelec unterwegs „Wie Doping – nur gesünder“

Martin Winterling, 10.08.2016 00:00 Uhr
Mit dem Pedelec lassen sich hügelige Strecken bewältigen. Zum Beispiel entlang dem Limes vom Remstal hinauf nach Welzheim. Foto: Steinemann
Mit dem Pedelec lassen sich hügelige Strecken bewältigen. Zum Beispiel entlang dem Limes vom Remstal hinauf nach Welzheim.Foto: Steinemann

Waiblingen. „Je mehr Radfahrer auf der Straße sind, desto sicherer ist das Radeln.“ Diese Erfahrung machen die passionierten Radfahrer des Waiblinger ADFC Tag für Tag. Viele Radler im Straßenbild erinnern Autofahrer an den Verkehrsteilnehmer Rad – und die Autofahrer passen entsprechend auf. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub ist der ADAC für Radler. Nur nicht so mächtig.

Über 800 Mitglieder zählt der ADFC im Rems-Murr-Kreis. Der ADFC versteht sich als Verein für die Alltagsfahrer, um die Bedingungen für Radfahrer zu verbessern, sagt der Kreisvorsitzende Dietbert Scharner aus Waiblingen. Wie der große ADAC bietet auch der Fahrradclub inzwischen Pannenhilfe an. Eine 24-Stunden-Hotline, exklusiv für ADFC-Mitglieder, hilft mit Werkstattadressen weiter, organisiert eine mobile Pannenhilfe oder bei Bedarf einen Abschleppdienst. Ausgenommen von diesem Service ist freilich ein Platten, der aufgepumpt werden kann.

Darüber hinaus bietet der ADFC vor Ort gemeinsame Touren an. Regelmäßig geht’s nach Feierabend von Schorndorf oder Waiblingen auf Tour. Freitags sind die Waiblinger unterwegs und absolvieren je nach Kondition unterschiedliche Strecken. Die „Gruppe sportivo“ einen 40-Kilometer-Rundkurs, der „Gruppe tranquilo“ reichen 20 bis 35 Kilometer. Mittwoch und Donnerstag bieten die Schorndorfer Touren an, die Cappuccino-Tour ist mittwochs ab 16 Uhr für Einsteiger gedacht, die Feierabendtour am Donnerstag, 18 Uhr, richtet sich an ambitioniertere Radler.

Wer, wenn nicht die Radfahrer selbst, wissen, wo der Schuh drückt

Darüber hinaus betreibt der ADFC auch politische Lobbyarbeit. Ob jedoch die Rad-Aktivisten bei der Verkehrsplanung gehört und in die Pläne eingebunden werden, hängt stark von den Gemeinden ab, sagt Scharner. Wichtig sei, dass die Belange der Radfahrer frühzeitig berücksichtigt werden. „Häufig ist es zu spät“, sagt Scharner und weist auf den Alten Postplatz in Waiblingen hin, wo Radfahrer keinen Platz haben. Ein gutes Beispiel sei hingegen der Devices-Kreisel in Waiblingen. Um diesen läuft außen herum eine eigene Radspur. Bei dieser Planung war der ADFC von vornherein einbezogen. Wer, wenn nicht die Radfahrer selbst, wissen, wo der Schuh drückt. Vor allem die Alltagsfahrer, die ihr Rad nicht nur am Wochenende aus der Garage holen, können ein Lied davon singen, wo Radweg-Planung in Sackgassen führt.

Der Grundkonflikt lautet: touristischer Radweg oder Alltagsrouten. Das beste Beispiel ist der Remstalradweg – genauer gesagt: Er ist ein schlechtes Exempel für den Alltagsradfahrer und taugt nicht für Pendler, die Tag für Tag mit dem Rad zur Arbeit fahren. Für ADFC-Aktivisten sind solche Wege „ein großes Ärgernis“. Es mag ja reizvoll sein, Land und Leute kennenzulernen und kreuz und quer durch die Gegend zu kurven. Doch solche Streckenführungen sind zeitraubend und nervenaufreibend. „Radler müssen mit ihren Kräften haushalten“, sagt Dietbert Scharner. Ein Radweg, der ständig hoch und runter geht, ist ebenso lästig wie die Brücken, die über Straßen führen, oder lange Umwege.

Die Bedingungen für Radfahrer verbessern sich, sagt Andreas Schwager mit Blick auf die Remstal-Gartenschau 2019. Die grün-rote Landesregierung hat noch Anfang des Jahres das „Radnetz Baden-Württemberg“ auf den Weg gebracht, zu dem auch die Routen Stuttgart-Aalen und Stuttgart-Backnang gehören. „Waiblingen kommt gut weg“, sagt Schwager. Das Radnetz sieht ein flächendeckendes, durchgängiges Netz alltagstauglicher Fahrradverbindungen zwischen Mittel- und Oberzentren entlang den wichtigsten Siedlungsachsen im Land vor. Um das Radnetz zu realisieren, müssen freilich der Landkreis Rems-Murr wie auch die Städte und Gemeinden mitziehen und die Lücken zwischen den Radwegen schließen.

Alltagsradler träumen von kreuzungsfreien Radschnellwegen

Dass so viele Radfahrer trotz eines parallel verlaufenden Radweges auf die Straße ausweichen, hängt nicht zuletzt mit dem oft miserablen Zustand der Radwege zusammen. Wenn die ADFC-Mitglieder träumen, dann von Radwegen mit einer geschlossenen Fahrbahn-Oberfläche, gut ausgeschildert und so breit, dass sich zwei Radler unfallfrei im Gegenverkehr begegnen können – oder dass es kein Problem ist, auch mal nebeneinander herzufahren.

Zu einem flotten Vorankommen wären Radschnellwege die Lösung, wie gerade einer im Ruhrgebiet entsteht, wagt der ADFC Rems-Murr eine „kühne Vision“ auch für unsere hügelige Gegend, in der sich die Radwege-Planung überwiegend an den gemütlichen Sonntagsfahrern an den Wochenenden orientiert.

Pedelecs und E-Bike ebnen unsere Hügel zunehmend ein. Der Elektromotor unterstützt die Muskelkraft und öffnet dem Fahrrad ganz neue Möglichkeiten als Alltags-Verkehrsmittel. Schauen Radler verächtlich auf die E-Radfahrer runter? „Nein!“ Einhelliges Kopfschütteln in der Runde der ADFC-Mitglieder. „Ich freue mich über jeden, der aufs Rad steigt“, sagt Andreas Schwager. Jeder Radfahrer auf der Straße erhöhe die Sicherheit. In manchen Familien sorgt das Pedelec für Frieden, wenn der untrainierte Partner plötzlich mit dem muskelgestählten Radfahrer mithalten kann. So ein Elektromotor sei „wie Doping. Nur gesünder.“

Pannenhilfe für Radfahrer

Die 24-Stunden-Hotline des ADFC, ) 02 21/82 77 94 22 ist exklusiv für Mitglieder. Bei einer Panne oder einem Unfall organisiert die Hotline die passende Hilfe in Form der mobilen Pannenhilfe oder durch Abschleppen. Sie informiert über die nächstgelegene Fahrrad-Werkstatt oder den nächsten Bett+Bike-Gastbetrieb beziehungsweise eine andere Unterkunft.

Die gerufene mobile Pannenhilfe versucht, das Fahrrad direkt an Ort und Stelle wieder zu reparieren, oder schleppt notfalls ab.

Abschleppen: Ist das Fahrrad so schwer beschädigt, dass es der Pannenhelfer vor Ort nicht reparieren kann, wird es mit dem Gepäck zur nächsten Fahrrad-Werkstatt oder nach Hause gebracht.

ADFC-Pannenhilfe-Plus: Zusätzlich können Mitglieder die ADFC-Pannenhilfe-Plus für jährlich 11,90 Euro in der Einzelmitgliedschaft beziehungsweise 19,90 Euro in der Familienmitgliedschaft dazubuchen. „Sie ist das Komfortpaket für Menschen, die mit dem Rad unterwegs sind, und enthält viele weitere Leistungen“: Weiter- oder Rückfahrt, Leihfahrrad, Übernachtungskosten, Fahrrad-Rücktransport oder -Verschrottung, Krankenrücktransport sowie Notfall-Bargeld.

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