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Mit dem Pedelec unterwegs „Das beste Pedelec gibt es nicht“

Waiblingen. Das beste Pedelec? „Das gibt es nicht“, sagt Jürgen Seeger. „Wir müssen das beste für Sie finden!“ Der Waiblinger Zweirad-Händler verkauft jährlich etwa 1000 Räder. Darunter immer mehr Pedelecs. Und je länger Jürgen Seeger die Varianten von E-Bikes vorstellt, Vor- und Nachteile gegeneinander abwägt, desto klarer wird: Das beste Pedelec gibt es wirklich nicht.

Naben- oder Kettenschaltung, Mittelmotor oder Motor in der Hinterradnabe, Rücktritt- oder Scheibenbremse ... Jürgen Seeger hat all diese Varianten im Laden stehen. Die Modellvielfalt ist riesengroß. Pedelecs mit Frontmotor jedoch hat er keine mehr im Angebot, obwohl just dieser einfache Elektromotor im Vorderrad vor Jahren den Pedelec-Boom erst ins Rollen brachte. Heute ist der Frontmotor den billigen Fahrrädern vorbehalten.

„Im Fachgeschäft werden 1000-Euro-Pedelecs nicht verkauft“, sagt Seeger und weist auf die Tücken hin, die billige Räder bergen können. Ohne Sensorik in den Pedalen beispielsweise schiebe der Motor das Rad weiter, selbst wenn der Radler aufgehört hat zu treten. Das kann ins Auge gehen, erklärt Seeger, weshalb Sensoren nützlich sind. Das Gros der Pedelecs kostet 2000 Euro aufwärts. Nach oben gibt es kaum Grenzen. Auch Pedelecs für 5000 Euro und mehr sind auf dem Markt und finden ihre Liebhaber. Auch ein Brot-und-Butter-Pedelec bietet überraschend viel Menge Technik.

Mittelmotor oder ein Nabenmotor im Hinterrad?

„Von der Theorie her ist der Motor im Hinterrad besser“, sagt Jürgen Seeger. „In der Praxis gibt es leider öfters Probleme.“ Vor- und Nachteile sind konstruktionsbedingt. Weil der Nabenmotor kein Getriebe braucht, ist er leiser. Die Kette unterliegt keinem Verschleiß wie bei einem Mittelmotor. Das Fahrrad hat eine ganz normale Kettenschaltung mit bis zu 30 Gängen. Der Nabenmotor ermöglicht sogar, Energie zurückzugewinnen. „Alles super Vorteile“, zeigt Seeger, wie bei einem solchen Pedelec die Rekuperation eingestellt werden kann. Außer fünf Stufen fürs Vorwärtskommen lassen sich zwei Stufen für die Energierückgewinnung einstellen, was bergab mit einer gewissen Bremswirkung einhergeht.

Dass sich der Nabenmotor gegen den Mittelmotor nicht durchgesetzt hat, lag an der in den Anfangsjahren häufig aufgetretenen Überhitzung der Motoren an langen Steigungen. Der Motor schaltet sich zwar ab, bevor er sich selbst zerstört, doch in der Vergangenheit sorgte dies bei vielen Benutzern für Verdruss. Weitere Nachteile sind die Hecklastigkeit der Räder und damit eine ungleiche Gewichtsverteilung beim Tragen, und dass der Ausbau des Hinterrades bei einem Platten kompliziert ist.

Naben- oder Kettenschaltung?

Viele Kunden kommen mit ihrer Kettenschaltung einfach nicht klar. „Es gibt viele Glückliche“, sagt Seeger, „die Dunkelziffer der Unglücklichen ist aber genauso groß.“ Er weiß, dass sich viele Radfahrer beispielsweise nicht daran gewöhnen, rechtzeitig runterzuschalten und beim Wiederanfahren im falschen Gang stehen. Was bei den schwereren Pedelecs beim Anfahren am Berg ungleich mehr Schwierigkeiten macht.

Und sind 30 Gänge wirklich nötig?, fragt Seeger – außer vielleicht bei einer Alpenüberquerung. Für viele Kunden seien acht oder zehn Gänge völlig ausreichend – und diese am besten noch kombiniert mit einer Rücktrittsbremse, an die viele Kunden einfach gewöhnt sind.

Rücktritt- oder Scheibenbremse?

Die erste Generation der Pedelec-Kunden waren ältere Semester. Sie sind es auch, die eine Rücktrittbremse am Fahrrad nicht missen möchten – und den praktischen Durchstieg. Die praktikable Lösung lautet: ein Mittelmotor mit Nabenschaltung. Dass das Nabengetriebe ein paar Kilo wiegt, ist aus Sicht von Seeger unerheblich. Denn das Gewicht spüre der Radler weder beim Schieben noch beim Fahren.

Beim Mittelmotor ist Bosch der Marktführer. Die Stuttgarter haben ihre Erfahrung aus der Automobilbranche genutzt und belieferten prompt alle Pedelec-Hersteller – und nicht wie der Konkurrent Panasonic nur wenige exklusive.

Der Wettbewerb holt auf, zumal Bosch mit seiner Knubbel-Optik den Markt verschlafen habe. Brose, ein Unternehmen ebenfalls aus der Automobilindustrie, setzt im Getriebe auf Zahnriemen, was die surrenden Mittelmotoren leiser macht; auch Yamaha oder Shimano machen Bosch zunehmend Konkurrenz.

Shimano, der japanische Hersteller von Fahrradkomponenten, hat inzwischen ein eigenes Pedelec auf dem Markt. Bei dem werden die Gänge nicht mehr mechanisch, sondern elektrisch geschaltet – und obendrein kann eine Gangautomatik eingestellt werden. „Beim Cruisen funktioniert die Automatik“, sagt Jürgen Seeger. Im Stadtverkehr, wenn oft gebremst und wieder angefahren werden muss, hat er jedoch seine Zweifel.

Bei Bremsen haben sich bei Pedelecs weitgehend Scheibenbremsen durchgesetzt. Sie sind witterungsfest und in der Lage, die im Vergleich zu normalen Rädern schwereren und schnelleren Pedelecs zu stoppen. Das Gewicht eines Pedelecs liegt bei ungefähr 25 Kilogramm. High-Tech-Räder wie beispielsweise von Remsdale aus Schorndorf liegen sogar deutlich unter 20 Kilo. Doch Leichtgewichte haben ihren Preis.

Wie weit kommt man heute mit einem Pedelec?

50, 90 oder 130 Kilometer? Die Reichweite eines Pedelecs hängt maßgeblich von der Landschaft – und der Faulheit des Radlers ab. Wer immer Vollgas gibt und sich auch auf der Ebene schieben lässt, saugt schnell seinen Akku leer. Der sparsame Radler bestellt nur am Berg Rückenwind – und kommt weit. Mit 250 Wattstunden hat ein Akku nur eine geringe Kapazität, die Regel sind heute Akkus bis 400 Wh. Den 500-Wh-Akkus gehört die Zukunft. Die begrenzte Reichweite sei längst nicht mehr das Problem des Pedelecs, sagt Seeger. Nach vier, fünf Stunden im Sattel haben die meisten Freizeitradler sowieso genug. Sie sehnen sich nach einer Pause oder sind längst wieder zu Hause. In vielen Gasthäusern gehört es zum Service, dass der Gast seinen Akku aufladen kann. Voraussetzung ist freilich, dass er seine Ladestation dabeihat.

Was kostet eine Akkuladung?

Der Preis variiert je nach Kapazität des Akkus und Strompreis des Anbieters. Pauschal lässt sich sagen: Mit etwa zehn bis 15 Cent wird jeder Akku eines üblichen Pedelecs voll geladen, schreibt das E-Bike-Magazin.

Wohin geht der Trend?

Die Kraft der Elektromotoren bei Pedelecs ist gesetzlich auf 250 Watt begrenzt, die Akkukapazitäten sind ausreichend. Wohin geht der Trend bei Pedelecs? „Optik!“, beantwortet Jürgen Seeger. Die Zeit der hässlichen, irgendwie an den Rahmen angeflanschter Akkupacks ist vorbei. Der Akku wird immer perfekter in den Rahmen integriert. „Das ist die Zukunftsmusik!“, sagt Seeger und zeigt ein Modell, bei dem der Akku im Rahmen verschwindet, aber dennoch leicht entnommen werden kann. Ein weiterer Trend ist, dass Pedelecs öfters von sportlichen Radlern gekauft werden,

Ist das Pedelec das Fahrrad für Senioren?

Die erste Generation, die Pedelecs für sich entdeckt hat, waren Senioren oder gesundheitlich eingeschränkte Menschen, die beispielsweise nach einem Herzinfarkt wieder aufs Rad steigen wollten. „Das Pedelec wird salonfähig“, stellt Seeger in inzwischen ein verstärktes Interesse in seinem sportlichen Freundeskreis fest. Ausdruck davon sind die vielen Mountainbikes mit Elektromotor, mit denen sich die Hügel im Schurwald oder die Anstiege hinauf in den Schwäbischen Wald viel leichter bewältigen lassen. Statt ein- oder zweimal pro Tag den Lieblingstrail zu schaffen, lässt sich der Spaß im Gelände auf dreimal erhöhen.

Mit dem Pedelec lassen sich konditionelle Unterschiede ausgleichen. Sei es die bei einem Ehepaar, bei dem der Partner plötzlich dank elektrischem Rückenwind mithalten kann. Sei es in Gruppen, die wieder gemeinsame Ausfahrten machen können und Orte erreichen, die mit purer Muskelkraft nur ein Traum geblieben wären. „Du kannst Leute im Sportbereich zusammenführen.“

Die dritte Generation der Pedelec-Nutzer wartet bei Seeger schon vor der Ladentür, die Alltagsnutzer. Mit dem Pedelec lassen sich auch weitere Wege zur Arbeit bewältigen, Einkäufe erledigen oder wird am Abend zum Sport oder ins Kino gefahren. „Die guten Vorsätze, das Auto öfters mal stehen zu lassen, werden Wirklichkeit.“

Was ist das beste Pedelec?

Das beste Pedelec gibt es nicht. Jürgen Seeger erzählt die Geschichte von drei Kunden, die mit klaren Vorstellungen in den Laden kamen und wussten, was für sie richtig ist. Für ihre Frauen hatten sie Citybikes mit Nabenschaltung ausgesucht, für sich selbst sportliche Räder. Nach Probefahrten sah die Pedelec-Welt für zwei der drei Kunden plötzlich ganz anders aus. Sie entschieden sich für die bequeme Variante mit Durchstieg – und hatten das beste Pedelec für sich gefunden.

Kleines Einmaleins der E-Bikes

Das Pedelec (Pedal Electric Cycle) unterstützt den Fahrer mit einem Elektromotor bis maximal 250 Watt, während des Tretens und nur bis 25 km/h. Wer schneller fahren will, ist auf die eigene Körperleistung angewiesen, die bei einem durchschnittlichen Radfahrer etwa 100 Watt beträgt. Der Rückenwind kann in mehreren Stufen eingestellt werden und ist abhängig von der Pedalkraft oder der Trittfrequenz.

Pedelecs sind nach § 1 Absatz 3 des Straßenverkehrsgesetzes dem Fahrrad rechtlich gleichgestellt. Fahrer benötigen weder ein Versicherungskennzeichen noch eine Zulassung oder einen Führerschein. Für sie besteht zudem keine Helmpflicht oder Altersbeschränkung. Dies gilt auch für Pedelecs mit Anfahrhilfe bis 6 km/h.

Schnelle Pedelecs/S-Klasse: Die schnellen Pedelecs, auch Schweizer Klasse oder S-Klasse genannt, gehören nicht mehr zu den Fahrrädern, sondern zu den Kleinkrafträdern. Die Räder funktionieren zwar wie ein Pedelec, aber die Motorunterstützung wird erst bei 45 km/h abgeschaltet. Derzeit liegt die maximal erlaubte Nenn-Dauerleistung der Motoren bei 500 Watt. Das schnelle Elektrofahrrad braucht ein Versicherungskennzeichen (Kostenpunkt etwa 70 Euro pro Jahr). Der Fahrer muss mindestens 16 Jahre alt sein, den Führerschein Klasse AM haben und Helm tragen.

E-Bikes im engeren Sinn sind die dritte Kategorie. Sie sind mit einem Elektromofa zu vergleichen und lassen sich mit Hilfe des Elektroantriebs durch einen Drehgriff oder Schaltknopf fahren, auch ohne dabei in die Pedale zu treten. Auch hier ist ein Versicherungskennzeichen, eine Betriebserlaubnis und mindestens eine Mofa- Prüfbescheinigung zum Fahren notwendig. Quelle: ADFC

Schnelle E-Bikes haben sich auf dem Markt nicht durchgesetzt. Viele Fahrer sind in einer Grauzone unterwegs, weil sie ihre Kennzeichen abschrauben, um wie mit einem Rad oder Pedelec über die Felder oder auf Radwegen fahren zu dürfen. Zudem schreibt der Gesetzgeber unsinnige Dinge vor wie zum Beispiel einen Ständer, der wie beim Motorrad von selbst einklappt, oder eine an die Lampe gekoppelte Tachobeleuchtung.

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