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Waiblingen Markus Beier: Vom Landratsamt zur IHK

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Markus Beier, 42, wird neuer Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr: „Mein Gott, haben wir’s schön. Was für ein toller Landkreis!“ Foto: Winterling / ZVW

Waiblingen. Die Stabstelle Wirtschaftsförderung, Europa, Tourismus und Integration hat ein sehr breites Aufgabenfeld. Das zeigt schon der Name. „Das macht es spannend!“, sagt Markus Beier, der die Stabstelle seit 2010 leitet. Der Wirtschaftsförderer wechselt zur IHK-Bezirkskammer Rems-Murr und soll die Geschäftsführung übernehmen.

Video: Markus Beier, Drei Fragen, drei Antworten zu seiner Zeit als Wirtschaftsförderer.

Am Donnerstag sollte die IHK-Vollversammlung Markus Beier zum leitenden Geschäftsführer der Bezirkskammer Rems-Murr formal bestätigen, nachdem er von der Bezirksversammlung als Nachfolger von Hans-Martin Gayer berufen worden war. Weil jedoch die Vollversammlung wegen eines Konflikts mit der Kakteengruppe über die Tagesordnung nicht mehr beschlussfähig war, wird Beiers Wahl auf eine Sondersitzung verschoben, die zeitnah einberufen werden soll.

Seinen Schreibtisch im Landratsamt hat Markus Beier bereits aufgeräumt. Landrat Richard Sigel hat ihn als Wirtschaftsförderer aus dem Amt verabschiedet, das er 2009 angetreten hatte. Die Stelle war damals lediglich als Elternzeitvertretung ausgeschrieben. Die Ausschreibung hat den gelernten Wirtschaftsgeografen mit MBA-Diplom dennoch gereizt. „Manchmal muss man die Chancen beim Schopfe packen“, sagt Markus Beier. Er war bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Region Stuttgart (WRS) fürs Standortmanagement zuständig und kümmerte sich beispielsweise um den Auftritt der Region Stuttgart bei der Immobilienmesse Expo Real. Den Wechsel in den Rems-Murr-Kreis hat Beier nie bereut. Wenn er zwischen Rems und Murr unterwegs sei, gehe ihm öfters mal durch den Kopf: „Mein Gott, haben wir’s schön! Was für ein toller Landkreis!“

Die große Behörde Landratsamt mit ihren klar definierten und strukturierten Abläufen haben ihm jedoch einiges abverlangt, räumt Beier ein. Er kam von der kleinen WRS und war die Bürokratie nicht gewohnt. „Das meine ich durchaus positiv“, versichert Beier. Landrat Johannes Fuchs, sein damaliger Chef, sei eine gute Schule gewesen, um zu lernen, die wesentlichen Dinge schriftlich zusammenzufassen – und das möglichst kurz und knapp.

2010 schrieb der Kreis erstmals einen Innovationspreis aus

Als Markus Beier seinen Job antrat, hatte die Wirtschaft nicht nur im Kreis eine Förderung dringend nötig. Die Finanz- und Wirtschaftskrise war auf ihrem Höhepunkt, die Konjunktur auf einem absoluten Tiefpunkt. Die Auftragseinbrüche gerade im Maschinenbau waren enorm. „Wir waren im Krisenmodus.“ Auf seinem Schreibtisch lag ein Konzept seines Vorgängers für einen Unternehmerpreis. Die Firmen seien zu dieser Zeit jedoch nicht auf der Suche nach Preisen gewesen, sondern nach Aufträgen. 2010 schrieb der Rems-Murr-Kreis zum ersten Mal den „Innovationspreis Rems-Murr“ aus, mit dem herausragende Innovationen aus Industrie, Handwerk, Handel und Dienstleistungswirtschaft ausgezeichnet und die besondere Rolle innovativer Unternehmen und Unternehmensgründungen für die weitere wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landkreises gewürdigt werden. Es war Beiers erstes Projekt als Wirtschaftsförderer. 2018 erfolgt die fünfte Ausschreibung, an der Beier wieder mitwirken wird. Allerdings in seiner neuen Funktion als IHK-Geschäftsführer.

Ein Wirtschaftsförderer habe vier Arbeitsschwerpunkte, sagt Markus Beier und nennt als ersten die des Netzwerkers und Lotsen für Unternehmen. Der Wirtschaftsförderer ist erster Ansprechpartner für Unternehmen, die sich hier ansiedeln wollen. Und er hilft ihnen beim Weg durch den Dschungel der Behörden. Beier ist hierin als Netzwerker gefragt, der mit seinem Kollegen in den Städten und Gemeinden eng zusammenarbeitet. Beier sieht sich keineswegs als Konkurrenz zur kommunalen Wirtschaftsförderung. Viele Rathauschefs hatten dies befürchtet, als die Stelle des Kreiswirtschaftsförderers geschaffen wurde. Sie argwöhnten, dass der Kreismann in ihren Gefilden der Gewerbeansiedlungen wildert. Im Gegenteil, sagt Beier. Auf seine Initiative hin säßen heute die Einzelkämpfer aus den Rathäusern zweimal im Jahr an einem Tisch und tauschen sich aus. Die Arbeitsteilung sei klar. Der Kreismann stößt interkommunale Projekte wie den Innovationspreis oder die Breitband-Initiative an; die kommunalen Wirtschaftsförderer kümmern sich um Standortanfragen.

„Alltag eines Wirtschaftsförderers ist sehr projektorientiert“

Weitere Schwerpunkte der Arbeit liegen auf der Innovationsförderung, dem Thema Übergang Schule-Beruf oder der Fördermittelberatung. „Der Alltag eines Wirtschaftsförderers ist sehr projektorientiert“, umschreibt Beier sein breites Aufgabenfeld, zu dem inzwischen auch die Leitung der elfköpfigen Stabstelle gehört.

Der Rems-Murr-Kreis ist zwar nicht so automobillastig wie andere Landkreise in der Region. Doch die Anlagenbauer hängen ebenfalls stark an der Autoindustrie und ihren Zulieferern. „Insgesamt sind wir stabiler aufgestellt durch den Schwerpunkt Sondermaschinenbau“, sagt Beier. Viele Maschinenbauer beliefern Branchen wie die Nahrungsmittel- oder Pharmaindustrie, die weniger konjunkturabhängig seien. Die Autoindustrie steht aufgrund der E-Mobilität vor einem Umbruch. Er traut der baden-württembergischen Industrie zu, diesen zu bewältigen. „Wer, wenn nicht wir mit unserem Know-how, wer dann?“

Bei aller Begeisterung für den Rems-Murr-Kreis kennt Beier auch die Schwachpunkte. Er bedauert, dass der Kreis nach wie vor kein Hochschul-Standort ist. Der Versuch, in Backnang eine Zweigstelle der Dualen Hochschule anzusiedeln, ist trotz vielfältigen Engagements gescheitert. Für einen zweiten Anlauf sieht Beier wenig Chancen. Ein Dauerbrenner ist die lückenhafte Verkehrsanbindung. Selbst wenn sich nun durch den vierspurigen Ausbau der B 14 bis Backnang eine Besserung abzeichnet. Ein Problem, dass der Kreis mit der gesamten Region teilt, ist der Mangel an Gewerbeflächen. Dies könnte sich zu einem Entwicklungshemmnis auswachsen, befürchtet Beier.

„Wir müssen Netze mit einer unbegrenzten Technik schaffen“

Nachholbedarf hat die gesamte Region bei Ausbau des schnellen Internets. Auf Initiative von Beier hat der Landkreis den Ist-Zustand bei der Breitbandversorgung mit einer Studie erfasst. Inzwischen liegt der Plan für 300 Kilometer Datenautobahn zwischen Rems und Murr vor, für den der Kreis federführend ist. Nun seien die Rathäuser am Zug, ihre Städte und Gemeinden an die Datenautobahn anzuschließen und Glasfaserleitungen verlegen zu lassen. Das kostet Geld, viel Geld. Schließlich müsse jede Straße und jedes Haus aufgegraben werden. Sobald der erste Spatenstich für ein Netz gesetzt wurde, könne man sich auf die Suche nach einem Betreiber des Netzes machen. Beier bevorzugt schon aus Kostengründen eine regionale Lösung. „Wir müssen Netze schaffen, die eine unbegrenzte Technik bieten können.“

 

 

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