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Schorndorf Mit 137 Sachen durch Schorndorf

Symbolbild. Foto: Bernhardt/ZVW

Schorndorf. Mit 137 Sachen ist ein 25-jähriger Fahrer eines Mercedes AMG die Gmünder Straße in Schorndorf entlanggejagt. Er habe das 500 PS starke Auto ausgeliehen, erzählte er der Polizei. Der junge Mann zeigte sich zerknirscht. Trotzdem wird die Führerscheinstelle nun prüfen, ob sich der Raser ganz grundsätzlich als Autofahrer eignet.

Vermutlich hatte der junge Mann um diese Zeit nicht mit einer Geschwindigkeitskontrolle gerechnet. In der Nacht auf Samstag gegen 1 Uhr überholte der 25-Jährige gleich nach dem Reinhold-Maier-Platz in Richtung Urbach ein anderes Auto, woraufhin er laut Polizei auf 142 Stundenkilometer beschleunigte. Auf der Gmünder Straße heizte er dann mit 137 Sachen gen Urbach. Derweil waren Polizisten mit einem Handlasergerät vor Ort.

Ein paar Konsequenzen stehen schon fest

Bis die Führerscheinstelle über die „charakterliche Eignung zum Führen eines Kraftfahrzeugs“ geurteilt haben wird, werden noch viele Wochen ins Land gehen. Ein paar andere Konsequenzen stehen jetzt schon fest, wie die Polizei mitteilt: dreimonatiges Fahrverbot, 680 Euro Bußgeld, zwei Punkte.

Sofern der AMG-Lenker in den vergangenen zwei Jahren noch kein Fahrverbot hatte, darf er sich vier Monate Zeit lassen, bis er den Führerschein abgibt. Laut allgemeiner, nicht auf diesen Einzelfall bezogener Info des Landratsamts kann ein Fahrer innerhalb der vier Monate auswählen, in welche Zeit er das Fahrverbot legt.

Knifflig: „Charakterliche Eignung“ checken

Knifflig gestaltet sich der Check der „charakterlichen Eignung“. Anhaltspunkte liefert das Straßenverkehrsgesetz: Als Autofahrer geeignet ist, wer „die notwendigen körperlichen und geistigen Anforderungen erfüllt und nicht erheblich oder wiederholt gegen verkehrsrechtliche Vorschriften oder gegen Strafgesetze verstoßen hat“. Solche Sätze lassen Spielraum; die Behörden entscheiden je nach Einzelfall und machen von ihrem Ermessensspielraum Gebrauch.

Hätte der junge Mann einen tödlichen Unfall verursacht – vielleicht wäre er wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. So wie kürzlich – zumindest in erster Instanz – zwei 25 und 28 Jahre alte Sportwagenfahrer, die sich in Berlin ein Rennen geliefert hatten. Einen Unbeteiligten kostete die PS-Protzerei das Leben. Die beiden waren mit 170 Stundenkilometern durch die Berliner Innenstadt gerast.

Geschwindigkeiten von über 300 km/h

Der Fahrer in Schorndorf war mit einem deutlich PS-stärkeren Auto unterwegs als die beiden Rennfahrer in Berlin. Mercedes stellt mehrere AMG-Modelle mit 500 oder mehr PS her. Die „Liga der Leistungsträger“, wie sie voll Bewunderung genannt wird, reiht in der 500-und-mehr-PS-Klasse den Porsche Panamera auf oder den Audi Q 7, einen BMW M6 Cabrio oder den Jaguar XKR. Diese Autos bringen es zum Teil auf Höchstgeschwindigkeiten von deutlich mehr als 300 Stundenkilometer.

Ähnliche Rekorde erreicht ein Wanderfalke. Der kommt im Sturzflug so in etwa auf 340 Stundenkilometer. Nur: Der Wanderfalke rast nicht sinn- und zweckfrei durch die Lande.

Raser sind in der weit überwiegenden Mehrzahl Männer

Junge Männer – und extreme Raser sind in der weit überwiegenden Mehrzahl Männer – rasen auch nicht sinn- und zweckfrei. Sie wollen etwas damit erreichen, und das hat nichts mit schnellerer Ankunft am Zielort zu tun. Es geht um Macht, um Status, um Kompensation von unangenehmen Gefühlen nach Misserfolgen.

Auf der Beratungsseite mpu-online-fragen.de zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) – im Volksmund bekannt als Idiotentest – heißt es, Rasen habe „eindeutig etwas mit Sucht zu tun, die letzten Endes nur durch einen Geschwindigkeitsrausch befriedigt werden kann“. Beim Idiotentest will ein Gutachter nicht nur wissen, ob Einsicht besteht – das allein reicht noch nicht. Es geht darum, ob die Einsicht eine so nachhaltige Motivation bewirkt, dass sich der Raser wirklich ändert.

Verstöße sind in Deutschland vergleichsweise billig

Warum fahren Menschen zu schnell? Diese Frage stellte Prof. Bernhard Schlag von der Technischen Universität Dresden bei einem Seminar: „Das Geschwindigkeitsverhalten wird auch über Regeln und Straferwartungen beeinflusst. Dabei spielen Strafhärte und Eintrittswahrscheinlichkeit eine Rolle.“

Deutschland gilt als Billigland, was Bußgelder bei Geschwindigkeitsverstößen angeht. In Frankreich kostet eine Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit um mehr als 50 Stundenkilometer 1500 Euro. In der Schweiz muss mit lebenslangem Fahrverbot rechnen, wer mehrmals beim Rasen erwischt worden ist.


Reaktionen online

Für sehr viel härtere Strafen plädieren auch einige Facebook-Nutzer, die unsere Berichterstattung zum Schorndorfer Raser-Fall kommentiert haben: „Ein Führerscheinentzug auf Lebenszeit und ein Jahr Haft wäre angebrachter“, heißt es, und: „In der Schweiz wär der jetzt pleite.“ Deutlicher wird ein weiterer Leser: „Idiot, nix gelernt in der Fahrschule. Selber schuld, wenn der Lappen weg ist.“

Eine völlig andere Sichtweise vertritt ein weiterer Kommentator auf Facebook: „Kavaliersdelikt, kann jedem mal passieren.“

Kein Blitzmarathon

Baden-Württemberg beteiligt sich dieses Jahr wieder nicht am Blitzmarathon. Die europaweite Schwerpunktaktion gegen Raser ist für den 19. April geplant.

Grund für die Absage ist wieder, wie schon im Jahr 2016, dass die Polizei keine Kapazitäten für solch eine Aktion frei hat.

Es finden trotzdem Schwerpunktkontrollen statt. Zum Beispiel ist für dieses Jahr im Rems-Murr-Kreis wieder eine Schwerpunkt-Motorrad-Kontrolle geplant.

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