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Rems-Murr-Sport Paralympics-Star Rothfuss: Comeback als Doppelweltmeisterin

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Wer so erfolgreich ist, darf es auch zeigen: Andrea Rothfuss mit ihrem Packen WM-Medaillen. Foto: Benjamin Buettner / ZVW

Ein Knöchelbruch bescherte Skirennfahrerin Andrea Rothfuss, Paralympics-Siegerin von 2014, eine monatelange Zwangspause. Jetzt, bei der WM der Behindertensportler in Tarvisio, hat die Schwarzwälderin, die inzwischen in Rommelshausen lebt, ein Comeback gefeiert, das sie selbst nicht für möglich hielt: zweimal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze.

Zig Bilder hat ZVW-Fotograf Benjamin Büttner schon von ihr gemacht, als ihm eine Idee kommt: „Frau Rothfuss, haben Sie zufällig eine Medaille dabei? Das wäre gut fürs Foto.“ „Ja, klar!“, schmunzelt die 27-Jährige, greift in ihre Sporttasche und befördert, begleitet von einem metallisch-schweren Klimpern, den Wust von fünf WM-Medaillen ans Tageslicht. „Das sind aber nur die aktuellen, die von damals von den Paralympics habe ich jetzt nicht da“, sagt sie bedauernd. Dem Fotografen und dem Redakteur stehen die Mäuler offen. Andere, deutlich weniger erfolgreiche Sportler wären pfauenhaft mit ihrem Medaillchen um den Hals in die Redaktion marschiert. Rothfuss dagegen ist völlig uneitel apfelknuspernd in Waiblingen eingetroffen. „Ich hab’ ein bisschen Hunger, komm’ direkt vom Arbeiten.“ Hätte der Fotograf später nichts gesagt, wären die Medaillen unbewundert wieder nach Rommelshausen zurückgereist.

Gefeiert in Sotschi

Dabei ist Andrea Rothfuss, der seit der Geburt die linke Hand fehlt, ein Star im Behindertensport. Im Jahr 2014 war sie bei den Paralympics in Sotschi nicht nur Fahnenträgerin der deutschen Mannschaft, sondern mit Gold im Slalom und Silber im Riesenslalom sowie in der Super-Kombination auch eine ihrer erfolgreichsten Athletinnen. Weil sie obendrein sehr eloquent ist, wird sie oft zu Veranstaltungen eingeladen. Inklusion ist schon deshalb ihr Herzensthema, weil Rothfuss selbst inklusiv aufgewachsen ist. Nicht nur in der Schule, Skifahren lernte sie als Sechsjährige ebenfalls zusammen mit Nichtbehinderten im Skiclub ihrer Heimatgemeinde Loßburg. Auch erste Rennen bestritt sie gegen Gleichaltrige ohne Handicap.

Mit 14 schon im deutschen Team

Das ist lange her, der Rest ist eine Erfolgsgeschichte. Die Disziplinen im Ski Alpin sind dieselben wie bei den Nichtbehinderten. Rothfuss startet in der Kategorie „Stehend“, sie fährt mit nur einem Stock. Damit Konkurrentinnen mit noch größeren Einschränkungen, beispielsweise Lähmungen, fair gewertet werden können, „dauert bei ihnen eine Sekunde in der Wertung länger als bei mir“. Bereits mit 14 Jahren startete Rothfuss zum ersten Mal für Deutschland in den USA, im selben Jahr „habe ich meinen ersten Weltcup gewonnen“. Und so sieht die Bilanz bis heute aus: Bei Weltmeisterschaften holte Rothfuss fünfmal Gold, darunter viermal im Einzel, sowie zwölfmal Silber und siebenmal Bronze. Bei Paralympics stehen eine goldene, fünf silberne und zwei Bronzemedaillen zu Buche. Und in der Saison 2012/13 sicherte sich die Rennfahrerin auch die Kristallkugel für den Sieg im Gesamt-Weltcup.

Die schwierigste Zeit in der Karriere

Im Jahr 2016 aber musste Rothfuss erstmals lernen, mit großen Rückschlägen umzugehen. Schon länger war der Entschluss gereift, ihr Soziologie-Studium in Innsbruck abzubrechen. „Das war ein bisschen trocken.“ Zudem habe sie sich ein wenig ausgebrannt gefühlt – ein Ortswechsel musste her. Im Januar 2016 folgte der Umzug nach Kernen-Rommelshausen, wo auch ihre Mutter mit ihrem Lebensgefährten wohnt. Das alles war durchdacht, für richtig Frust sorgte etwas, für das Rothfuss nichts konnte: Beim Skifahren brach sie sich das Sprunggelenk im linken Fuß. „Mir war nicht voll bewusst, wie schwer die Verletzung wirklich war.“ Noch Mitte 2016 habe sie nicht lange im Skischuh stehen können, das quälend langsame Aufbautraining und die Einschränkungen im Alltag zerrten an den Nerven. „Ich hab’ mich mehr behindert gefühlt als mit der fehlenden Hand.“

"Wintersportler werden im Sommer gemacht"

An eine normale Saisonvorbereitung war nicht zu denken. „Wintersportler werden im Sommer gemacht.“ Die Athleten arbeiten an den Grundlagen, an Muskelaufbau, Koordination und Kondition. Erst ab September geht’s zum Schneetraining auf Gletschern in Österreich, Italien und der Schweiz. Deshalb ist es auch kein Problem, dass Rommelshausen nicht gerade als Weltklasse-Skigebiet bekannt ist. Ein gebrochener Knöchel dagegen ...

Vor der WM im italienischen Tarvisio machte sich Andrea Rothfuss deshalb keine großen Hoffnungen. Ihr Traum sei es lediglich gewesen, eine Bronzemedaille zu holen. Es wurde Bronze im Super-G. Und: Gold im Slalom und Riesenslalom sowie Silber in der Abfahrt und der Super-Kombination. Unglaublich, auch für Rothfuss selbst. Vielleicht sei das Erfolgsgeheimnis gewesen, dass sie sich vor der WM keinen Druck gemacht habe. Etwas Glück kam auch dazu. Nach Abrechnung jeweils beider Läufe bezwang Rothfuss ihre größte Konkurrentin Marie Bochet aus Frankreich mit der Winzigkeit von drei Hundertstelsekunden (Slalom) und etwas über einer halben Sekunde (Riesenslalom).

Neues großes Ziel vor Augen

Ihre Verletzung spürt Rothfuss zwar immer noch, „aber der Heilungsprozess ist super fortgeschritten“. Grund genug, sich ein neues, großes Ziel zu stecken. „Es ist mein Traum, zur gleichen Zeit mal Weltmeisterin und Paralympics-Siegerin zu sein.“ Die Gelegenheit dazu bekommt Andrea Rothfuss im kommenden Jahr bei den Winterspielen in Pyeongchang, Südkorea. Sollte sie dort erfolgreich sein, hätte niemand etwas dagegen, wenn sie diesmal mit Medaille um den Hals in die Sportredaktion käme. Egal, welche Farbe das Ding hat.

Andrea Rothfuss hat nach dem Abbruch ihres Soziologie-Studiums einen neuen Berufsweg gewählt. Beim Württembergischen Schützenbund im Haus des Sports bei der Mercedes-Benz-Arena in Cannstatt absolviert sie eine dreijährige Ausbildung zur Sport- und Fitness-Kauffrau.

 

 

 

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