Rundschlag Lang lebe die Borussia!

Peter Schwarz, 11.02.2016 00:00 Uhr
Ilkay Gündogan von Borussia Dortmund Foto: BVB
Ilkay Gündogan von Borussia DortmundFoto: BVB

Am Dienstagabend habe ich mich an einen seltsamen Ort verirrt. Der Sohn eines guten Freundes ist Ultra-Fan von Borussia Dortmund und hatte zwei Karten übrig für den BVB-Stehplatz-Fanblock beim Spiel gegen den VfB im Neckarstadion (die Schüssel heißt offiziell mittlerweile anders? Egal).

Meine Frau sorgte sich etwas. „Bitte denk dran, bei VfB-Toren auf keinen Fall zu jubeln“, schwor sie mich ein, „und komm heil wieder nach Hause. Wenn sie dich verhauen, werde ich dich nicht gesundpflegen, denn dann bist du selber schuld.“ Auf meiner Eintrittskarte stand ein offizieller Vermerk: Das Betreten von Block 62 in VfB-Fanklamotten sei untersagt. Na, dann verhalte ich mich besser mal ganz unauffällig.

Im Block sah ich mich umzingelt von Schwarz-Gelben: Alte und Junge, Männer, Frauen und Kinder, alle gelassen und freundlich. Na, das hat sich meine Frau bestimmt anders vorgestellt.

Wie bekannt, betrat der harte Kern der BVB-Fans mit zwanzig Minuten Verspätung den Block. So wollten sie gegen die Überteuerungspolitik bei den Eintrittskarten protestieren. Wie recht sie haben, lehrte ein Blick auf die Haupttribüne: Sie war halb leer. Welcher Vater mit zwei fußballbegeisterten Buben kann sich Tickets mit Spitzenspiel-Zuschlag da drüben noch leisten?

Anfangs war es recht leise im Stadion. Sicher, die Hardcore-Fans des VfB auf der anderen Seite machten Lärm. Aber sonst: Es klang im Oval eher nach Oper oder, sagen wir, Tennisplatz. Als die Masse aber nach zwanzig Minuten reinströmte in Block 62: Gänsehaut. Unermüdlich besangen sie ihre Liebe zum Verein, „schwarz und gelb ist unser Blut“, und hier auf dem Stehrang sei’s „egal, wer du bist, egal wie du heißt, du gehörst zu uns“. Und genauso fühlte ich mich: zugehörig.

Kein böses Wort habe ich abgekriegt. Niemand störte sich an meinem Schwäbeln, niemand bemängelte, dass ich nicht mitskandierte. Nur bei einer Choreografie, bei der man in die Hocke gehen muss und ich aus Versehen stehen blieb, weil ich so gebannt aufs Spielfeld stierte, zupfte mich ein Borusse fürsorglich sacht von hinten am Hosenbein. Gerne ging ich in die Knie.

Es war ein gutes Spiel, aber der Höhepunkt war doch jene Szene, als der Ball ruhte: Mchitarjan ging zur Fahne, um eine Ecke zu treten – plötzlich regnete es Tennisbälle. Und während die Kicker unten den Platz aufräumten, brandete es in die Unterbrechung hinein von oben vieltausendstimmig: „Fußball muss bezahlbar sein – für alle!“

Der Stadionsprecher quengelte, die BVB-Fans sollten aufhören mit „diesem Quatsch“ – hätte ich einen Tennisball dabeigehabt, ich hätte ihn auch geworfen.

Heutzutage sieht doch weltweit jedes Stadion gleich aus: lauter uniforme Trutzburgen des Kommerz. Bei der WM 2014 in Brasilien haben sie rund ums Maracana-Stadion, das einst so unverwechselbar war, eine Bannmeile gezogen – all die fliegenden Händler, die Melonen verkauften oder Zauberkram zur Beschwörung des Fußballgottes, wurden vertrieben, ihre Holzbuden abgerissen, in der Konzernzone durften nur noch die WM-Sponsoren ihre braune Brühe und lätschigen Hamburger verkloppen. Dass selbst in solchen zu globalen Geldvermehrungstempeln degenerierten Arenen immer noch so etwas spürbar ist wie echte Leidenschaft, liegt an den Leuten auf den sogenannten „billigen“ Plätzen (die auch nicht mehr billig sind – jeder erwachsene Dortmunder Steher zahlte am Dienstag 22 Euro).

Liebe BVB-Fans: Danke für die freundliche Aufnahme, danke für die Chöre; und danke für die Tennisbälle! Dieses Match war mein schönstes Neckarstadion-Erlebnis seit jenem allerersten, unvergesslichen Besuch dort als Neunjähriger: 1975 beim 3:1 des VfB gegen Kickers Offenbach; damals, als es noch genug fair bepreiste Tickets gab für alle, die gern stehen aus Liebe zum Spiel.

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