Schorndorf Angriff auf den inneren Schweinehund

Mathias Ellwanger, 10.01.2017 00:00 Uhr
Armin Höttges, Abteilungsleiter Turnen beim TSV Haubersbronn, ist Initiator des neuen Sportangebots. Im Katalog sind die 40 Übungen aufgelistet, die zu dem Zirkeltraining zählen. Foto: Palmizi / ZVW
Armin Höttges, Abteilungsleiter Turnen beim TSV Haubersbronn, ist Initiator des neuen Sportangebots. Im Katalog sind die 40 Übungen aufgelistet, die zu dem Zirkeltraining zählen.Foto: Palmizi / ZVW

Schorndorf-Haubersbronn. Zwischen Beruf und Alltag fällt es gerade mitten im Leben stehenden Menschen schwer, sportlich aktiv zu sein. In den Vereinen gibt es zudem kaum flexible Trainingsangebote. Der TSV Haubersbronn startet nun ein familiengerechtes Fitness-Programm, das durchaus als Kampfansage an die Fitnessstudios verstanden werden darf.

Männer und Frauen zwischen 30 und 50, die noch nicht aktiv sind: Für Sportvereine ist das im Grunde eine verlorene Zielgruppe. Wer bis dahin nicht im Fußball, Turnen oder Tischtennis war, wird in diesem Alter kaum mehr damit anfangen. „Die Hürde, dann noch in einen Verein zu gehen, ist sehr groß“, sagt Armin Höttges, Leiter der Abteilung Turnen beim TSV Haubersbronn.

Leider sei es um den körperlichen Zustand vieler Mitmenschen dann auch entsprechend schlecht bestellt. Das Fatale: Wer Beweglichkeit, Gesundheit und Fitness bis ins hohe Alter erhalten möchte, müsse eigentlich spätestens zwischen 30 und 50 damit anfangen, Sport zu treiben. Doch im Gegensatz zu Kindern und Jugendlichen gebe es für Menschen, die mitten im Leben stehen, nur wenige attraktive Angebote, die sie in die Vereine locken könnten, sich nebenbei auch gut in ihren oft stressigen Alltag integrieren und sie den inneren Schweinehund überwinden lassen.

Ein Angebot für alle, die trainieren wollen, aber nicht in der Muckibude

Manch potenzielles Vereinsmitglied würde deshalb eher ins Fitnessstudio gehen – und nicht selten viel Geld zahlen, doch kaum dort aufkreuzen. „Und viele wollen zwar trainieren, dafür aber nicht in die Muckibude gehen.“ Auf all jene ist das neue Programm zugeschnitten, das der Verein zusammen mit dem Schwäbischen Turnerbund erarbeitet hat. Es ist ein landesweites Pilotprojekt, an dem neben dem TSV noch vier weitere Vereine teilnehmen – und greift einen Trend auf, der in den USA entstand und sich gerade in Deutschland etabliert.

Mit dem „Functional Fitness“-Zirkel kommt das Fitnessstudio in die Turnhalle, verzichtet dabei aber fast gänzlich auf Geräte. Statt Gewichte werden hier Medizinbälle gestemmt. Und anstelle einer teuren Kraftstation benötigen die Sportler lediglich Matten, Langbänke, Fitnesstaue oder eine Sprossenwand. Trainiert wird dabei kein bestimmter Muskel, sondern der ganze Körper: mit 40 Übungen für Arme, Schultern, oberen Rücken, Beine, Po und die Rumpfmuskulatur.

Die Bandbreite reicht von Armkreisen und Seilspringen über Unterarmstütze bis zum Vierfüßlerstand. Mehr Ausdauer, mehr Beweglichkeit, mehr Kraft soll mit dem Programm erreicht werden. Fast alle Übungen ließen sich problemlos auch zu Hause durchführen.

VfB-Jugendtrainer wird Übungsleiter beim „Functional Fitness“ sein

Doch beim TSV Haubersbronn wird das Training von einer professionellen Betreuung begleitet: Alle Teilnehmer bekommen einen individuellen Trainingsplan, in dem festgelegt wird, was mit den Übungen erreicht werden soll, wo eventuell Vorerkrankungen vorliegen und von welchem Leistungsstand aus begonnen wird.

Höttges konnte dafür Andreas Schanz, einen Jugendtrainer beim VfB Stuttgart, gewinnen. Über dessen Kompetenz und Begeisterungsfähigkeit gerät der 50-Jährige regelrecht ins Schwärmen. Schanz bringe Erfahrung und Ruhe mit. Und dass er das Fitnessprogramm nun beim TSV und nicht bei seinem viel bekannteren Heimatverein durchführe, darüber freut sich Höttges, der die Trainings leiten wird, natürlich ganz besonders. Eine junge Frau, die gerade den Trainerschein absolviert, wird das Team später noch ergänzen.

Was das Sporttreiben im Verein außer professioneller Betreuung aber vor allem auszeichne, sei der Aspekt der Gemeinschaftlichkeit: „Wenn das jemand ein halbes Jahr gemacht hat, wird es zu einem Teil seines Lebens“, sagt Höttges, der beim TSV eine Männersportgruppe leitet. Auch dort geht es darum, den kompletten Körper zu kräftigen, zu stabilisieren und in Form zu halten. Angesprochen sind beim Männersport auch und vor allem jene, die lange nichts gemacht hätten. Das sei ein Wagnis gewesen, habe aber funktioniert. Mit drei Leuten habe er angefangen, heute seien es 18 und laut Höttges gar Freunde geworden.

Einen ähnlichen Zusammenhalt erhofft sich der Abteilungsleiter im besten Falle nun auch von den „Functional Fitness“-Zirkeln, die er auch ganz explizit als Aushängeschild für den Verein versteht. „Natürlich wollen wir damit die ganze Familie in den Verein locken.“ Indem man sich als kleiner Verein bekanntmacht und zeigt, dass man eben anders ist. Mit den Standardsportarten bekomme man jedenfalls kaum mehr Erwachsene in die Turnhalle.

Kommen darf erst mal jeder – ohne gleich Vereinsmitglied zu werden

Zunächst an jedem zweiten Samstag soll der Zirkel stattfinden. Damit will der Verein die Hürden für junge Familien möglichst gering halten. „Zweimal im Monat, das sollte jeder hinbekommen können“, findet Höttges. Das Pilotprojekt läuft erst mal bis Ostern, dann wird gemeinsam mit dem Schwäbischen Turnerbund analysiert: Was lief gut? Was nicht? Was brauchen wir noch? Und wie lassen sich solche Trainings langfristig etablieren?

Für Eltern besonders interessant: Während der Übungen wird es eine Kinderbetreuung geben. Kommen darf erst einmal jeder, ohne gleich Verpflichtungen einzugehen oder gar Vereinsmitglied zu werden. Jeder könne dann selbst entscheiden, wie lang und wie intensiv er trainiert. Wenn am Ende nicht jeder dabei bleibe, so sei das auch nicht weiter tragisch, findet Höttges. Zumindest wenn sie zu Hause aktiv bleiben: „Denn dann machen sie immerhin Sport. Und das ist doch super.“

Der Kursfahrplan

  • Los geht es am 14. Januar um 14 Uhr in der Haubersbronner Lauswiesenhalle mit einer Einweisung der Trainer aller teilnehmenden Vereine.
  • Ab Montag, 16. Januar, um 20 Uhr wird die Männersportgruppe des TSV den Zirkel trainieren und auf seine Tauglichkeit testen.
  • Im März soll „Functional Fitness“ dann in den Regelbetrieb aufgenommen werden, wahrscheinlich samstags von 14 bis 18 Uhr.
  • Wer Mitglied werden will: Der Jahresbeitrag beläuft sich auf 50 Euro für Verein und 20 Euro für Turnabteilung.
     
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