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Schorndorf Anti-Gender-Aktivistin spricht in Schorndorf

Eine Meisterin der sarkastischen Rhetorik: Birgit Kelle. Foto: Malte Ossowski / Sven Simon

Schorndorf. Wetten, dass das Gender-Thema alias „Gender-Ideologie“, also known as „Gender-Wahnsinn“, ein heißer Feger im Landtagswahlkampf 2016 wird? Die Rems-Murr-CDU steigt schon mal schwungvoll ein – sie hat die Publizistin Birgit Kelle eingeladen, die der Liste der Schmähbegriffe einen besonders knackigen hinzufügt: „Gender-Gaga“.

„Diese Frau ist die Definition davon, wie die Leute im Mittelalter gedacht haben.“ – „Ein grundlegendes Werk gegen den Genderwahnsinn!“ – „Reaktionäres Stammtisch-Gequatsche.“ – „Ein Muss für alle, die sich einen klaren Kopf behalten wollen in der Welt der political correctness.“ Das sind Zitate von Amazon-Kunden zu Birgit Kelles Buch „Gender-Gaga“. Die Frau polarisiert? Aber hallo. Das Magazin „Cicero“ bezeichnete sie als „Wutmutter“, deren „Markenkern Plädoyers für Kinder und Familie im Stakkato“ seien, bei Frank Plasbergs legendärer „Hart aber fair“-Doppelsendung zum Thema durfte sie nicht fehlen, als Mitorganisatorin neben der AfD-Politikerin Beatrix von Storch brachte sie 2014 bei den Kundgebungen gegen den baden-württembergischen Bildungsplan Gleichgesinnte und Gegner zu Tausenden auf die Straße.

Gehirnwäsche und Denunziantennetz

Birgit Kelle bezeichnet die Idee der Geschlechter-Gleichstellung, des Gender-Mainstreaming, als „Gehirnwäsche“. Grün-Rot in Baden-Württemberg wolle jede angeblich homophobe Regung derart flächendeckend erfassen und anprangern, dass „fast kurz der Verdacht“ aufkomme, „die Landesregierung habe sich zur Unterstützung ein paar arbeitslose Stasi-Althasen eingekauft, um methodisch vorzubereiten, wie man erfolgreich ein Denunziantennetz über ein Land spannt, um Abweichler, die nicht systemkonform in den regenbogenfarbenen Sonnenuntergang mitmarschieren, frühzeitig zu isolieren.“ Der Aktionsplan für sexuelle Vielfalt sei „ein Machwerk, das sowohl George Orwell als auch Aldous Huxley hätte erblassen lassen“, hier laufe der grün-rote Staatsapparat „zu Höchstform im totalitären Denken“ auf.

Das ist der Kelle-Sound. Maßvoll ist er nicht. Inhaltlich ähnlich hochgerüstet argumentierenden Streiterinnen wie der verschwörungstheoretisch bewanderten Publizistin Gabriele Kuby oder der Ex-Tagesschau-Moderatorin Eva Herman hat Birgit Kelle allerdings zweierlei voraus: eine fulminante, oft unterhaltsam sarkastische Rhetorik; und ein Talent zur pfiffigen Dialektik, zur Umdeutung scheinbarer Gewissheiten.

Kelle nämlich versteht sich als Feministin – sie plädiert für eine Freiheit, die es selbstbestimmten Frauen erlaubt, sich voll in die traditionelle Familienrolle hineinfallen zu lassen. „Es gibt Hunderttausende Frauen wie mich in diesem Land. Frauen, die gerne Frauen sind, es gerne zeigen und das auch nicht ständig diskutieren müssen. Und Mütter, die gerne Mütter sind. Sie alle haben in Deutschland keine Lobby.“ Dem klassischen Feminismus gilt das traditionelle Mann-Frau-Kind-Modell nebst den einst unhinterfragten Rollenzuschreibungen (der Mann Ernährer, die Frau zunächst Mutter) als überholt und das Ideal der berufstätigen Frau als zeitgemäß. Mit diesen Zuschreibungen jongliert Kelle elegant: Sie wirbt für ein „neues Frauenbild jenseits der alten feministischen Vorstellung“.

Ende Januar 2013 löste der Stern-Artikel „Der Herrenwitz“ von Laura Himmelreich eine wilde Sexismus-Debatte aus. Die Journalistin warf dem FDP-Politiker Rainer Brüderle vor, ihr zu nahe getreten zu sein („Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“). Kelle antwortete darauf in einem Internet-Artikel mit dem Titel: „Dann mach doch die Bluse zu!“ Diese ganze Empörung sei „aufgebauscht und heuchlerisch“, weil „die einzige Diskussion zu dem Thema, die es wert wäre, geführt zu werden, die ist, wieso neuerdings der Stern als Qualitätsmedium gegen Sexismus aller Art gilt. Etwa wegen der zahlreichen unbekleideten Damen, die regelmäßig auf dem Cover zu sehen sind, um den investigativen Charakter des Blattes zu unterstreichen?“ Kelle fand: „Wir messen mit zweierlei Maß.“ Heidi Klum dürfe „fröhlich erzählen“: Das Erste, „was ihr an ihrem Ex Seal auffiel, sei das große Gemächt in der engen Radlerhose gewesen“. So ein Spruch „von einem Mann über den Busen seiner Frau wäre Sexismus. Er könnte einpacken“. Kelle folgerte: „Ich möchte nicht Mann sein in dieser Welt, in der bereits 13-Jährige mit Push-up-BHs zur Schule gehen. Ich möchte nicht Mann sein in einer Welt, in der man überlegen muss, ob man noch mit einer Kollegin Kaffee trinken kann. Und vor allem möchte ich als Frau nicht in einer Welt leben, in der ich als armseliges Opfer betrachtet werde, und Männer vor lauter Angst, etwas Falsches zu sagen, lieber gar nichts mehr sagen.“

„Bartpinselnde Ermunterung an alle Männer“

Der Text wurde online so leidenschaftlich bejubelt und inbrünstig geschmäht, dass Branchendienste vom „Social-Media-Phänomen des Jahres“ sprachen. Kelle baute den Artikel zu einem Buch aus – und die linke „taz“, man staune, lobte: Dieses „lupenreine Vater-Mutter-Kind-Familien-Plädoyer“ für die „traditionelle Elternerziehung und gegen staatliche Betreuung“, für „die Anerkennung des Berufsbildes Hausfrau“ und gegen die Frauenquote, diese „bartpinselnde Ermunterung an alle Männer, endlich wieder richtige Männer zu sein, die Geld für die Familie verdienen, Frauen Komplimente machen und den Grill bedienen dürfen“, lese sich „durchaus flott weg“.

Infobox

Birgit Kelle tritt am Samstag, 17. Oktober, um 18 Uhr in der Schurwaldhalle Oberberken auf.

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