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Schorndorf IHK-Neujahrsempfang: Die „Old Economy“ hat Zukunft

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Schorndorf. Für Claus Paal sieht die „Old Economy“ gar nicht so alt aus. Digitale Technologien und „Old Economy“ werden eine gemeinsame Zukunft haben, sagte der IHK-Bezirkskammerpräsident beim Neujahrsempfang in Schorndorf. Den Impulsvortrag hielt Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, die neue Wirtschaftsministerin des Landes.

Die IHK-Bezirkskammer brach beim Neujahrsempfang 2017 mit einer jahrzehntelangen Tradition. Statt der Rede eines prominenten Vertreters aus Politik und Wirtschaft gab es einen Gedankenaustausch zum Thema „Innovationsregion Stuttgart: Was brauchen wir?“ Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut diskutierte nach ihrem Impulsvortrag mit IHK-Bezirkskammerpräsident Claus Paal und dem Vorstandsvorsitzenden der Steinbeis-Stiftung, Dr. Michael Auer, wie der Region auf die Sprünge geholfen werden kann (ein ausführlicher Bericht folgt in unserer Donnerstagausgabe).

"Wir leben nicht im Zeitalter der Zögerer und Zauderer"

Entwicklungen laufen heute weltweit immer dynamischer ab als früher, sagte Claus Paal gestern Abend in seiner Begrüßung. „Gute und leider auch ungute.“ Vieles, was bedrohlich sei, rücke näher. Oft habe man das Gefühl, nur noch reagieren zu können. „In jedem Fall leben wir nicht im Zeitalter der Zögerer und Zauderer. Es ist die Zeit derjenigen, die seriös und nachhaltig anpacken und nie aufgeben.“

Der Megatrend Digitalisierung werde die Unternehmen verändern. „Diese Entwicklung haben wir selbst in der Hand“, sagte Paal. Jedes Unternehmen gestalte für sich, ob dieser Trend zu seinem Vorteil oder zu seinem Nachteil geraten werde. Digitalisierung besteht für Paal aus zwei Bereichen: zum einen die digitale Infrastruktur und zum anderen die Technologie an sich.

Paal appellierte an den Landkreis und die Kommunen

Die Infrastruktur sei die Grundvoraussetzung, um die Zukunft gestalten zu können. „Sie ist so wichtig wie Wasser und Strom.“ Die Daten müssen in jedes Haus und jede Schule gelangen, in jede Firma und zu jedem Handwerker, zu jedem Einzelhändler und zu jeder öffentlichen Einrichtung, in jeden Zug, jedes Flugzeug und Auto. Paal appellierte an den Landkreis und die Kommunen, dieses Thema sehr ernst und vor allem mit ersten Priorität anzugehen. „Wo Marktversagen herrscht, muss es die öffentliche Hand richten“, sagte Paal und forderte, den Ausbau voranzutreiben.

Bei der Digitalisierung seien Deutschland und der Rems-Murr-Kreis spät dran. Die von vielen bereits abgeschriebene „Old Economy“ hat für Paal aber noch immer Zukunft. Und zwar zusammen mit den digitalen Technologien. Denn Old Economy schafft greifbare Güter. „Hier bei uns gibt es bereits wertschöpfende Garagenfirmen, da gab es in den USA noch keine einzige Garage.“ Die „Old Economy“ entwickele sich jedoch weiter. Im Maschinen- und Automobilbau wie auch in der Luft- und Raumfahrt, der Elektrotechnik und der Energieerzeugung würden die Innovationen immer schneller kommen. „Trends zu verschlafen, Veränderungen zu verpassen, kann gefährlich sein.“

Dass die „Old Economy“ längst nicht abzuschreiben sei, zeigt auch der Trend, dass „New Economy“-Firmen wie Google sich dort einkaufen, wies Paal auf die Bereiche autonomes Fahren, Drohnen, Logistik oder Gesundheit hin. Daraus zog Paal den Schluss, die alte Ökonomie weiterzuentwickeln und mit der digitalen Welt zu koppeln. „Das können kleine Veränderungen sein, neue Produkte oder auch ganz neue Geschäftsmodelle.“

„Wie reagieren wir auf die Wünsche und Bedürfnisse der Mitarbeiter?“

Mit Blick auf den Rems-Murr-Kreis wies der IHK-Bezirkskammerpräsident auf die Veränderung der Arbeitswelt hin. Es komme zu einer Flexibilisierung der Arbeit – und es stelle sich die Frage, wie man mit der dauerhaften Erreichbarkeit umgehe. „Wie reagieren wir auf die Wünsche und Bedürfnisse der Mitarbeiter?“ Noch mehr Regulierung und Bürokratie sei der falsche Weg, sagte Paal und stellte das Arbeitsschutz- und Betriebsverfassungsgesetz als nicht mehr zeitgemäß infrage.

Durchaus zeitgemäß ist hingegen die duale Ausbildung, „unser Erfolgsmodell“. Sie sei eine gewachsene Kultur, müsse sich weiterentwickeln „und ich werde nicht müde, diese Veränderung mitzugestalten“, sagte Paal. Er kämpfe für die duale Ausbildung, mache Werbung, starte Aktionen, knüpfe Netzwerke, initiiere Veranstaltungen, verleihe Preise und berate befreundete Institutionen im Ausland – Letzteres leider mit weniger Erfolg. „Es geht mir dabei nicht nur um die Zahl der zukünftigen Facharbeiter.“ Es treibe ihn auch die Sorge um, dass vor lauter Digitalisierung die Old Economy vergessen werde. Sie müsse Weltspitze bleiben, um mit der digitalen Ökonomie verschmelzen zu können.

Paal vermisst das Basteln, das Erfinden und das Tüfteln

Paal bedauert, dass bei vielen Jugendlichen die Jobsicherheit bei der Berufswahl an erster Stelle steht. Und dass jeder dritte Student mit dem Ziel Staatsdienst studiert. Und noch eins vermisst Paal bei der Jugend: das Basteln, das Erfinden, das Tüfteln, das Kreative. „Wo werden Naturwissenschaften anschaulich erlebt?“, fragte Paal. Im Modellbau komme heute fast alles fix und fertig zusammengebaut aus dem Karton. Wie solle sich technisches Verständnis entwickeln? Wo bleiben Haptik, das Verständnis für Physik, die Faszination, etwas Reales zu schaffen?

In diesem Zusammenhang dankte Paal Schorndorfs Oberbürgermeister Matthias Klopfer, dass in der Galerie für Kunst und Technik eine Forscherfabrik entsteht („ein Traum von mir“). Das Science Center für Kinder und Jugendliche sei ein Satellit der Experimenta in Heilbronn und werde ein außerschulischer Lernort – und, wenn’s nach Paal geht, ein Modell für weitere zehn Forscherfabriken im Land.

Zitate

  • "Die Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis arbeitet stabil auf einem hohen Niveau. Sogar auf einem noch besseren als zuletzt. Über 93 Prozent der Unternehmen beurteilen ihre aktuelle Geschäftslage mit gut oder befriedigend. Gute Aussichten für 2017, wie ich meine. Auch wenn ich angesichts dieser jetzt doch sehr lange wahrenden Hochphase langsam skeptisch werde." IHK-Bezirkskammer-Präsident Claus Paal
  • "Populisten haben keine Antworten für die Zukunftsfragen. Sie verhindern eine gute Zukunft." Claus Paal.
  • "Ich wünsche Ihnen, dass wir alle in dieser unruhigen und unsicheren Welt, in der wir ja nun mal leben, unsere Tradition und unsere Identität als Vorzeige-Wirtschaftsstandort bewahren. Mit all unseren sympathischen und bewundernswerten Seiten." Steffen Kögel, stellvertretender Leiter der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr, in seinem Schlusswort.
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