Schorndorf Fehleinschätzung oder Verkehrsgefährdung?

Mathias Ellwanger, 20.10.2016 00:00 Uhr
Symbolbild. Foto: Habermann / ZVW
Symbolbild.Foto: Habermann / ZVW

Schorndorf/Welzheim. Zwei Männer überholen in einer Rechtskurve mit ihren Autos einen Lkw. Nur knapp kann eine entgegenkommende Fahrerin den Frontalzusammenstoß verhindern, indem sie eine Vollbremsung hinlegt. Handelten die beiden in dieser Situation verkehrsgefährdend – oder unterlagen sie nur einer Fehleinschätzung? Ein schwieriger Fall für Richterin Petra Freier.

Eigentlich schien die Sache klar: Ahmed S. und Johann P. (alle Namen geändert) haben am 25. April den Straßenverkehr gefährdet, mussten ihren Führerschein für acht Monate abgeben und eine vierstellige Geldstrafe bezahlen. Weil Johann P. auf seinen bremsenden Vordermann auffuhr, wurde er zudem wegen Körperverletzung verurteilt. Doch die beiden Autofahrer haben gegen das Urteil Berufung eingelegt. Deshalb muss sich das Amtsgericht der Sache nun erneut annehmen. Dabei geht es vor allem darum, zu klären, was am Morgen des 25. April um kurz vor dreiviertel neun genau passiert ist.

Dazu hat Richterin Petra Freier bunte Matchbox-Autos auf den Richtertisch gestellt. Die Beteiligten sollen noch einmal schildern, wie sich der Unfall genau zugetragen hat. Was sicher ist: An diesem verhängnisvollen Morgen hatten alle Beteiligten noch einmal Glück. Der 31-jährige Verkäufer Ahmed S., der mit seinem Peugeot auf dem Weg zur Arbeit war, der nicht mehr dem mit maximal 40 km/h auf der Landstraße schleichenden Lkw folgen wollte und in einer Rechtskurve zum Überholen ansetzte. Der 48-jährige Maschinenbautechniker Johann P., ebenfalls auf dem Weg zur Arbeit, der sich mit seinem Opel dem Überholvorgang kurzerhand anschloss. Die 37-jährige Gülay F., die ihr krankes Kleinkind gerade vom Arzt untersuchen hat lassen und sofort eine Vollbremsung einleitete, als sie den Peugeot am Lkw hat vorbeiziehen sehen. Und auch der 28-jährige Landschaftsgärtner Thomas K., der mit seinem 2,5 Tonnen schweren, alten Lkw im Seitenspiegel den Peugeot überholen sah und gedacht hat: „Das wird nicht reichen.“

Schleudertrauma und Schreck

Der Mercedes kollidierte nicht mit dem Peugeot. Zum Zusammenstoß kam es nur zwischen den beiden überholenden Fahrzeugen. Als Ahmed S. die Gefahrensituation realisierte, stieg nämlich auch er auf die Bremse. Johann P. konnte nicht mehr rechtzeitig reagieren und fuhr auf seinen Vordermann auf, der bei dem Zusammenstoß ein Schleudertrauma erlitt – alle anderen kamen mit dem Schrecken davon.

Die entscheidende Frage, die das Gericht zu klären hat, ist: Haben die beiden Autofahrer beim Überholen ihre Sichtweite nur falsch eingeschätzt – oder haben sie gleichgültig und rücksichtslos den Verkehr gefährdet? Petra Freier macht sich die Antwort nicht leicht. Zumal die beiden Angeklagten bisher keine Vorstrafen, auch keine Einträge im Verkehrszentralregister haben, mithin also unbescholtene Bürger sind. Und vor Gericht beide nun gar nicht den Eindruck erwecken, rücksichtslos oder risikofreudig zu sein. Was hinzukommt: Ahmed S. hat aufgrund des Unfalls nicht nur seinen Führerschein, sondern kürzlich auch seine Arbeitsstelle verloren.

Objektive Beweise gibt es nicht

Problematisch für das Gericht: Einen objektiven Beweis für die Gefährlichkeit der Situation hat es nicht. Lediglich subjektiv haben die Beteiligten geäußert, dass es recht knapp war. Doch „objektivierbar sind diese subjektiven Einschätzungen nicht“, wie es der Kfz-Sachverständige Oliver Dreher formuliert. Auch er kann letztlich nicht genau sagen, wo der Mercedes von Gülay F. zum Stehen gekommen ist. Bilder vom Fahrzeugendstand der A-Klasse gibt es nämlich keine. Und die 37-Jährige kann nach einem halben Jahr nicht mehr mit Gewissheit sagen, wie weit die Entfernung zwischen ihr und dem Peugeot war. Das jedoch wäre entscheidend, um zu bewerten, wie weit die beiden überholenden Autofahrer überhaupt hätten sehen können. 160 Meter beträgt die maximale Sichtweite. Doch es ließ sich nicht definitiv klären, ob die beiden zu Beginn der Rechtskurve oder erst in der Mitte zum Überholen angesetzt haben. „Das ist aber das Entscheidende“, sagt Dreher. Denn nur dann könne man mit Sicherheit sagen, ob die Sichtweite ausreichend war oder nicht. Und nur dann könne auch festgestellt werden, ob Ahmed S. und Johann P. rücksichtslos gehandelt haben.

Viele Fragezeichen bleiben

Richterin Petra Freier hat daran aber so ihre Zweifel. Bei der Verhandlung, die eine Stunde länger dauert als ursprünglich angesetzt, bleiben ihr zu viele Fragezeichen, um die Rücksichtslosigkeit mit aller Eindeutigkeit feststellen zu können. Darum entscheidet sich die Richterin schließlich, die beiden Verfahren einzustellen. Nur Johann P. muss wegen fahrlässiger Körperverletzung 1800 Euro auf Raten an eine gemeinnützige Einrichtung überweisen.

Eine Entscheidung, auf die beide Angeklagten sichtlich erleichtert reagieren und die sie auch anstandslos anerkennen. „Jetzt haben wir zwar noch nicht Weihnachten, aber ich verteile Ihnen trotzdem schon Ihre Führerscheine“, sagt Freier. Ahmed S. und Johann P. dürfen also mit dem Auto nach Hause fahren – und werden sich wohl in Zukunft lieber zweimal überlegen, ob sie einen langsamen Lkw auf einer solchen Strecke unbedingt überholen müssen.

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