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SchorndorfGrenzsteine: Vergessene Denkmäler im Wald

Christian Siekmann, vom 16.11.2012 13:00 Uhr
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Roland Buggle restauriert die Grenzsteine und stellt sie am Originalstandort wieder auf.  Foto: ZVW
Roland Buggle restauriert die Grenzsteine und stellt sie am Originalstandort wieder auf. Foto: ZVW

Schorndorf-Oberberken. Wer an Denkmäler denkt, hat Statuen verstorbener Könige oder alte Bauten vor Augen. Doch viele Kleindenkmäler liegen verborgen und vergessen im Wald. Verwitterte Grenzsteine, alte Königssteine und Wehrbauten verstecken sich in der Berkener Gemarkung.

Wer heute bauen will, muss mitunter tief in die eigene Tasche greifen. Baugrundstücke sind teuer. Auch früher spielte die Größe des Besitzes eine Rolle. Denn je größer das Feld, desto höher der landwirtschaftliche Ertrag. Darum achteten die Menschen schon vor Jahrhunderten penibel darauf, ihr Grundstück zu kennzeichnen. Dabei kamen oft Grenzsteine zum Einsatz. Über 250 Steine liegen am Fliegenhof im Nassachtal. Heimatforscher Roland Buggle pflegt und hält sie damit im öffentlichen Bewusstsein.

Kleindenkmäler in der Region

Die Grenzsteine sind mit ihrem Sockel tief in der Erde verankert. Sie sind verziert und behauen. Auf der Kopffläche ist die Richtung des Grenzverlaufs mit einer entsprechenden Kerbe gekennzeichnet.

Sie machen Herrschafts-, Besitz- und Rechtsgrenzen sichtbar.

Das Setzen von Grenzsteinen war ein Rechtsbrauch von hohem Stellenwert. Die Steine waren die einzig verbindliche Grenzsicherung. Eine Grenzkommission ging regelmäßig die Gemeindegrenzen ab.

Die historischen Grenzsteine sind gefährdet. Aus Unachtsamkeit werden sie oft beschädigt. Manche werden gestohlen oder versinken in der Erde.

Am originalen Standort behält ein Grenzstein seine rechts- und kulturhistorische Aussage. Die Kulturdenkmale sind daher durch Denkmalschutz- und das Vermessungsgesetz des Landes geschützt.

Buggle erkundet und untersucht vergessene Denkmäler der Region. Der „Förderverein Dorfgemeinschaft Ober- und Unterberken“ lud den Heimatforscher ein, einen Vortrag über die „vergessenen Denkmäler in der Berkener Gemarkung“ zu halten. Einige davon sind noch erhalten, andere angeschlagen und manche schon verschwunden.

So stand bis in die 70er Jahre ein Sühnekreuz im Wald nahe Unterberken. Sie wurden früher oft bei Totschlagsdelikten als Akt der Reue aufgebaut. Von diesem Kleindenkmal fehlt leider jede Spur. Anders sieht das beim „Königstein“ aus. Der wurde 1841 anlässlich des 25-jährigen Regierungsjubiläums von Württembergs König Wilhelm I. aufgestellt. Der damalige Leiter des königlichen Forstamts zu Schorndorf ließ es aufstellen. Heute sieht der Stein sehr mitgenommen aus. Die Inschriften sind kaum noch lesbar.

Ähnliche Steine, aber mit einer gänzlich anderen Bedeutung, stehen und liegen am ehemaligen Fliegenhof. Dort will Roland Buggle zeigen, „unter welch schlechten landwirtschaftlichen Bedingungen die Leute früher gewirtschaftet haben.“ Er geht regelmäßig in den Wald beim Nassachtal, um die Grenzsteine aufzustöbern, zu restaurieren und wieder aufzustellen. Vom Hof selbst ist nichts mehr erhalten. Die Natur hat sich den Waldsiedelhof, der im 16. Jahrhundert aus einer Baierecker Glashütte hervorging und 1623 dem Schorndorfer Spital als Pfründgut übertragen wurde, in den vergangenen Jahrhunderten wieder einverleibt. Doch Reste der Umsteinung sind geblieben.

Steile Hänge, Bäume und zwei Bäche, der Fliegen- und der Utzenbach, kennzeichneten die rund 99 Morgen des Fliegenhofs im Fliegenbachtal. „Eine armselige Hütte in den engen Tälern, denkbar schlecht zu bewirtschaften“, vermutet Buggle. Er nimmt an, dass nur eine Familie auf dem Hof lebte. Im Dreißigjährigen Krieg wurde er zerstört und nicht wieder aufgebaut. Die Steine, die die Grundstücksgrenze einst markierten, liegen heute in der Gemarkung Unterberken über oder unter der Erde.

Sie geben einen Eindruck, mit welchem Aufwand die Menschen ihr Grundstück eingrenzten, auch wenn der Hof wirtschaftlich wenig abwarf, 13 Scheffel (etwa 30 Zentner), wie Buggle in einer Spitalbeschreibung herausgefunden hat. Etwa 250 Steine markieren den alten Grenzverlauf, behauene Quader mit eingemeißelten Nummern und Wappen, unter anderem des Schorndorfer Spitals. Die Steine wurden bis ins 19. Jahrhundert regelmäßig erneuert oder neu aufgestellt, um das Gebiet zu kennzeichnen. Einige Steine, vermutet Buggle, stammen aus dem 17. Jahrhundert.

Kleindenkmäler für künftige Generationen sichern

Alle 30 bis 40 Meter stand ein Grenzstein. Heute fristen sie ein unbekanntes und ungemütliches Dasein. Einige sind zerbrochen, von Witterung und Menschenhand arg mitgenommen. Andere sind fast im Boden versunken, umgekippt oder verschwunden. Buggle hat sich in Archiven informiert, wo die Steine in etwa liegen und was es mit dem Hof auf sich hatte. „Der Fliegenhof liegt im Staatswaldgebiet. Die Erkundung wurde durch die Erlaubnis und das wohlwollende Interesse von Forstdirektor Hermann Riebel sowie die Unterstützung von Revierförster Axel Scheuermann, möglich“, sagt Buggle. Im Rems-Murr-Kreis liegen noch Tausende solcher Steine, schätzt er. „Schön wäre es, wenn man sie alle wieder aufrichten könnte, um sie für künftige Generationen zu sichern.“

Ist man sich über die Bedeutung der Grenzsteine im Klaren, sieht es beim „Schlössle“ in Unterberken anders aus. Dort liegt im Wald eine rund 40 mal 40 Meter große Wallanlage, ein Viereck mit einem etwa 3,5 Meter tiefen Graben und einer rund 1,5 Meter hohen Wallaufschüttung, verborgen. Was es damit auf sich hat, könnten wohl nur Grabungen zeigen, meint Buggle. Unter Umständen war es eine aufwendige Fliehburg, in die sich die Menschen zurückziehen konnten. Holzbauten könnten einst dort gestanden haben.

Damit die Erinnerung an diese meist vermoosten Denkmäler und historischen Stätten nicht verloren geht, nehmen sich Privatpersonen und Vereine dieser an. Allerdings: „So was kann man nur machen, wenn man Idealist ist“, sagt Roland Buggle. Und er erhofft sich, dass die Menschen für Grenzsteine und historische Überbleibsel sensibilisiert werden.

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