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Schorndorf Neue Dekanin für den Kirchenbezirk Schorndorf

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„Ich hoffe, dass es mir gelingt, alle Menschen davon zu überzeugen, dass man mit mir gut zusammenarbeiten kann“, sagt die neue Dekanin Dr. Juliane Baur. Foto: Palmizi / ZVW

Schorndorf. Wenn sie Mitglied eines synodalen Gesprächskreises wäre, was sie aber nicht ist, würde sich Dr. Juliane Baur bei „Evangelium und Kirche“ verorten, also irgendwo in der Mitte zwischen konservativ und offen. Was manchen im pietistisch geprägten Kirchenbezirk Schorndorf schon verdächtig erscheinen mag. Die neue Schorndorfer Dekanin ist sich dessen bewusst: „Ich verkörpere nicht unbedingt das, was vertraut ist.“

Video: Dr. Juliane Baur, die neue Dekanin für den Kirchenbezirk Schorndorf.

Dass sich das Besetzungsgremium – wenn auch, nach dem, was zu hören ist, keineswegs einstimmig – für sie entschieden hat, wertet die 48-Jährige so, dass es in Schorndorf und im Kirchenbezirk Schorndorf ein breites Spektrum an Meinungen und Glaubenseinstellungen gibt und dass man ihr zutraut, dass sie vermitteln und integrieren kann.

Tiefe Verwurzelung im Pietismus 

„Ich trete nicht an, um zu zeigen, dass irgendetwas nicht oder nicht mehr geht, sondern ich trage trotz meiner Offenheit die tiefe Verwurzelung im Pietismus mit“, sagt die neue Dekanin, die bei dem, was sie mitbringt und anbietet, „eine überwältigende Zustimmung schon fast erstaunlich gefunden“ hätte. Zumal vor dem Hintergrund, dass es in der Schorndorfer Stadtkirchengemeinde mit Dorothee Eisrich schon eine Frau gibt, die auch nicht den klassischen Pietismus verkörpert. „Ein Mann und ein Mann, das wäre wohl kein Problem gewesen“, stellt Juliane Baur freundlich lächelnd fest. Und macht bei dieser Gelegenheit keinen Hehl daraus, dass sie das von Pfarrerin Eisrich für die Stadtkirche propagierte Konzept der offenen Bürgerkirche aus Überzeugung mitträgt.

Zwei Möglichkeiten wie es weitergehen sollte 

Warum aber überhaupt Dekanin und warum gerade Schorndorf? Der ganz einfache Grund ist zunächst einmal, dass die befristete Sonderpfarrstelle, die sie als vor allem nach innen – strukturell, finanziell, personell – wirkende stellvertretende Leiterin des Evangelischen Stifts in Tübingen innehatte, ausgelaufen ist. Da blieben zwei Möglichkeiten: Wieder auf ein Gemeindepfarramt zu gehen, „was auch schön gewesen wäre“, oder einen Schritt weiterzugehen und das, was sie in den letzten neun Jahren in ihrer Leitungsfunktion gelernt hat, und das, was sie aus ihrer Zeit als Pfarrerin kennt (mit Ausnahme der Diakonie), zu kombinieren – „und da gibt’s nicht viel anderes als ein Dekanatsamt“. Für das sich Dr. Juliane Baur insgesamt gut gerüstet sieht: „Ich glaube, dass ich meine Stärken im Bereich Zukunftsplanung und strategisches Denken habe, verbunden mit der Bereitschaft, zu hören, was an Nöten und Erwartungen da ist“ – und zwar sowohl bei den Gemeinden als auch bei den einzelnen Menschen.

"Eine große Herausforderung"

Für Schorndorf hat aus Sicht der neuen Dekanin, die nach der Investitur am Sonntag noch zwei Wochen Umzugsurlaub hat, gesprochen, dass es im Kirchenbezirk eine große Vielfalt sowohl an Traditionen als auch an Räumlichkeiten gibt, dass das Spektrum von Gemeinden im Speckgürtel von Stuttgart bis hinauf nach Hellershof ein sehr breites und spannendes ist und dass der Kirchenbezirk nicht ganz klein, aber auch nicht riesengroß ist. Was nichts daran ändert, dass die 48-Jährige ihre neue Aufgabe als „eine große Herausforderung“ ansieht. „Ich hoffe, dass es mir gelingt, alle Menschen davon zu überzeugen, dass man mit mir gut zusammenarbeiten kann“, sagt sie.

Die richtige Balance zwischen Zuhören und Gestalten finden

Ihr Verständnis von Kirche, sagt die vom Elternhaus her eher von der Offenen Kirche geprägte Juliane Baur, sei das einer Volkskirche, im Idealfall das einer missionarischen Volkskirche, die – und das ist vielleicht die größte Diskrepanz zum pietistischen Verständnis von Kirche – sich nicht in erster Linie mit sich selbst beschäftig, sondern in die Gesellschaft hineinwirkt. Das aber immer auch rückbezogen auf das, was den Glauben ausmacht. „Alles, was Kirche tut, muss aus einer theologischen Motivation heraus geschehen“, betont die angehende Dekanin, aus deren Sicht die große Stärke des Pietismus seine Ernsthaftigkeit und die feste Überzeugung „Das ist meins“ ist. Aber: „Kirche Jesu Christi sind wir alle, und jede Gemeinde, egal, wie sie geprägt ist, hat ihren Anteil daran“, ist ihr wichtig, festzustellen. Und deshalb will Juliane Baur bei allem, was sie sich anschaut und was in den nächsten Jahren möglicherweise auf den Prüfstand kommt, fragen: Was ist wichtig? Was hat getragen? Was darf auf keinen Fall aufhören, damit Kirche Heimat bleibt? „Erst dann kann man entscheiden, was verändert werden kann und darf“, sagt sie im Vertrauen darauf, dass es ihr auch als Dekanin gelingen wird, immer die richtige Balance zwischen Zuhören und Gestalten zu finden. Wobei am Anfang sicher das (Zu)Hören im Vordergrund stehen wird.

Pfarrplan 2024: „Da kommt einiges auf den Kirchenbezirk zu“

Viel Zeit freilich, das Gestalten hintanzustellen, bleibt Dr. Juliane Baur nicht, denn bereits in der kommenden Woche fängt mit einer Vorbereitungssitzung des Pfarrplanausschusses der schwierige und für alle Beteiligten anstrengende – abzulesen immer noch am Beispiel Schornbach-Buhlbronn – Prozess der Umsetzung des neuen Pfarrplans an. Der reicht formal bis 2024, aber wenn’s nach der neuen Dekanin geht, sollte am besten auch schon der dann folgende Schritt, der mit Pfarrplan 2030 überschrieben ist, mitgedacht und mitbedacht werden. „Da kommt einiges auf den Kirchenbezirk zu“, kündigt Juliane Baur an.

Die Stadt und ihre drei Kirchengemeinden

Aber nicht nur auf den Kirchenbezirk, sondern auch auf die Stadt Schorndorf mit ihren drei Kirchengemeinden, die nicht auf Dauer selbstständig werden bleiben können. „Alle machen tolle Arbeit und alle sind unterschiedlich profiliert“, weiß Juliane Baur. Sie weiß aber auch, „dass wir auf Dauer nicht alle unsere Pfarrstellen und alle unsere Gebäude werden halten können“. Bei alledem gehe es aber nicht nur um die Reduktion von Pfarrstellen, sondern vor allem auch um die Frage, wie Kirche und Gemeinden in Zukunft aufgestellt sein sollen. „Ich habe da noch keine Patentlösungen“, sagt die 48-Jährige, die aber wohl schon ihre Antrittsrede bei der Frühjahrssynode dazu nutzen wird, einen strategischen Blick in die Zukunft zu werfen.

Was macht die neue Dekanin aus?

Was gibt es über „die Neue“ noch zu sagen? Zum einen, dass sie durch mehrjährigen Gesangsunterricht musikalisch vorgebildet ist und dass sie klassische Kirchenmusik präferiert. Zum zweiten, dass sie mit der Ökumene und speziell mit den katholischen Glaubensschwestern- und brüdern bisher immer sehr gute Erfahrungen bis hin zu freundschaftlichen Beziehungen gemacht hat. Und Gleiches strebt sie natürlich auch zu allen anderen Partnern in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) an. Drittens, dass ihr ein guter Kontakt zur Stadt sehr wichtig ist. Sie halte es für richtig, wenn Kirche in die Stadt hineinwirke, solange sie sich nicht verbiegen müsse, sagt Juliane Baur. Und viertens schließlich, dass bei ihren privaten Interessen die Familie absoluten Vorrang hat. „Meine Kinder kennen das, dass ich zu 100 Prozent arbeite“, sagt sie. Umso mehr aber hätten sie in ihrer Freizeit ein Anrecht auf ihre Mutter.

Der Werdegang von Dr. Juliane Baur

Die neue Dekanin wurde am 23. August 1968 in Münsingen geboren. Ihr Vater war Pfarrer, und auch in älterer Generation hat es in der Familie schon einige Pfarrer gegeben. Juliane Baur ist verheiratet und hat zwei Kinder, eine siebenjährige Tochter und einen zehnjährigen Sohn.

Nach dem Abitur im Jahre 1987 und einem Sozialen Jahr in England, wo sie mit geistig behinderten Erwachsenen gearbeitet hat, hat Juliane Baur in Erlangen, Münster, Heidelberg und Tübingen Evangelische Theologie studiert. Zehn Jahre nach ihrer ersten theologischen Dienstprüfung hat sie 2005 in Zürich zum Dr. theol. promoviert. Thema ihrer Doktorarbeit: „Wiedergeburt und Heilung. Die Bedeutung der Struktur von Zeit für Schleiermachers Rechtfertigungslehre“. Neben Martin Luther ist Friedrich Schleiermacher auch der Theologe, der die 48-Jährige maßgeblich geprägt hat.

Ihren beruflichen Werdegang hat Juliane Baur 1995 als geprüfte Hilfskraft am Arbeits- und Forschungsbereich „Theologie und Naturwissenschaften“ in Tübingen und als Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung begonnen. Ihr Ausbildungsvikariat hat sie von 1998 bis 2000 in Stuttgart-Möhringen absolviert, anschließend war sie zwei Jahre lang als Studienassistentin die kommissarische Leiterin des Karl-Heim-Hauses in Tübingen. Ihre erste und einzige Pfarrstelle übernahm sie 2003 an der Christuskirche in Kirchheim unter Teck, wo sie unter anderem auch mit der Dekansstellvertretung betraut war.

Im März 2008 wechselte sie als Studieninspektorin ans Evangelische Stift in Tübingen, in dem Theologiestudenten mit einem sogenannten Naturalstipendium (freie Kost und Logis) neun Semester lang wohnen und ein Begleitprogramm zum Uni-Studium in Anspruch nehmen können. Und von dieser Stelle aus hat sich Dr. Juliane Baur dann erfolgreich auf die Dekansstelle in Schorndorf beworben.

Investiturgottesdienst

Der Investiturgottesdienst von Dekanin Dr. Juliane Baur mit Prälat Harald Stumpf findet am Sonntag, 19. Februar, in der Stadtkirche statt. Beginn ist um 17 Uhr.

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