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Schorndorf Trennung ohne das Kind zu zerreißen

Eigens fürs Schorndorfer Familiengericht gemalt: Anton Freys brückenschlagendes Trennungsbild. Foto: Schneider/ZVW

Schorndorf. Wenn Eltern sich trennen, geht’s im Streit um Umgang und Sorgerecht oft ums Recht haben. Um das Wohl des Kindes geht es erst mal nicht. So jedenfalls sehen es die, die mit Trennung und Scheidung beruflich zu tun haben. Und darum hat sich in Schorndorf ein Arbeitskreis aus Familienrichtern, Anwälten, Verfahrensbeiständen und Vertretern des Kreisjugendamtes auf ein Verfahren geeinigt, bei dem der Elternkonsens im Vordergrund steht und der Fokus aufs Kind gerichtet ist.

Das großformatige Bild in Saal neun des Schorndorfer Amtsgericht zeigt für die Mitglieder des Arbeitskreises auf einen Blick, womit sie’s hier zu tun haben: Auf zwei untergehenden Herzinseln sitzen Mutter und Vater, dazwischen die Kinder auf einer Brücke, die nicht wissen, wohin sie gehören. Über der Szenerie zuckt ein Blitz. Das Werk, das Richterin Anke Eisenmann beim Plüderhäuser Künstler Anton Frey extra für den Gerichtssaal in Auftrag gegeben hat, ist in seinen Rottönen überdeutlich: Diese Eltern sind sich nicht mehr grün. Und doch, so die Botschaft, soll ihnen bei allem Schmerz über die gescheiterte Liebesbeziehung und aller persönlicher Not eines klarwerden: Bei Trennung und Scheidung kann es nicht ums Recht haben gehen, es muss darum gehen, einvernehmliche Lösungen zu finden, „damit das Kind nicht zerrissen wird im Kampf der Eltern“.

Gewinner, Verlierer und Kinder, die im Streit verschwinden

Und genau das ist für die Schorndorfer Familienrichterinnen Anke Eisenmann und Sabine Brennenstuhl viel zu lange passiert: Eltern haben sich im Trennungsstreit auf Anwälte und Richter verlassen, Gutachtern wurde die Entscheidung überlassen, wer nun der bessere Elternteil ist. „Gemeinsame Gespräche“, sagt Richterin Eisenmann, „fanden nicht statt“. Es gab Gewinner und Verlierer. Und wenn trotz aller Aufrüstung keine zufriedenstellende Lösung herauskam, wurde die nächste Instanz bemüht. Die Kinder aber „waren verschwunden im Streit“. Und weil auch Schorndorfer Familienanwälten irgendwann klarwurde, dass die ewigen Prozesse mit all den anklagenden Schriftsätzen zu nichts führen, sondern nur immer noch mehr Konflikte und Scheidungen produzieren, konnte sich das Amtsgericht in Sachen Elternkonsens auf den Weg machen.

Nachhaltige Lösungen zum Wohl der Kinder

Und mögen die Schorndorfer auch Vorreiter im Rems-Murr-Kreis sein, neu ist das Verfahren nicht: In Fachkreisen als „Cochemer Modell“ bekannt, haben sich die Familienrichter auch hier Verbündete gesucht und in Schorndorf ein Netzwerk geschaffen, das nur einem dienen soll: dem Kindeswohl. Und so findet am Amtsgericht seit zwei Jahren kein Verfahren um Umgangs- oder Sorgerecht mehr statt, an dem außer Richtern und Anwälten nicht auch von Anfang an Vertreter des Sozialen Dienstes im Kreisjugendamte beteiligt sind. Die Familienberatungsstelle des Jugendamtes bietet Eltern parallel dazu die Möglichkeit, in Gesprächen eigene Lösungen zu finden, und versucht, gegenseitiges Verständnis zu wecken. Und die Beratung soll Kindern zeigen: Ihr seid nicht allein. Der Kinderschutzbund ist ebenfalls mit im Boot. Und in harten Fällen kann das Gericht auch Verfahrensbeistände bestellen, die sich als Anwalt des Kindes besonders für dessen Bedürfnisse stark machen – und die Eltern immer wieder für die Frage sensibilisieren: „Möchten wir Krieg oder ein psychisch gesundes Kind?“ Eltern, so die Idee, sollen in dem Verfahren befähigt werden, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass es ihrem Kind gut geht.

Denn das bestätigen Studien zur Genüge: Kinder verkraften Trennung und Scheidung am ehesten, wenn sich die Eltern nicht fortgesetzt streiten. „Gerichtliche Entscheidungen“, sagt Richterin Anke Eisenmann, „helfen nicht wirklich weiter, um nachhaltige Lösungen zu finden“. Und so sehen sich die Familienrichter im Gerichtssaal, in dem sie nicht erhöht, sondern mit den Beteiligten an einem Tisch sitzen, bewusst in der Moderatorenrolle.

Sachliche Anwaltsschreiben ohne persönlichen Vorwurf

Damit dieses Verfahren aber überhaupt gelingen kann, haben sich auch acht Schorndorfer Anwälte verpflichtet, ihre Schriftsätze in Trennungsangelegenheiten sachlich, kurz und ohne persönliche Vorwürfe zu formulieren. Um den Streit nicht eskalieren zu lassen, wird auf eine Erwiderung des Antragsgegners vor dem Erörterungstermin verzichtet. Und wenn sie sich auch weiterhin als Interessensvertreter verstehen, Heidemarie Vogel-Krüger, Regina Hruscha und ihre Kollegen sehen sich – nach Artikel 1 der Berufsordnung – auch dem Grundsatz der Konfliktbegleitung und Streitschlichtung verpflichtet. Das Gericht ist bemüht, Termine kurzfristig zu vergeben, also innerhalb eines Monats nach Eingang des Antrags. Und kommt keine Einigung zustande, wird den Eltern kurzfristig ein Beratungsgespräch angeboten.

„Es gibt Wege, um zu guten Lösungen zu kommen“

Ein Verfahren, das offenbar Wirkung zeigt: In der Mehrzahl der Fälle finden die Parteien eine Lösung, mit der alle Beteiligten leben können. Die Mitglieder des Arbeitskreises, der sich viermal im Jahr trifft, arbeiten aber nicht nur zusammen, sie bilden sich auch gemeinsam fort. Und: Sie sind jetzt gemeinsam über die Presse an die Öffentlichkeit gegangen, um Betroffenen zu zeigen: „Es gibt Wege, um zu guten Lösungen zu kommen“, sagt Richterin Sabine Brennenstuhl. Denn von dieser schlichten Wahrheit sind alle überzeugt: Eltern lassen sich scheiden, Kinder nie.

Elternkonsens

Beim Elternkonsens geht es darum, bereits im Vorfeld eines Gerichtsverfahrens nach einer einvernehmlichen Lösung zu suchen. Wie das, auch mit vielfältiger Unterstützung, gelingen kann, stellt auch das Justizministerium Baden-Württemberg auf der Internetseite www.elternkonsens.de dar.

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