Zeitung in der Schule Kinder und ihre Lese-Vorlieben

Heidrun Gehrke, 18.11.2016 00:00 Uhr
Bild 1 von 7
Pinguin Paul, das Maskottchen der Kinderzeitung, zu Besuch bei Grundschülern in Schnait. Foto: Palmizi / ZVW
Pinguin Paul, das Maskottchen der Kinderzeitung, zu Besuch bei Grundschülern in Schnait.Foto: Palmizi / ZVW

Schorndorf/Weinstadt. Beeindruckend, wie vielseitig die Schüler mit dem Medium Zeitung arbeiten: Viertklässler der Fuchshofschule in Schorndorf basteln aus alten Zeitungen im Kunstunterricht Fensterbilder. Grundschüler in Schnait singen morgens ihr selbst geschriebenes Zeitungslied. Schüler der Grundschule Birkmannsweiler spielen selbst Reporter. Mit einem Zeitungsfrühstück und einem Tanzworkshop ist das Projekt „Schüler machen Zeitung“ des ZVW gestartet.

Video: Auftaktveranstaltung "Zeitung in der Grundschule" mit der Klasse 4 der Grundschule Schnait.

Wie für die Großen gehört auch für die jungen Zeitungsleser die Tageszeitung auf den Frühstückstisch. Beim „Zeitungsfrühstück“ im Rahmen des ZVW-Projekts „Schüler machen Zeitung“ machen die Schüler die Erfahrung, die auch für erwachsene Leser zum täglichen Ritual gehört: Sie essen eine Brezel, trinken Tee und blättern sich durch den Lesestoff des Tages.

Ein Junge stürzt sich auf den Sportteil. Wort für Wort liest er einen Bericht vom Fußballfreundschaftsspiel des deutschen Teams gegen Italien am Vorabend. Zwei Mädchen interessiert, wie und wo es mit „ihrer“ Stadtbücherei in Schorndorf weitergeht. Ein Mädchen hat die Kulturseite aufgeschlagen: Kein Wunder, sie wird von einem spektakulär großen, vierspaltigen Bild ihres Lieblingshelden Harry Potter in die Besprechung des neuen Films hineingezogen.

35 Klassen aus 20 verschiedenen Schulen

Die Tageszeitung ist das Thema für Grundschüler aus 35 Klassen aus 20 verschiedenen Schulen aus dem Verbreitungsgebiet des ZVW. Das ZVW-Projekt „Schüler machen Zeitung“ wird medienpädagogisch betreut und das Zeitunglesen von den Klassenlehrern in den Unterricht integriert.

An einem Tisch in der Klasse 4 a der Fuchshofschule wird lebhaft über einen Artikel zum Reitsport diskutiert: „Ich verstehe es nicht, warum unten Stuttgart steht und oben was anderes“, reagiert sie auf eine Überschrift. Sie ist so zugespitzt, dass sich ihr Sinn für die Schülerinnen erst erschließt, als sie die erklärende Unterzeile dazu gelesen haben. „Kinder denken und lesen anders, sie achten anders auf die Wortwahl“, sagt die Klassenlehrerin Ursula Daiber.

Erst stehen die Lese-Vorlieben im Mittelpunkt

Die „vielen bunten Bilder“ sind ebenfalls ein Haltepunkt für die Augen, die sich zunächst an die Zeitung gewöhnen müssen. In der ersten Woche stehen die Lese-Vorlieben der Schüler im Mittelpunkt. „Sie suchen sich einen Artikel aus, den sie gerne lesen möchten, kleben ihn auf ein Blatt und erklären, warum sie sich dafür entschieden haben“, erzählt Karoline Weiß, Klassenlehrerin der 4 b.

Auch in ihrer Klasse blättern die Schüler zunächst die Zeitung von vorne bis hinten durch, schauen Bilder an und lesen Überschriften. Sie reagieren auf das Medium Zeitung, forschend, filternd und entdeckend. „Heute kommt noch Regen“, blinzelt ein Kind hinter der Seite mit der Wetterkarte hervor. „Ich lese immer erst den Paul“, rufen zwei Mädchen und drehen sich mit aufgeschlagener Zeitungsseite der Kinderzeitung des ZVW zur Tafel. „Ihnen ist aufgefallen, dass der „Paul“-Text in einer anderen Schrift mit leichter lesbaren Buchstaben gedruckt ist“, so die Klassenlehrerin.

Kinder werden zu Reportern

Die Zeitungsschüler bekommen Aufgaben zum Textverständnis und zum Aufbau der Tageszeitung gestellt. „Sie dürfen den Paul suchen und herausfinden, in welcher Rubrik sie ihn gefunden haben“, erklärt Karoline Weiß. So lernen sie die Aufteilung einer Zeitung in verschiedene Teile – die sogenannten „Bücher“ – kennen. Eine praktische Übung steht auch bevor, in der die Kinder zu Reportern werden. Karoline Weiß lässt sie einen Monat lang Unfallberichte in der Zeitung sammeln. „Als Abschluss dürfen sie selbst eine Unfallmeldung schreiben, natürlich über einen fiktiven Unfall“, sagt sie.

Neugierde an der Sprache

Manchmal beugen sich Kinder tatsächlich über die Seite mit den Todesanzeigen. „Viele fangen an, zu rechnen, wie alt die Person geworden ist, das ist praktizierte Mathematik“, erklärt Silke Fischer, Klassenlehrerin der 4 a in der Grundschule Birkmannsweiler. Ihre Schüler haben an einem Hip-Hop- und Breakdance-Workshop mit der Tanzakademie Minkov teilgenommen und durften Reporter spielen, die Artisten interviewen und Artikel schreiben.

Alte Zeitungen für den Bastel-Stapel

Die Neugierde an der Sprache ist für Deutschlehrerin Ursula Daiber Anlass zur Freude: „Die Schüler achten verstärkt auf die Rechtschreibung, sie sehen den unterschiedlichen Einsatz von Satzanfängen und Verben und haben bemerkt, dass Wortwiederholungen vermieden werden“, stellt sie fest. Auch ganz spielerisch hält die Zeitung Einzug in andere Lernfelder und Fächer. Karoline Weiß macht im Kunstunterricht Fensterdekorationen, Weihnachtskarten und Windlichter aus Zeitungspapier. Die gelesenen Zeitungen wandern nicht ins Altpapier, sondern schön säuberlich gestapelt auf den Bastel-Stapel im Klassenzimmer.

Jeden Morgen früh, die Zeitung lesen ohne Müh’

Viertklässler der Grundschule Schnait begrüßten Pinguin Paul und Annette Kumlin vom ZVW mit einem Zeitungslied

Kreative sprachliche Höchstleistungen vollbrachten die Viertklässler der Grundschule Schnait: Die Klasse von Lehrer Peter Carle hat ein eigenes Zeitungslied geschrieben, mit dem sie Pinguin Paul, das Maskottchen der Kinderzeitung, singend begrüßt. Denn Paul ist der Ehrengast bei ihrem Zeitungsfrühstück.

Da staunt ZVW-Marketingfrau Annette Kumlin nicht schlecht, als sie die Klasse 4 besucht. Bevor sie ihnen jede Menge Zeitungswissen näherbringt, singen die Schüler ihr und Paul ihr eigenes Zeitungslied vor: „Wir lesen jeden Morgen früh, die Tageszeitung ohne Müh’. Nachrichten von der ganzen Welt, von Armut und von ganz viel Geld. Blättern, lesen, interessant. Blättern, lesen, schon bekannt“.

„Es war eine Hausaufgabe, die an einem Nachmittag gelöst wurde“, erzählt Klassenlehrer Peter Carle. Fünf Schüler haben einen Text geschrieben zur Melodie des gemeinsamen Morgenbegrüßungslieds - natürlich mit einem Bezug zur Zeitung. Einen Tag später wurde der Text von allen gesungen und eingeübt, damit beim Besuch von Paul alles rundläuft. Nach der singenden Begrüßung wird der Pinguin von den Schülern gestreichelt und tätschelnd willkommen geheißen. Die jungen Zeitungsleser kennen „ihn“ und die Seite bereits bestens, auf der er ihnen in der Waiblinger Kreiszeitung begegnet. Weniger bekannt sind ihnen vorerst noch einige Begriffe, die ihnen begegnen werden während des ZVW-Projekts „Schüler machen Zeitung“. Annette Kumlin fragt, was sie über die Entstehung der Zeitung schon wissen. „Ich glaube, am Tag vorher“, antwortet ein Junge vorsichtig auf die Frage, wann die Zeitung fertig ist, die morgens erscheint. Er und die Mitschüler lernen, dass die Zeitung tagsüber und abends geschrieben und nachts gedruckt wird, damit sie morgens im Briefkasten liegt. Den Beweis für die Aktualität halten zwei Schüler in der Hand, die einen Artikel über das Fußballspiel gegen Italien lesen. Das Spiel war am Abend zuvor, aber es ist an diesem Morgen schon in der Zeitung. „Wie viele Zeitungen müsst ihr drucken?“, will ein Mädchen wissen. Bei vier täglichen Ausgaben sind das fast 40 000 Stück, erfährt sie.

Über ihr erworbenes Zeitungswissen führen die Schüler Buch. In einem „Lesetagebuch“ hält jeder Schüler auch die Lesegewohnheiten fest. „Man sieht schnell, ob Artikel sie interessieren und berühren. Die Geschichte vom Hund Elvis, der totgebissen wurde, hat sie beschäftigt“, so Peter Carle.

          2
 
Kommentare (0)