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Sprachwissenschaft Machst du rote Ampel

Jürgen Holwein, vom 05.02.2012 05:21 Uhr
Die Einwanderer haben auch Einfluss auf die deutsche Sprache Foto: Matthias Luedecke
Die Einwanderer haben auch Einfluss auf die deutsche Sprache Foto: Matthias Luedecke
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Potsdam - Kiezdeutsch ist eine Jugendsprache in urbanen Wohngebieten mit hohem Migrantenanteil. Heike Wiese hörte sie in den Neunzigern erstmals in einem Berliner Bus und ist ihr seither verfallen.

Guten Morgen, Frau Wiese, sprechen Sie Kiezdeutsch?
Nein. Das ist eine Jugendsprache, die beispielsweise in Wohnvierteln wie in Berlin-Kreuzberg, Neukölln oder Wedding gesprochen wird. Es ist eine sprachliche Koproduktion von Jugendlichen türkischer, arabischer, deutscher, bosnischer usw. Herkunft.

Wer spricht Kiezdeutsch?
Jungen und genauso Mädchen und junge Frauen. Kiezdeutsch spricht man nicht, weil die eigenen Großeltern irgendwann mal aus der Türkei eingewandert sind, man spricht es mit seinen Freunden im Kiez, unabhängig ­davon, ob die Familie aus der Türkei, aus Deutschland oder aus einem anderen Land stammt. Ähnliche neue Sprechweisen gibt es auch in vergleichbaren Wohnvierteln in ­anderen urbanen europäischen Zentren.

Was ist deutsch an Kiezdeutsch?
Alles. Es ist eine neue sprachliche Variation im Deutschen.

„Machst du rote Ampel“ bedeutet im Kiez so viel wie „Du gehst bei Rot über die Straße“. Klingt irgendwie falsch.
Das Kiezdeutsche hat seine eigenen Regeln, grammatisch komplex und sprachlich innovativ. Es ist eine gesprochene Sprache, mit grammatischen Eigenarten, wie sie für Dialekte typisch sind. Und sehr dynamisch.

Wirkt sich die Dynamik an der Basis auf die Hochsprache aus, die Sprache der Mittel- und Oberschicht?
Das Standarddeutsch ist eine eigene Variante. Es hat sozusagen das Bildungssystem hinter sich. Dialekte aber sind selten schriftsprachlich, es ist mündlicher Sprachgebrauch, meistens auf informelle Zusam-menhänge beschränkt. Ein starkes Bayrisch oder Sächsisch oder Schwäbisch benutze ich in der Familie, mit den Nachbarn, nicht bei einem öffentlichen Vortrag.

Es begann mit dem Buch „Kanak Sprak“ von Ferdun Zaimoglu in den 90er Jahren. Ich habe das positiv verstanden, so wie sich die Homosexuellen selbst als Schwule bezeichnet haben, weil es ein Ausdruck von Selbstbewusstsein war. Ich konnte da nichts Fremdenfeind-liches erkennen, von Zaimoglu gerade nicht.
Ja, das war die Rückeroberung eines negativ ­besetzten Begriffs. Die Bürgerbewegung der Schwarzen in den USA hat versucht, sich den Begriff ,Nigger‘ positiv anzueignen. Das hat aber nicht geklappt mit Kanak in der breiten Masse, überhaupt nicht, das ist immer noch eine ganz stark negative Assoziation. Im Gegensatz zu schwul, das kann ich auch neutral gebrauchen. Ich finde Kanak für ­diesen Dialekt allerdings nicht angemessen, es ist ein Schimpfwort für ‚Ausländer‘. Kiezdeutsch wird aber nicht von Ausländern gesprochen, sondern von Deutschen. Kiez-Sprecher sind alle in Deutschland geboren, sind alle in Deutschland aufgewachsen, der Opa kam vielleicht mal aus der Türkei. Aber das sind deutsche Jugendliche. Und es sind vor allem gar nicht nur Jugendliche mit Migrationshintergrund. Und es ist eben keine eigene ,Sprak‘, es ist ein Dialekt des Deutschen. Wie nennt ihr das eigentlich, wie ihr hier sprecht, haben wir die Jugendlichen gefragt. Sie haben gesagt, das ist das Deutsch, was wir hier sprechen. Das ist unser Kiezdeutsch. Das ist aus der Sprechergemeinschaft heraus entstanden.

Was hat Sie an der Kiezsprache angezogen?
Ich liebe Grammatik. Meine ganze Leidenschaft, zumindest beruflich, gilt der Grammatik. Wie Sachen zusammenpassen, wie sich ein System bildet, wie Leute intuitiv komplexe grammatische Strukturen anwenden, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ich ­lebe in Kreuzberg in Berlin und bin von diesem ­Dialekt umgeben. Als er mir zum ersten Mal auffiel, saß ich im Bus. Ich hörte Jugendliche sprechen. Ich hab’ sofort aufgehört zu lesen. Ich wusste, das musst du genauer untersuchen. Das hat sich dann zu einem meiner ­Forschungsschwerpunkte entwickelt und mich seitdem nicht mehr losgelassen .

Es gibt Leute, die sehen im Kiezdeutsch das Resultat einer mangelhaften Sprachförderung. Sie sehen darin eine Bereicherung des Deutschen. Wenn aber jemand älter wird, was dann? Streift er das Kiezdeutsche ab wie eine alte Haut?
Man wächst da heraus. In der Schule bringt mir Kiezdeutsch nichts. Da muss ich Standarddeutsch sprechen. Auch um gesellschaftlich voranzukommen, muss ich das Standarddeutsche beherrschen. Das geht den anderen Dialektsprechern genauso. Wenn sie nur breites Schwäbisch können, kommen sie auch nicht voran. Außer vielleicht in ihrem Kiez. Das Standarddeutsche ist sehr nah am Sprachgebrauch der Mittelschicht, und für ­Kinder aus anderen Schichten ist das Standarddeutsche eine größere Herausforderung. Wenn aber das Standarddeutsche so wichtig bei uns ist, müssen wir als Gesellschaft selbstverständlich dafür sorgen, dass wir auch ­allen die Chance geben, das zu lernen.

Das Thema ist emotional belastet. Müssen Sie gegen Fehl- und Vorurteile ankämpfen?
Ja. Ich bekomme nach jeder Veröffentlichung in den Medien Hass-E-Mails zum Beispiel. Gerade heute Morgen wieder. Ich kann Ihnen mal so etwas vorlesen. „Sehr geehrte Frau Wiese. Ist das ein Witz, oder meinen Sie das ernst. Ey Pussy, isch des Witz oder was is des mit Dir Alde. Ich hoffe sehr, dass ich das korrekt geschrieben hab. Falls nicht, verzeihen Sie mir bitte meinen Fehler. Ey Alde, ich hoffe ich war korrekt und Du bisch net angepisst Alde. Wieviel Geld hat man Ihnen für die Verbreitung dieses Schwachsinns bezahlt? Falls Sie es tatsächlich ernst meinen, tun Sie mir leid, wenn Sie sich haben kaufen lassen, ebenfalls.“ Das ist eine milde E-Mail. Ich kriege auch Beschimpfungen, die ich Ihnen nicht vorlesen würde. Das kommt massiv aus Fremdenhass und Fremdenfeindlichkeit. Das geht bis zu Drohungen gegenüber meiner Familie. Ich sehe da einen großen Aufklärungsbedarf in der Öffentlichkeit.

Wenn ich jetzt blöderweise sagen würde, lassma­ Schluss machen, wäre das falsch?
Es wäre perfekt.

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